Eurovelo 10 nach Sankt Petersburg führt durch grandiose Landschaften

Radfahren : Nach Sankt Petersburg mit dem Rad

Der Eurovelo 10 führt durch grandiose Landschaften voller dramatischer Geschichte.

Ratter, ratter, ratter. Mal wieder Betongitter als Untergrund. Auch nicht besser als holprige Panzerstraßen oder Sand. Anstrengend ist das. Ich schwebe trotzdem im Glück. Denn mich begleiten rauschendes Meer, ächzende Kiefern Möwengeschrei und immer neue Blicke auf weißen Strand.

Und dann das: Während links die Wellen landen, schiebt sich rechts eine große, glatte Wasserfläche ins Blickfeld. Haff und Meer, beides getrennt nur von 250 Meter Land. Die erste Nehrung der Reise, kurz hinter dem Fischerort Mielno.

Es ist Tag drei meiner Radtour von der deutsch-polnischen Grenze nach St. Petersburg. Tag drei meines abenteuerlichen Plans, die Ostsee per Drahtesel zu erobern. Ich will wissen wie sie dort ist, wo sie Baltisches Meer heißt und im Norden oder Westen liegt. Eurovelo 10 heißt der Weg immer der Küste entlang, bis St. Petersburg sind es 2300 Kilometer.

Eurovelo 10. Klingt nach Radpiste. Doch in Polen schiebe ich oft über Wurzeln, Matsch und grobes Pflaster. Die Beschilderung ist spärlich, in Russland fehlt sie ganz.

Als Lohn erwarten mich hunderte Kilometer fast unberührte Küste. Bei Łeba und auf der Kurischen Nehrung überwältigen riesige Dünenlandschaften. Fischerstädtchen, Leuchttürme, Burgen und Kirchen in rotem Backstein als mächtige Zeugen des Deutschordens wechseln sich ab. Der Weg führt durch im Krieg zerstörte und großartig wieder aufgebaute Hansestädte wie Danzig, Marienburg oder Riga.

Dann wieder gewaltige Häfen: Kaliningrad (Königsberg), Klaipeda, Liepaja, Ventspils. Gleich vier Stätten des Weltkulturerbes gehören zur Route: Marienburg, die Kurische Nehrung, Riga mit seinem Jugendstilviertel, das mittelalterliche Tallinn und das unermesslich pompöse Barock-Juwel St. Petersburg. Und es lockt elegante Bäderarchitektur: Sopot bei Danzig, Selenogradsk (Cranz) bei Kaliningrad oder das lettische Jurmala.

Zurück zu Tag drei. Mein Weg endet gerade im Sand, ein verrosteter Steg lässt raten, wo er weiter geht, dann plötzlich ist wieder alles geteert. Ein paar Kilometer weiter, am Rastplatz, ein bepacktes Trekkingrad. Der Besitzer, Anfang 30, ist auch Deutscher. „Ich will bis Dabki, und dort in die Kirchenbücher schauen“, verrät er, „mein Opa kommt dort her.“

Die Tour ist auch eine Reise durch dramatische Geschichte. Im zweiten Weltkrieg sind Millionen Zivilisten geflohen, 30 Millionen russische und deutsche Soldaten starben.

Ankunft in Darlowo, früher Rügenwalde. Im Hotel treffen sich entfernte Verwandte. Sie forschen gemeinsam nach ihren ostpreußischen Vorfahren, vergleichen alte Briefe. In Danzig begegnen mir später gar Vater und Tochter, angereist aus Australien, um mehr über seine Eltern zu erfahren. Beide Polen, sind diese im zweiten Weltkrieg nach Übersee geflüchtet.

Auch Krystina Sopko, die Inhaberin des kleinen Lebensmittelladens Odido in Smoldzino erhält oft Besuch. Die Gäste interessieren sich für ihr über 80 Jahre alte Anschreibebuch. Dort sind noch, teils in Sütterlin, die Namen der damaligen Kunden eingetragen. Reimann, August. Rahn, Ernst, Rewaldt, Richard und so fort.

Die Entdeckung verdanke ich dem Moor. Ich musste an diesem Tag kurz vor Łeba umkehren, der Weg war immer sumpfiger geworden, noch als „E 10“ beschildert, bestand er aus flachen Holzbrückchen über riesige schwarze Lachen. An einer Stelle hätte ich über ein einziges schmales Brett balancieren müssen, unter mir nur schwarzes Wasser. Nein, lieber wieder 20 Kilometer zurück, ratter, ratter, nach Smold-
zino. Im Laden dort liegt nicht nur das alte Buch. Man kennt einen Bauernhof, das Zimmer kostet zehn Euro die Nacht.

Am nächsten Tag erreiche ich per Straße das verfehlte Ziel: Łebas mächtige, über 40 Meter hohen Dünen vermitteln das Gefühl, in der Sahara zu sein. Bald führt immer besserer Untergrund ans Ende der langgezogenen Halbinsel Hel. Paraglider mit bunten Segeln bestimmen das friedliche Bild. Nur noch ein Denkmal erinnert an den Beginn des zweiten Weltkriegs. Ein deutsches Marineschiff beschoss von hier am 1. September 1939 aus heiterem Himmel die Westerplatte in Danzig.Täglich hole ich Geschichtsunterricht nach.

