Reise-Tipp Kangaroo Island in Australien: Eine Schatzkammer der Natur

Australien : Schatzkammer der Natur

Kangaroo Island im Süden Australiens ist die Heimat von Koalas und Kängurus und ein weltentrückter Fluchtort. Zwischen der Südküste der Insel und der Antarktis liegt nur Wasser.

Als die Sonne sinkt, hüpfen Kängurus auf die Lichtung wie auf eine Bühne. Für ihr Publikum scheinen sie sich nicht zu interessieren. Nur, wenn die Menschen ihnen zu nahe kommen, schauen die Tiere vom Gras auf. Rücken die Zweibeiner trotz dieses Signals weiter auf, springen die Kängurus davon.

Als Lucy Edward die Lichtung quasi von Hand rodete, hatte sie für Tierbeobachtung wenig Sinn. 1940 war sie mit ihrem Mann hergekommen. Nach seinem Tod drei Jahre später blieb sie mit einem kleinen Sohn zurück und bewirtschaftete die Farm Grassdale fortan alleine. Erst 1970 verließ sie ihr karges Cottage und zog in eine komfortablere Unterkunft in der Insel-Hauptstadt Kingscote. Das Farmland schenkte sie dem Kelly Hill Conservation Park. Seither gehört es mitsamt der mühsam frei gelegten Schafweide Wallabys und Kängurus.

Bill, Biologe und Natur-Guide, liefert die Fakten zu dem friedlichen Bild. Er weiß, dass die Kängurus sich seit der Trennung der Insel vom 15 Kilometer entfernten Festland vor 10.000 Jahren zu einer kleineren und dunkleren Subspezies des Westlichen Grauen Riesenkängurus entwickelten. So erwarben sie den schönen Namen „Kangaroo Island Kangaroo“.

Auch die auf dem Kontinent fast ausgestorbenen Tammar Wallabys sind kleiner als ihre Cousins vom Festland. Dingos und Füchse kamen nie her, den im 20. Jahrhundert eingeführten Wildkaninchen machten Heath Goannas, große Echsen mit ebensolchem Appetit, den Garaus. So genießt die australische Fauna hier bessere Bedingungen als auf dem Festland, wo der Mensch und eingeschleppte Arten ihr zusetzen. Tatsächlich ist die zu mehr als einem Drittel aus Nationalparks und Schutzgebieten bestehende, mit 4400 Quadratkilometern drittgrößte Insel Australiens – nach Tasmanien und Melville – zu einem Natur-Tresor für den Kontinent geworden.

1923 wurden 18 Koalabären auf Kangaroo Island angesiedelt. ­Daraus sind mittlerweile 50.000 Beuteltiere geworden. Foto: Stefanie Bisping

Eigentümlich sind der Schnabeligel, ein eierlegendes Säugetier, und das 1928 auf die Insel gebrachte Schnabeltier, ein Wesen, das auf halbem Weg zwischen Reptil und Säuger Halt gemacht hat. Nur zum Thema Schlangen schweigt Guide Bill diskret. Dann rückt er doch damit heraus, dass es hier nur zwei Arten gebe, nämlich die hochgiftige schwarze Tigerotter und die seltenere, aber kaum weniger beunruhigende Zwergkupferkopfschlange.

Rund um die Kalkklippen des mit Stalaktiten behangenen „Admirals Arch“ im Südwesten leben 7000 Pelzrobben, im „Seal Bay Conservation Park“ 10.000 Exemplare der bedrohten australischen Seelöwen. Während die Menschen früher mit ihnen zu schwimmen versuchten oder sie mit Steinen bewarfen, wird das Habitat der Tiere an der Südküste heute strikt geschützt. Es erlaubt Besuchern aber beschränkte Annäherung an die Seelöwen, die sich aus dem Wasser wälzen, wie Treibholz im Sand liegen oder lautstark nach ihren Jungtieren rufen.

Die Ansiedelung von Koalabären war besonders erfolgreich. 18 Beuteltiere wurden 1923 hergebracht, als die Bestände auf dem Festland durch Jagd bedrohlich schrumpften. Heute leben über 50.000 auf Kangaroo Island, wo es viel Eukalyptus gibt, aber nur gelegentliche Buschfeuer den Bestand kontrollieren. So groß ist ihre Zahl, dass Koalas von hier nach Queensland und New South Wales gebracht werden. Ein etwas dickeres Fell haben sie sich auf Kangaroo Island zugelegt, um sich an die kühleren Winter im Süden des Kontinents anzupassen.

Am nächsten kommen Besuchern den Koalabären im Schutzgebiet in der Hanson Bay. Auch hier leben die Tiere wild, doch intensiver Eukalyptusduft erklärt, warum hier besonders viele anzutreffen sind. Zwar verbringen Koalas achtzehn Stunden des Tages schlafend. Die übrigen vier gehören aber dem Verzehr von Eukalyptusblättern. So lohnt es sich, auf dem „Koala Walk“ den Blick nach oben zu richten, um die Tiere bei ihren typischen Beschäftigungen zu sehen.

Während die Insel einst vor allem Camper aus Adelaide lockte, kommen heute Urlauber aus dem ganzen Land – und sogar aus Übersee. Das führt zur weiteren Erschließung der Insel, die noch in den achtziger Jahren nur Schotterpisten besaß. Heute erlauben glatt asphaltierte Landstraßen, sie an einem Tag abzufahren.

Auch sonst stehen die Zeichen auf Entwicklung. Der Flughafen von Kingscote, der in seiner Schlichtheit den Charme der fünfziger Jahren verströmt, wird derzeit erweitert. Ein Golfplatz ist in Planung, ebenso weitere Resorts. Dabei müssen Urlauber schon jetzt nichts entbehren. Seit 1997 wird auf Kangaroo Island Wein angebaut, sechs Weingüter zählt die junge Weinregion heute. An Meeresfrüchten herrscht kein Mangel, zudem werden hervorragender Käse, Honig und sogar Gin hergestellt. Jon und Sarah Lark aus Sydney brennen hier seit zwölf Jahren „Kangaroo Island Spirit“.

Was als Hobby begann, hat sich zur Produktion von 13.000 Flaschen im Jahr entwickelt. Noch immer verkaufen sie ihre preisgekrönten Gins und zwei Liköre in einem Holzhäuschen auf der Insel. Vertrieben werden sie aber längst in ganz Australien. „Für uns war die Insel mit ihrer jungen Wein- und Food-Szene der ideale Ort, unsere Vision zu realisieren“, sagt Jon. Nun arbeiten die Larks daran, den „Island Spirit“ auch dem Rest der Welt zugänglich zu machen.