1. Leben
  2. Reisen
  3. News

Adventsserie (5): Kitsch und Kommerz in Lourdes

Adventsserie (5) : Kitsch und Kommerz in Lourdes

Düsseldorf (RP). Man kann in Lourdes viele Mitbringsel in Devotionalien-Supermärkten mit blinkender Reklame erstehen. Doch aus dem kirchlichen Bezirk ist der Kommerz verbannt, dort sind nur Kerzen und Bücher zu kaufen. Außerdem gibt es Möglichkeiten, der Geschäftemacherei vollends zu entfliehen – etwa in das Caritas-Dorf Cité Saint-Pierre.

Düsseldorf (RP). Man kann in Lourdes viele Mitbringsel in Devotionalien-Supermärkten mit blinkender Reklame erstehen. Doch aus dem kirchlichen Bezirk ist der Kommerz verbannt, dort sind nur Kerzen und Bücher zu kaufen. Außerdem gibt es Möglichkeiten, der Geschäftemacherei vollends zu entfliehen — etwa in das Caritas-Dorf Cité Saint-Pierre.

Rosenkränze gibt es auf dem Wühltisch. Im Regal dahinter: Plastikflaschen in Madonnengestalt zur Befüllung mit Lourdeswasser. Hustenbonbons mit Marienprägung. Hologrammpostkarten, auf denen der gekreuzigte Jesus die Augen auf- und zuklappt. Madonnen gibt es weiter hinten im Devotionalien-Supermarkt: In Gips, in Holz, in Plastik stehen sie da und schmachten stumm gen Himmel. Die teuersten hinter Glas. Erlaubt ist, was gekauft wird in Lourdes. Angebot und Nachfrage — das Prinzip des Marktes gilt auch hier.

Trotzdem gehört die Klage über den Kommerz zum guten Ton in Lourdes. Kaum einer, der sich nicht über die blinkenden Reklameschilder ereifert, mit denen Hotels werben, die "Zum Heiligen Sakrament" heißen. Oder über die neonbeleuchteten Rosenkranz-Discounter, die weit zur Straße geöffnet sind wie Stände in einem Basar und mit Marienmedaillons im Grabbeleimer locken.

Doch diese Kirmes des schlechten Geschmacks hat in Lourdes ihren Platz — und der liegt außerhalb des kirchlichen Bezirks. Die Grotte, an der dem Müllersmädchen Bernadette Soubirous eine weiße Dame erschien, die sich als Unbefleckte Empfängnis zu erkennen gab, liegt geschützt in einem umzäunten Gelände, in dem es außer ein paar Büchern und Kerzen nichts zu kaufen gibt. Sieht man ab von den Messen, die man in einem kleinen Büro bestellen kann, 19 Euro pro Widmung eines Gottesdienstes. Ansonsten ist der Pilgerbezirk mit der Grotte, fünf großen Kirchen, zahlreichen Kapellen und dem Weg für die täglichen Prozessionen klimbimfreie Zone. Die Devotionalienmeile beginnt erst da, wo die Hotels stehen, die Restaurants, Kneipen und Cafés, in denen es Crêpes gibt zwischen den Prozessionen und abends Bier.

Italiener mögen die schrillen Souvenirs

Doch vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, der viele Pilger so wütend macht. Kommerz, wenn er sich aggressiv zu erkennen gibt in seinem schrillen Buhlen um Aufmerksamkeit, erregt Widerwillen und stört Menschen, die gekommen sind, sich zu besinnen. Aber vielleicht ist alles auch nur ein kulturelles Missverständnis. Die Verkäufer in den geschmähten Läden erzählen, dass Italiener, Spanier, Polen sich über die schrillen Souvenirs nicht beklagen. Sie kaufen sie. Denn sie mögen Madonnenfiguren, die im Nazarenerstil bepinselt sind.

Die Deutschen, Niederländer, Schweizer dagegen sind farblich zurückhaltend. Sie nehmen aus Lourdes lieber weiße Kerzen mit, goldene Medaillons an Kettchen oder auch mal einen schlichten Rosenkranz für die Erstkommunion des Enkelkinds. So ist das Angebot in Lourdes auch Spiegel nationaler Geschmäcker, und die Deutschen gelten als Vertreter des guten Geschmacks. Dabei ist in der Geschäftegasse auch auf Rheinisch mal der Satz zu hören: "Komm, wir waren noch nicht im Swarovski-Jeschäft."

Ausgerechnet die dezenten Kerzenkäufer erregen allerdings den Unmut von Francis Dehaine, Generaldirektor des kirchlichen Bezirks. "Nichts verkaufen wir im Heiligtum — außer Kerzen" sagt er. "Es trifft uns also, wenn sich die Pilger vor der allabendlichen Lichterprozession draußen eindecken bei den Händlern mit ihren Sonderangeboten." Auch der Kirchenbezirk von Lourdes ist ein Unternehmen. Mittelständisch sogar mit 446 festangestellten Mitarbeitern. Sie müssen aus Spenden bezahlt werden, denn in Frankreich gibt es keine Kirchensteuer.

