Riga: Riga feiert die Ökumene

Riga: Riga feiert die Ökumene

Bis Sonntag treffen sich auf Einladung der französischen Taizé-Bruderschaft Tausende junge Menschen aus Europa in der lettischen Metropole. Die Stadt ist dann noch quirliger als ohnehin.

Mit enormer Energie haben Rigas Bürger binnen zwei Jahrzehnten das unerbittliche Grau und Braun der Sowjetzeit in die Vorstädte zurückgedrängt. Lettlands Metropole leuchtet wieder, war 2014 Europas Kulturhauptstadt. Nun kommen dort von heute bis Sonntag auf Einladung der Taizé-Bruderschaft aus Frankreich Tausende Jugendliche aus ganz Europa zusammen. Sie wollen gemeinsam beten, singen und Völkerverständigung leben.

Riga ist eine deutsche Gründung; die Deutschbalten haben die Geschicke der mit heute rund 700.000 Einwohnern größten Stadt des Baltikums bis ins 20. Jahrhundert mitgeprägt. Die Ähnlichkeit mit Lübeck kommt nicht von ungefähr: Mit dessen Gründung 1159 war ein verkehrsgünstiger Ausgangspunkt für den deutschen Ostseehandel entstanden. Eine neue Blüte erlebte Riga mit der Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, was ein Spaziergang durch die Innenstadt belegt. Ganz nebenbei ist Riga eine wenig bekannte Metropole des europäischen Jugendstils. Etwa 800 Gebäude, rund ein Drittel des Stadtzentrums, stammen aus dieser Epoche - was der Unesco einen Eintrag in die Liste des Weltkulturerbes wert war.

Die Bürgerhäuser an der Albert- und der Elisabethstraße gehören zum Kühnsten, was der Jugendstil in Europa hervorgebracht hat. Größter Virtuose der Formenvielfalt ist der Architekt Michail Eisenstein (1867-1921), ein deutschbaltischer Jude und Vater des berühmten sowjetischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin"). Die Jahrhunderte der Fremdherrschaft gipfelten in der Erniedrigung unter dem Sowjetstern. Das erste kurze Intermezzo lettischer Unabhängigkeit seit 1918 wurde 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt beendet, der Platz um das symbolträchtige nationale Freiheitsdenkmal von 1935 von den Sowjets zum Busbahnhof degradiert. Wie schon im Ersten Weltkrieg machten Nazis und Sowjets Riga und das Baltikum zum Schauplatz und Spielball wechselnden Schlachtenglücks. Letztere behielten die Oberhand und betrieben über Jahrzehnte eine massive Russifizierung der Stadt.

Wer sich besonders für Zeitgeschichte interessiert, dem sei das Okkupationsmuseum am Rand der Altstadt empfohlen. Es hat die Zeit der deutschen und der sowjetischen Besetzung (1940-1991) zum Thema und zeigt diese schmerzhafte Epoche in beklemmender Intensität.

Seit der politischen Wende 1990 hat sich Riga einmal mehr an einen spektakulären Neuanfang gemacht. Die Restaurierung der prächtigen Altstadt ist weitgehend abgeschlossen. Als Höhepunkt wurde 1999 der Wiederaufbau des Schwarzhäupterhauses beendet, Wahrzeichen aus der Hansezeit und 1948 infolge deutscher Kriegszerstörung abgerissen.

Bei den sangesfreudigen Letten spielt die Musik eine besondere Rolle. Dass es in Lettland mehr Lieder als Menschen gibt, und dass all diese Lieder dennoch gesungen werden wollen, das wird nicht nur in der Mittsommernacht vor dem Johannistag (lettisch "Jani", 23./24. Juni) im ganzen Land unter Beweis gestellt. Der Lette fährt dann aufs Land, bindet Kränze aus Eichenlaub und Sommerblumen und wirft sich in die Nationaltracht.

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Daneben bietet Riga natürlich noch die üblichen Attraktionen einer besonderen Stadt: das kulinarische Must, graue Erbsen mit Speck - was unspektakulärer klingt, als es schmeckt; ein Besuch in den urigen Restaurants "1221" oder "Rozengrals", und - etwas schwieriger, aber verheißungsvoll - die Entdeckung der kreativen äußeren Stadtviertel, die sich rasant entwickeln. Am anderen Düna-Ufer etwa liegen die lange Zeit verschlafenen Dörfer Agenskalns und Kipsala. Sie bieten noch wenig bekannte Perspektiven auf die Stadt.

Der kapitalistische Nachholbedarf bringt allerdings auch Kehrseiten mit sich: Armut, Prostitution, soziale Konflikte zwischen Arm und Neureich und zwischen Letten und russischer Minderheit. Mädchen mit Smartphones und hohen Absätzen steuern am Abend mit der Tram vom Stadtzentrum in die tristen Vorstädte; schwarze Luxuslimousinen biegen am Ende ihrer Fahrt aus dem Zentrum in schlechte Nebenstraßen ab. Statussymbole gehören zum Dabeisein. Für Wohnen bleibt da oft kein Geld übrig.

Das Taizé-Jugendtreffen soll nun Brücken bauen zwischen den Konfessionen, Völkern und Ländern. Das hofft auch der katholische Erzbischof von Riga, Zbignevs Stankevics. "In einer Zeit, in der sich weltweit die Konflikte verschärfen und Mauern gebaut werden, ist der geistige Impuls sehr wichtig", ließ sich Stankevics zitieren. Auch sein evangelisch-lutherischer Amtskollege Janis Vanags freut sich auf "ein wunderbares Ereignis in Riga". Der Erzbischof rief seine Landsleute auf, gute Gastgeber zu sein.

Die Stadtverwaltung wirbt derweil um gute Gastgeber für die Scharen von Jugendlichen, die Riga um die Jahreswende bevölkern werden: Mit nur zwei Quadratmetern Platz auf dem Fußboden könne ein junger Reisender ausreichend komfortabel und in Ruhe schlafen, so ist es auf der Internetseite der Verwaltung zu lesen.

Neben Thementreffen und Gebeten wird es auch ein Kulturprogramm und immer wieder Gespräche geben. Höhepunkt des Jugendtreffens, das die geistliche Gemeinschaft seit den 70er Jahren organisiert, ist die Feier eines alternativen Jahreswechsels in Form eines "Gebets für den Weltfrieden" und eines "Festes der Völker".

(kna)
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