Thüringen erwartet den Papst

Thüringen erwartet den Papst

Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland, Stationen sind Berlin, Erfurt und Freiburg. Der Besuch in Thüringen nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein: Vor dem Erfurter Dom liest der Papst eine Messe, im Eichsfeld feiert er eine Vesper.

erfurt Der schlichte Kapitelsaal des Augustinerklosters wird beim Papst-Besuch in Erfurt zum Schauplatz einer bedeutungsvollen Begegnung. Dort trifft sich Benedikt XVI. mit Präses Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, zum ökumenischen Gespräch. Die Würdenträger, begleitet von 40 Delegierten, nehmen auf einfachen Stühlen Platz, ein Tisch ist nicht vorgesehen. "In diesem Raum wird Kirchengeschichte geschrieben", sagt Lothar Schmelz.

Schmelz ist Geschäftsführer des evangelischen Klosters, das neben Kirche und Kreuzgang ein 100-Betten-Hotel beherbergt. "Bei uns wandelt der Papst auf den Spuren Martin Luthers", fügt er hinzu. Dass das Oberhaupt der Katholiken eine Wirkungsstätte des Reformators Martin Luther aufsucht, wird als wichtiges Zeichen im Sinne der Ökumene gedeutet. Zum Wortgottesdienst in der Augustinerkirche hat sich der Bundespräsident angesagt, 285 Christen beider Konfessionen sind eingeladen.

Die überwiegend protestantische Landeshauptstadt Erfurt und die Region Eichsfeld, eine Enklave des Katholizismus, sind nach Berlin und vor Freiburg Stationen der päpstlichen Deutschland-Reise (22. bis 25. September). Die Schönheiten Erfurts und seinen Reichtum an Kirchen und historischen Stätten wird der hohe Besuch nur am Rande wahrnehmen können. Noch am Nachmittag des ersten Tages fliegt ein Helikopter den Papst zum Pilgerfeld Etzelsbach, mit über 20 Hektar so groß wie 40 Fußballplätze. Den Altar nahe der winzigen Kirche, ein wichtiger Marien-Wallfahrtsort, erreicht er mit dem Papamobil. An der einstündigen Vesper können bis zu 100 000 Gläubige teilnehmen. Auf Straßen und auf eine in die Natur dauerhaft eingreifende Infrastruktur wurde bewusst verzichtet. "So bleibt das Pilgerfeld die emotionalste Station", erklärt Peter Kittel vom Koordinationsbüro Eichsfeld. "Ein intensiveres Gefühl des gemeinsam zelebrierten Glaubens kann es nicht geben. Die Vesper, die Kerzen, die Dämmerung, der Sonnenuntergang, der Rückweg – ein unvergessliches, meditatives Erlebnis."

In allen Eichsfeld-Orten betrachtet man den Papstbesuch als hohe Ehre. Und als Dankeschön für die zu 85 Prozent katholische Bevölkerung, die ihren Glauben über zwei Diktaturen rettete – allen Repressalien durch Nationalsozialismus und Sozialismus zum Trotz.

(RP)
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