Von Mensch zu Waldmensch

Von Mensch zu Waldmensch

Eine üppige Pflanzenvielfalt, eines der größten Höhlensysteme der Welt und die letzten großen Menschenaffen Asiens machen Borneo für Naturliebhaber zu einem ganz besonderen Urlaubsziel.

Laut wie Johnny Weissmüller im Tarzan-Film ruft Ranger Murtadza allmorgentlich seine Freunde im Regenwald des Semenggoh Wildlife Centre nahe Kuching im malaysischen Sarawak zum Frühstück. Bereits nach wenigen Minuten hangelt sich Orang-Utan-Mutter Saddamiah mit ihrem neugeborenen Nachwuchs an Lianen und gespannten Seilen von einem der bis zu 40 Meter hohen Urwaldriesen herab. Kurz hinter ihr taucht auch Tochter Ruby auf. Genüsslich lassen sie sich die auf einer Holzplattform ausgebreiteten Bananen, Papayas und Süßkartoffeln schmecken. Gerade in dem Moment, als Murtadza auch die hartgekochten Hühnereier hervorholt, schrecken die Damen jedoch auf.

Hoch oben im Blätterwald rauscht es, Baumkronen neigen sich und plötzlich gleitet Ritchie aus dem grünen Dickicht heraus. Nahezu 100 Kilo Lebendgewicht schweben an langen Armen mit über zwei Metern Spannbreite auf den Futterplatz zu. Ritchie ist der unangefochtene Chef der 30 Orang-Utans, die in dem 653 Hektar großen Naturreservat rund um das Wildlife Centre eine Heimat gefunden haben. Nachdem er die Futterbühne betreten hat, räumen alle anderen respektvoll das Feld. Wählerisch probiert Ritchie die Bananen, greift sich ein Ei und stopft Kokosnussfleisch in den Mund. Schließlich spült er alles mit kräftigen Schlucken aus einer angebotenen Milchflasche herunter und lässt sich dabei auch nicht vom Kameraklicken der Besucher des Zentrums stören.

1975 als Rehabilitationszentrum für verletzte, verwaiste und aus der Gefangenschaft befreite Orang-Utans gegründet, hat sich das Wildlife Centre inzwischen deutlich gewandelt. Aus den elf eingelieferten kleinen Patienten sind stattliche Eltern geworden, die bereits 19 Kinder zur Welt brachten. Nach und nach konnten alle Orang-Utans in das Naturreservat entlassen werden. Doch ohne Zufütterung kommen die in der Natur meist einzeln lebenden Tiere nicht aus. Zu klein ist das Reservat, das von menschlichen Siedlungen umgeben ist. Im unbelassenen Regenwald braucht jeder "Waldmensch", so die Übersetzung ins Deutsche, 100 bis 5000 Hektar, um sich selbst zu ernähren.

Doch der Regenwald auf Borneo, wie auch auf der benachbarten Insel Sumatra, wird immer kleiner. Die letzten Rückzugsgebiete der einst weit verbreiteten Menschenaffen sind in dramatischer Weise bedroht. Der WWF geht davon aus, dass die Orang-Utans "zwischen 1973 und 2005 die Hälfte ihres Lebensraumes durch großflächige Waldumwandlung und Brandrodung verloren." Einer kürzlich veröffentlichten Langzeitstudie von 38 internationalen Wissenschaftsinstitutionen zufolge verringerte sich der Bestand an Orang-Utans allein auf Borneo zwischen 1999 und 2015 um 148.000 Tiere, übrig geblieben sind geschätzt 70.000 bis 100.000. Damit gehören sie zu den am meisten gefährdeten Arten weltweit.

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Anderthalb Flugstunden entfernt, scheint der Regenwald rund um Mulu noch intakt zu sein. Touristen aus aller Welt zieht es in den Gunung-Mulu-Nationalpark, der neben seiner enormen Pflanzenvielfalt mit einem besonderen Phänomen aufwartet. Inmitten des Nationalparks starrt eine kleine Touristenschar an der "Deer Cave" auf den riesigen Eingang der Höhle. Kurz nach 17 Uhr schwirren Tausende von Fledermäusen in langgezogenen Formationen aus deren Inneren in den Abendhimmel. Die Höhle, die sie sich als Heimat auserkoren haben, gehört mit ihrem 415 Meter breiten und 100 Meter hohen Eingang zu den größten der Welt. Rund drei Millionen Fledermäuse hängen tagsüber weit oben an den Höhlendecken. Vor einigen Jahren wurde dieses riesige dunkle Reich aufwendig mit Holzstegen und Leuchten für Touristen ausgebaut. Es zählt heute zu den Highlights auf Borneo. Das bringt Geld in die entlegene Region. Das kommt auch Robert und seiner Familie vom Stamm der Berawan zugute. Die Einnahmen aus dem Transport von Touristen mit seinem Boot sind ein willkommener Zuverdienst.

Die Entwicklung des Ökotourismus könnte die weitere Abholzung des Regenwaldes auf der drittgrößten Insel unseres Planeten eindämmen. Ein bereits etabliertes länderübergreifendes Nationalparkgebiet im Hochland von Borneo sowie das vom WWF initiierte, 220 Tausend Quadratkilometer große Schutzprojekt "Heart of Borneo" geben Grund zur Hoffnung, dass auch die Waldmenschen überleben.

Die Redaktion wurde von Lotus Travel Service zu dieser Reise eingeladen.

(RP)