Dehaine, 62, studierter Agraringenieur, verwaltet ein Jahresbudget von 30 Millionen Euro. 2004 waren es sogar 40 Millionen, wegen der 150-Jahrfeier der Erscheinungen von Lourdes. Davon zehrt der Pilgerort noch immer, doch die Wirtschaftskrise spürt Dehaine längst. "Das nächste Jahr wird sicher hart", sagt er, "die Leute spenden weniger, und unser Polster wird dünner." Der Devotionalienhandel im Speckgürtel um den kirchlichen Bezirk stört ihn jedoch nicht. "Damit hat die Kirche nichts zu tun, aber ich verstehe, dass die Menschen etwas mitnehmen wollen, das sie an Lourdes erinnert."

Wunderwasser in Kapseln, Grotten aus Porzellan

Großzügig, so begegnet man dem Kitsch von Lourdes am besten. Dann kann man lächeln über Wunderwasser in Kapseln oder Grotten aus Porzellan mit Goldglitter. Lernen kann man diese Großzügigkeit von Menschen wie Elisabeth Holzinger, 47, aus Grein in Oberösterreich. Die findet, dass in Lourdes zu wenig gelacht wird. "Dabei ist das Leben doch so schön", sagt sie und probiert es aus, ihr Lachen, als sei das ein neuer Laut, den sie eben erst an sich entdeckt hat.

Elisabeth Holzinger war schwer krank. Doch von dieser Zeit mag sie nicht mehr erzählen. "Ich bin geheilt", sagt sie im Basta-Ton. Eigentlich wollte sie nach dieser Erfahrung nach Santiago de Compostela wandern über den Jakobsweg. Doch unterwegs traf sie einen Pilger, der erzählte ihr von Lourdes und davon, wie wohltuend dieser Ort sei für Kranke — und Genesene. Da änderte sie ihre Pläne. Wochenlang ist Holzinger durch Frankreich gereist, hat in Pilgerherbergen übernachtet, sich ihrem Ziel langsam genähert. "In Frankreich wird man aufgenommen wie in eine Familie", sagt sie und erzählt von Abendessen allein mit der Herbergsfamilie. Von Gärten, in denen sie lesen durfte, ungestört. Von Spätherbst-Abenden. Von Einkehr. Und dann holt Elisabeth Holzinger tief Luft und wiederholt, dass das Leben schön sei und sagt, dass sie darum gerne noch ein bisschen weiterleben will. Und dann lacht sie die Schwere dieses Satzes einfach fort. Und all die Lourdes-Bedenken, das Kitschgemurre und Kommerzgemecker wirken aufeinmal kleinlich. Und sehr weit weg.

Doch man kann sich auch anders Distanz verschaffen. Physisch. Und zum Beispiel am Eingang zum Kirchenbezirk den Bus nehmen zur Cité St. Pierre. Zwei Kilometer nur fährt der hinauf in die Berge in ein Dorf der französischen Caritas. Dort wohnen Pilger, die sich ein Hotel nicht leisten können. Sie kommen aus aller Welt, aus Afrika, der Ukraine oder Pariser Vororten und werden in der Cité von Freiwilligen versorgt.

Weg vom Gedränge nach St. Pierre

Menschen wie Rob aus den Niederlanden. Hotelbesitzer war er früher, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Doch er erlebte eine private Krise, verkaufte sein Hotel, fuhr als Pilger nach Lourdes. "Zum Nachdenken", sagt er. Doch im Kirchenbezirk empfand er das Gedränge bald als bedrückend — und die sichtbare Frömmigkeit der anderen auch. Damals nahm Rob den Bus nach St. Pierre, aus Neugier, ohne Ziel. Oben erlebte er die Stille in den Bergen, ging hinter den Gästehäusern in den Wald, setzte sich in die rustikale Kapelle des Caritas-Dorfes, die aus Schiefersteinen gebaut ist wie ein Schafstall, und fand die Ruhe, die er gesucht hatte.

Rob blieb eine Zeitlang, erlebte die schlichte Art, wie Bedürftige in St. Pierre aufgenommen werden — als Pilger, nicht als Bittsteller. Seitdem kommt Rob als Freiwilliger in die Cité, manchmal mehrmals im Jahr. Dann wohnt der ehemalige Hotelchef in einem schlichten Zimmer, hilft im Speisesaal. Im Frühjahr hat er daheim in Holland sogar Freunde zusammengetrommelt, Rosenstöcke in einen Laster geladen, ist mit den Blumen in die Cité gefahren und hat sie gepflanzt.

Die Rosen haben nun ein erstes Mal geblüht in den Bergen über Lourdes. "Wer hierher kommt, hat im Leben schon viel Schlechtes erlebt", sagt Rob, "darum sollen gerade für diese Menschen hier die schönsten Blumen blühen." Auch das kann man kitschig finden. Es ist diese Art von Kitsch, die die Welt braucht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Kitsch und Kommerz in Lourdes (5)

(RP)