Skiurlaub in Zermatt: Lohnt sich das Skifahren dort?

Urlaub in den Alpen: Skifahren in Zermatt ist teuer - lohnt sich das auch?

Teurer als in Zermatt kann man einen Skiurlaub in den Alpen kaum verbringen. Aber die Qualität der Lifte, Pisten, Hütten ist auch hervorragend.

Mit dem Fortschreiten der Saison geraten die höher gelegenen Skigebiete in den Fokus. Und damit Zermatt, das gerade besonders auf sich aufmerksam macht: Seit kurzem befördert dort der „Matterhorn Glacier Ride“ bis zu 2000 Gäste pro Stunde auf die mit 3821 Metern höchste Bergbahnstation der Alpen.

Die 53-Millionen-Euro-Investition ist nur das jüngste Beispiel für eine ganze Reihe von Großinvestitionen, mit denen sich die wichtigsten Skiressorts Europas derzeit gegen den Kundenschwund stemmen. Vor zehn Jahren verbrachten Skifahrer noch 29 Millionen Tage auf Schweizer Hängen. In der Saison 2017/18 waren es nur noch 23,4 Millionen. Der Klimawandel, neue Wintersport-Trends und der Wettbewerbsdruck durch die nicht minder investitionsfreudigen Österreicher sind wesentliche Gründe.

Der wichtigste wird aber wohl die Währung sein: 2008 gab es für einen Euro noch 1,62 Schweizer Franken, heute nur noch 1,15. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Wintertouristen aus Deutschland in Zermatt beinahe halbiert. Nach Angaben des örtlichen Tourismus-Managements verbrachten deutsche Wintertouristen vor zehn Jahren noch 243.000 Nächte in Zermatt. Zuletzt waren es weniger als 120.000. Und so ist das mit über 360 Pistenkilometern lockende Skigebiet, das bis ins italienische Breuil-Cervinia reicht, nicht nur das höchstgelegene der Alpen, sondern auch eines der teuersten.

Ist es den Preis auch wert?

Das viel beachtete Internet-Portal „Skigebiete-Test.de“, das soeben über 250 Ressorts weltweit einem aufwändigen Test unterzogen hat, sagt Ja. Die Tester sehen Zermatt auf Platz eins – vor allem wegen der neuen Bahn zum Kleinen Matterhorn. Andere Skigebietstester loben die ebenfalls neue Möglichkeit, mit einer frühzeitigen Online-Buchung beim Kauf eines Zermatter Skipasses hohe Rabatte von mehr als 20 Prozent zu ergattern.

Diese beiden Argumente wiegen allerdings weniger schwer, als es auf den ersten Blick scheint. Zum einen kam man vor der Eröffnung der neuen, vom Star-Designer Pininfarina gestalteten „Glacier-Ride-Bahn“ auch schon auf das Kleine Matterhorn, um sich dort vor der Kulisse mehrerer Dutzend 4000er in eine rund 17 Kilometer lange Talabfahrt zu stürzen. Mit der alten Pendel-Seilbahn dauerte es nur länger.

Zum anderen ist der dynamische Online-Rabatt offenbar nicht so hoch, wie viele Touristen hoffen: Fünf Prozent gibt es quasi immer, auch noch bei einer Buchung am Vorabend. Aber selbst, wer Wochen im voraus online buchen will, kann sich keineswegs auf die in Aussicht gestellten höheren Rabatte verlassen. Das ergaben mehrere Stichproben unserer Redaktion. Wie viele Pässe online tatsächlich mit mehr als fünf Prozent Rabatt verkauft werden, wollte der örtliche Betreiber der Bergbahnen auf Anfrage nicht sagen. Das werde erst am Ende der Saison bekannt gegeben, heißt es in Zermatt.

Regulär kostet der auch im italienischen Teil des Skigebietes gültige Sechs-Tage-Pass in der Zermatter Hauptsaison rund 400 Euro. Zum Vergleich: Im französischen Giga-Skigebiet Trois Vallees sind es rund 300 Euro und im österreichischen Sankt Anton rund 290 Euro. Diesen Aufpreis muss einem das Skifahren zu Füßen des majestätischen Matterhorns wert sein, diesem wohl ikonischsten und formschönsten aller Berge überhaupt.

