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Der Hunger auf Abwechslung: Skifahren allein ist nicht mehr genug

Der Hunger auf Abwechslung : Skifahren allein ist nicht mehr genug

Früher wollten Urlauber im Winter schöne Skipisten und am Abend eine deftige Brotzeit. Den verwöhnten Touristen von heute reicht das längst nicht mehr. Mit immer neuen Spektakeln und Genüssen kämpfen die Tourismusregionen um die Wintersportler.

Wenn in La Plagne der Tag auf der Piste zu Ende geht, holt die Skischule das Spielzeug heraus. Zur letzten Abfahrt können die Gäste sich ein Airboard unter den Bauch klemmen oder sich auf ein Snakegliss setzen, eine Art Bobschlange. Und wer keine Lust auf Piste hat, klettert den 22 Meter hohen Eisturm in Champagny en Vanoise hinauf oder rast im Viererbob durch den Eiskanal. Die Attraktionen in dem französischen Skigebiet sind die Antwort auf einen Trend, der in den vergangenen Jahren den Winterurlaub verändert hat: Skifahren allein ist vielen Gästen nicht mehr genug.

Immer mehr Urlauber wollen Vielfalt

Es gebe immer mehr sogenannte variety seekers, sagt Carsten Cossmann von der Tui, "also Urlauber, die Abwechslung wollen und nicht immer nur auf die Piste." Die ehrgeizigen Wintersportler, die wie früher alles aus ihrem Skipass rausholen wollen, würden weniger. Und immer mehr Gäste verzichten ganz auf Pistensport, sagt Cossmann. Auch der Tourismusforscher Martin Lohmann beobachtet eine "starke Differenzierung dessen, was man tagsüber im Skigebiet macht". Zum Teil sei diese angebotsgetrieben. "Wenn die Schneeschuhe im Hotel herumstehen, probiert man sie eben mal aus", sagt der wissenschaftliche Leiter des Kieler Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa.

Die Konkurrenz unter den Skigebiete ist groß

Das Auffächern in kleinere, spezifischere Angebote ist eine typische Reaktion darauf, dass ein Markt gesättigt ist. Die Wintersportgebiete haben mit der Konkurrenz der Fernreiseziele zu kämpfen, die heute deutlich günstiger zu erreichen sind als vor 30 Jahren. Und viele Touristiker in den Alpen klagen laut Lohmann, dass weniger Kinder als früher in der Schule das Skifahren lernen. Als Reaktion versuchen die Wintersportorte, mit neuen Attraktionen neue Zielgruppen anzulocken. "Das ist ein Prozess, der seit 20 Jahren läuft", sagt Lohmann.

Nervenkitzel für Touristen

Also werden überall Igludörfer gebaut, Snowparks angelegt, Langlauf-Loipen erweitert und Rodelbahnen nachts beleuchtet. Es gibt Kutsch-, Hundeschlitten- und Ballonfahrten, Winterreiten und Lama-Trekking. In Le Grand-Bornand können Erwachsene mit dem Véloski, einem Rad mit Kufen, talwärts brettern und Kinder mit elektrischen Quads über eine Eisbahn schlittern. Und das Berchtesgadener Land kitzelt mit Snowtubing, Zipfelbobfahren und Skispringen die Nerven seiner Gäste.

Von Sternegucken bis Wandern ist alles möglich

Auf dem Schareck in Heiligenblut soll der winterliche Sternenhimmel das neue Highlight sein. Donnerstags bringen Gondeln Gäste auf rund 2600 Meter Höhe, wo in diesem Winter ein neuer Sternbeobachtungsplatz eröffnet. Durch Astroferngläser und Teleskope können sie dann nachts ferne Planeten betrachten. Auch im Trentin setzt man auf die Neugier der Gäste. In Trento hat in diesem Sommer das größte wissenschaftliche Museum Italiens eröffnet, entworfen von dem Architekten Renzo Piano. Auf den fünf Stockwerken des MUSE durchlaufen Besucher alle alpinen Ökosysteme von den Gletschern bis hinab zu den Tälern.

An sonnigen Tagen spazieren skifaule Gäste aber wohl lieber im Freien. Für jene Urlauber, die Ruhe und Entschleunigung suchen, räumen die Skigebiete zunehmend den Schnee von den Wegen durch Wiesen und Wälder. Gstaad brüstet sich mit 200 Kilometern Winterwanderwegen, Achensee hält mit 150 Kilometern dagegen. Wer lieber durch den Tiefschnee die Hänge hoch stapft, kann sich mittlerweile in fast jedem Urlaubsort in den Alpen Schneeschuhe ausleihen. "Das Schneeschuhwandern ist eine echte Alternative zum Skifahren, weil es neue Räume zugänglich macht", sagt Lohmann. Und man sei dabei nicht der Hektik auf den Pisten ausgesetzt, auf denen Skifahrer und Snowboarder im Vertrauen auf Helm und Rückenpanzer immer schneller bergab rasen. Weniger langfristige Chancen gibt Lohmann neuen Spielzeugen wie den Snowtubes. "Aufgeblasene Reifen oder Véloski sind mal ein Spaß, haben aber keine lange Halbwertszeit", vermutet der Tourismusforscher.

Viele Hoteliers investieren in Wellness

Dauerhaft scheint dagegen ein Trend zu sein, der seit Mitte der 1990er Jahre die Berge erobert hat: Wellness. "Vor allem in der Schweiz und in Österreich haben viele Hoteliers in Wellness investiert", sagt Martin Lohmann. Kaum ein größeres Hotel verzichtet heute auf ein Spa. Und Thermen wie Leukerbad im Wallis, die Rupertustherme in Bad Reichenhall oder das Tauern Spa in Zell am See liefern sich einen harten Wettbewerb, welche die größte und spektakulärste Bäderlandschaft der Alpen ist.

In Bad Gastein haben Pistenmüde sogar die Wahl zwischen zwei Thermen und einem Heilstollen, in dem einst Gold geschürft wurde. Und wer sich genug im warmen Blubberwasser entspannt hat, kann sich in dem alten Kurort auch noch der Kultur widmen. Das "Art on Snow" im Februar soll das größte Kunstfestival der Alpen sein. Gemälde, Zeichnungen und Fotografien werden ausgestellt, und an mehreren Orten im Gasteinertal modellieren Künstler Schnee- und Eisskulpturen. Einen Monat später schiebt Gastein das International Snow Jazz Festival nach. Ischgl kontert mit Popkonzerten auf 2300 Metern Höhe, die Seiser Alm mit "Swing on Snow" und Zermatt mit einem Unplugged-Festival. Bei so viel Zerstreuung könnte man beinahe das Skifahren vergessen.

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(dpa)