"Team Wallraff" auf RTL: Zustände bei Billigflieger Ryanair aufgedeckt

„Team Wallraff“ undercover bei Billigflieger : „Ryanair kann nur deshalb so billige Flüge anbieten, weil es so dumme Leute gibt“

Null Tage Kündigungsfrist, gerade mal 18 Tage Urlaub, unzureichende Sicherheitsschulungen. Eine Reporterin der RTL-Sendung „Team Wallraff“ hat versucht, die unzumutbaren Zustände beim Billigflieger Ryanair aufzudecken.

Undercover schleuste sich die Reporterin Alicia zunächst als Bewerberin auf ein Flugbegleiter-Seminar, absolvierte eine sechswöchige Ausbildung, bevor es dann zum Fliegen ging. Schon beim Seminar macht sie mit ihren Aufnahmen deutlich, worauf der Fokus bei Ryanair gelegt wird: Es geht ums Geld, ums Verkaufen von Artikeln. Mehr nicht.

Auch wird klar, was für ein Umgangston beim irischen Billigflieger herrscht. Die Ausbilderin macht am ersten Tag gleich eine deutliche Ansage: „Ich bin bekannt dafür, dass ich sehr harsch bin. Sie werden mich hassen.“

In Sachen Sicherheit muss Reporterin Alicia eine eintägige Schulung in Frankfurt-Hahn absolvieren, auch ein Erste-Hilfe-Kurs findet statt. Bei einer Notlandeübung testet die Crew von der Journalistin lediglich eines von sieben Szenarien, viele Mitazubis sind vollkommen überfordert mit der durchgepeitschten Übung. Noch nicht mal eine Nachbesprechung findet statt.

Kritik an Sicherheitsübungen

Alle Übungen erfüllen die behördlichen Anforderungen. Mehr aber nicht. Bei RTL nimmt der unabhängige Luft- und Sicherheitsexperte Thomas Friesacher Stellung zu den Vorgängen. Er beklagt die unzureichende Zeit, die bei der Ausbildung der Ryanair-Flugbegleiter für die Sicherheit eingeplant ist. „Es ist eher eine Art Pflichtveranstaltung, damit die rechtlichen Vorgaben für die Qualifikation erfüllt sind. Als maßgeblich erfüllende Ausbildung würde ich das nicht ansehen."

Die Ausbildung zur Flugbegleiterin absolviert die Undercover-Journalistin bei einer Leiharbeitsfirma, nicht bei Ryanair direkt. Diese erklärt RTL auf Nachfrage: „Alle unsere Kabinenpersonalschulungen sind von der irischen Luftfahrtbehörde gemäß den EASA-Bestimmungen genehmigt."

„Wenn du keine 50 Euro einnimmst, dann musst du dich erklären.“

Interessant wird es einige Tage später, dann steht der größte Punkt in der Firmenphilosophie von Ryanair auf dem Programm: der Verkauf an Bord. Den Azubis wird eingetrichtert, mindestens 50 Euro pro Flug alleine mit Getränken, Snacks, Parfüms oder zwielichtigen Gewinnspiellosen umzusetzen. Idealerweise mehr. Die Anweisung kommt augenscheinlich von ganz oben. So ist jedenfalls die Aussage der Ausbilderin zu verstehen, die unmissverständlich klar macht: „Wenn du keine 50 Euro einnimmst, dann musst du dich erklären.“

Auch bei der Abfertigung der Passagiere am Boden ist das Ziel von Ryanair, möglichst viel Geld umzusetzen. Bordkarte nicht ausgedruckt? 20 Euro zusätzlich. Name auf dem Flugticket falsch? Für die Änderung will das Unternehmen 160 Euro von einer Reisenden. 55 Euro muss ein Passagier berappen, wenn online nicht eingecheckt wurde. Eine Mitarbeiterin am Boden drückt es so aus: „Ryanair kann nur deshalb so billige Flüge anbieten, weil es so dumme Leute gibt.“

Nachdem die Reporterin nach sechs Wochen harter Ausbildung ihr Abschlusszeugnis und die Lizenz fürs Fliegen verliehen bekommt, geht es weiter an Bord. Sie erhält ihren Arbeitsvertrag, der in mehreren Punkten gegen geltendes deutsches Recht verstößt, heißt es bei RTL. In ihrem Vertrag sind 18 Tage Urlaub sowie eine Kündigungsfrist von null Tagen in der Probezeit verankert. Laut Bundesurlaubgesetz sind in Deutschland mindestens 24 Urlaubstage vorgeschrieben. Anstelle ihres „normalen“ Gehalts wird der Reporterin am Ende ihrer Zeit bei Ryanair nur ein Betrag in Höhe von rund 100 Euro überwiesen – anstatt rund 2300 Euro. Warum ihr nicht der volle Betrag überwiesen wurde? Ryanair rechtfertigt dies mit einer Steuernachzahlung. Von der Leiharbeitsfirma, bei der die Flugbegleiterin angestellt ist, heißt es: „Crewlink hält sich voll und ganz an das deutsche Arbeitsrecht.“

Rapport in der Dubliner Zentrale

An Bord ist die Reporterin zufälligerweise als Flugbegleiterin auf einem Ryanair-Flug von Manchester nach Frankfurt dabei. Wegen eines Unwetters in Frankfurt muss die Maschine zwei Stunden am Flughafen in Manchester verweilen, es gibt keine Gratisgetränke für die Passagiere, obwohl ihnen das laut Gesetz zusteht. Und das bei hohen Temperaturen – es ist Mitte Juli. „Hier gibt es nichts umsonst. Nie“, sagt ein Mitarbeiter vor einer heimlich mitlaufenden Kamera.

Zu guter Letzt folgt für Reporterin Alicia noch der traurige „Höhepunkt“ ihrer Karriere bei Ryanair. Nachdem sie sich einige Tage aufgrund einer Migräne krankgemeldet hat, wird sie zum Rapport in die Firmenzentrale nach Dublin beordert. Dort wird ihr klargemacht, dass das Unternehmen sie im Blick habe, was die Krankschreibungen angeht. Auch bei ihren Verkaufserlösen ist Alicia deutlich unter den Erwartungen. Ihre Vorgesetzte sagt: „Wir müssen uns mit dem Personaler unterhalten und gucken, wie es mit dir bei uns weitergeht.“ Eine offensichtliche Warnung an die Reporterin, die daraufhin kündigt.

Von Ryanair gibt es zu sämtlichen Sachverhalten kein Statement. Alle Anfragen der RTL-Redaktion ließ das Unternehmen unbeantwortet.

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