Der Rhythmus ist immer gleich: Um sieben Uhr aufstehen, frühstücken, auschecken und losradeln. Die Route ist im Handy gespeichert. Spätestens um vier Uhr nachmittags: Unterkunftsuche im Netz. Doppelzimmer mit Bad kosten in den baltischen Staaten zwischen 50 und 70 Euro. In Polen und Russland 25 bis 45 Euro.

Abends dann ein Spaziergang zu Mole oder Strand. Zum Sonnenuntergang, den ich auf Grund der Ausrichtung der Strände nach Nordwesten fast überall genießen kann, finden sich Einheimische und Touristen wie zu einer Andacht ein. Danzig, Überfahrt über die Weichsel, das frische Haff, Frauenburg. Und plötzlich kommt die Angst. Regenwetter, es naht der polnisch-russische Grenzübergang. Mehrere Sperren, Taschen aufmachen, die russischen Grenzer prüfen streng Visum und mein Gesicht. Es folgen zwar 50 Kilometer glatte Asphalt-Straße bis Kaliningrad, aber es gibt keinen Randstreifen. LKW brausen knapp vorbei, ich kämpfe in deren Fahrtwind um mein Gleichgewicht. Zweimal verfolgen mich Hunde.

Angekommen in Kaliningrad versöhnt eine stille Hafenrundfahrt vorbei an Hochseefangschiffen und einer nach altem Königsberger Vorbild wieder aufgebauten Häuserzeile mit Leuchtturm. Im Lokal schmecken „Klopsi Kenigsbergskie“, Königsberger Klopse fast wie bei Oma.

Kurische Nehrung, russischer Teil, wieder gefährliche Straße. Dann endlich ein wunderbarer Radweg in Litauen. Von der Kurischen Nehrung war schon Thomas Mann so begeistert, dass er sich dort ein Sommerhaus baute: „ Das Wasser des Haffs ist im Sommer bei blauem Himmel tiefblau. Es wirkt wie das Mittelmeer. Es gibt dort eine Kiefernart, Pinien ähnlich. Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein“, schrieb er.

Dieser weiße Strand geht bis nach Kap Kolka, dem nördlichsten Zipfel der lettischen Westküste. In der Rigaer Bucht ändert sich der Charakter. Große Kiesel, Schilf, fester brauner Sand, auf dem ich fahren kann. Immer leichter fallen die Strecken: Jurmala, Riga mit seinen großen Kirchen und den prunkvollen Fassaden des Jugendstilviertels, weiter nach Estland mit seinen atemberaubenden Naturschutzparks und der mittelalterlich geprägten Hauptstadt Tallinn. In Estland sind die Straßen glatt und wenig befahren.

Nicht weit vom Ziel, in Narva, überrascht wohl einer der schönsten Grenzübergänge Europas. Zwischen der estnischen Stadt und dem russischen Ivangorod stehen sich zwei mächtige Festungen gegenüber, getrennt durch den Grenzfluss Narva. Der gesamte Grenzverkehr läuft über eine Brücke dazwischen.

Bei der zweiten Russland-Strecke bin ich schon ganz gelassen. Ich habe die Raser ja bislang überlebt. Auch hier, wie überall zuvor, sind die Vorgärten voller Blumen, jedes Dorf hat seinen Laden. Fisch auf der Karte, freundliche Menschen. Nur sieht alles etwas verwahrloster aus. Ein rostiges Auto steht im Feld. Scheunen verfallen. Müll liegt am See.

Nach sieben Wochen folgt das große Finale: St. Petersburg. Die Paläste von Peter dem Großen (Winterpalast Peterhof) und Katharina der Großen (Puschkin) übertreffen. Alles was ich bislang an Barockbauwerken gesehen habe. Die besten Architekten, Bildhauer und Maler aus ganz Europa waren am Werk. Die Stadt galt für die Zaren als grandioser Anschluss an den Westen.

Es bleibt noch Zeit für die Heremitage, eine der größten Gemäldesammlungen der Welt in 1000 prächtigen Sälen und für eine Rundfahrt durch die vielen Kanäle der Fünf-Millionen-Stadt. Geschafft.

Der Ostseeküstenradweg ist stellenweise sehr unterschiedlich ausgebaut. Wichtig sind deshalb breite Reifen. Foto: Gertrud Hussla

Die Einheimischen, höre ich öfter, sind die vielen tausend Kreuzfahrt-Touristen leid. Aber wenn ich erzähle, dass ich mit dem Fahrrad da bin, erlebe ich nur Sympathie. Bis hin zum Taxifahrer, der mich zum Flughafen bringt und darauf besteht, schon mal die Pedale abzuschrauben. Er gibt mir eine Praline mit. Spasiba, do svidaniya. Dankeschön. Ich komme wieder.