Aber beim Skipass bleibt es ja nicht. Das Hotel, die Hütten für die Mittagsjause und die Pizza am Abend wollen auch noch bezahlt werden – und für letztere zahlt man auch schon mal 30 Franken. Schon die Anreise in das Urlaubsparadies ist teuer. Weil in Zermatt nur Elektroautos erlaubt sind, muss der eigene Pkw in der Regel in einer Tiefgarage weit vor dem Ort geparkt werden. Allein für letzteres fallen bei sieben Tagen Aufenthalt schnell rund 100 Euro an. Alles in allem kostet ein vergleichbarer Skiurlaub in Österreich oder in Frankreich grob geschätzt ein Drittel weniger.

Falls ein Skiurlaub in Österreich oder in Frankreich überhaupt vergleichbar ist. Denn genau an dieser Frage scheiden sich die Geister. Unbestritten ist die Aura des Matterhorns, die weit über die Pisten hinaus bis in den Ortskern strahlt. Es genügt nicht, diesen Berg der Berge auf Fotos gesehen zu haben. Man muss vor ihm stehen, um seine Erhabenheit zu spüren. Allerdings auf der schweizerischen Seite – aus italienischer Perspektive ist das Matterhorn ein optisch völlig belangloser Fels.

Obwohl der Ort zu einer beachtlichen Touristen-Metropole herangewachsen ist, hat Zermatt sich den Charme eines heimeligen Bergdorfes bewahrt. Strenge architektonische Vorgaben für Neubauten haben die Gemütlichkeit der eng stehenden Holzhäuser im Ortskern konserviert. Die Skihütten auf den Pisten sind kein nachgebautes Alpen-Idyll, sondern überwiegend authentische Berghöfe mit teilweise Jahrhunderte alter Geschichte. Fast alle sind äußerst geschmackvoll für die zahlungskräftige Kundschaft der gehobenen Gastronomie umgebaut. Es gibt Schlimmeres, als auf 2100 Metern Höhe im Uralt-Gasthaus Chez Vrony zu sitzen, auf die Sahneseite des Matterhorns zu blicken und dabei eine Trüffel-Pasta zu verspeisen. Die kostet allerdings auch 34 Schweizer Franken (rund 30 Euro), inklusive eines Glases Rotwein knapp zehn Franken mehr.

Das Zermatter Après-Ski- und Nachtleben setzt die Linie fort: Hervorragende Livebands mit „Rock-den-Saal“-Garantie sind Standard, die abendliche Stimmung in den entsprechenden Lokalen schwebt zwischen Heiterkeit und Eleganz – und vor allem in deutlichem Abstand zur plumpen Bierpilz-Albernheit anderer Skigebiete.

Auch was das Kerngeschäft – das Angebot auf den Hängen – betrifft, hat Zermatt sich prächtig entwickelt. In der Summe hinken Leistungsfähigkeit und Komfort der Liftanlagen österreichischen Top-Gebieten wie etwa Sankt Anton nur noch leicht hinterher. Aber längst ist der Abstand nicht mehr so groß wie noch vor zehn Jahren, als man gefühlt die Hälfte seines Zermatt-Urlaubes in veralteten Schleppliften verbracht hat.

Die Pisten werden akkurat präpariert und sind wegen ihrer Breite und ihres vergleichsweise schwachen Durchschnittsgefälles überwiegend familientauglich. Und wer das nicht mag, findet fast immer direkt neben der Piste noch eine Schaufel Pulverschnee oder kann gleich auf die 36 bewusst unpräpariert gelassenen Pistenkilometer ausweichen. Die schönsten Freeride-Optionen bietet das 3542 Meter hohe Stockhorn.

Das Matterhorn ist ein Mythos, von dem das Skigebiet und auch der Ort selbst profitieren. Was ist ein Mythos wert? Das weiß man erst, wenn man ihn erlebt hat. Das relativ teure Preisgefüge in Zermatt ist gut erklärbar. Ob es gerechtfertigt ist, weiß man erst, wenn man dort war.

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