1. Leben
  2. Reisen
  3. News

Adventsserie (4): Die Stille von Lourdes

Adventsserie (4) : Die Stille von Lourdes

Düsseldorf (RP). Sechs Millionen Pilger kommen jedes Jahr nach Lourdes. Oft ist der kirchliche Bezirk am Rande der Stadt überfüllt, die Menschen drängen sich an der Grotte. Doch es gibt abseitige Orte, an denen man Stille findet. Und selbst an der Felshöhle kann es wunderbar ruhig sein - in der Nacht.

Wer in Lourdes die Stille sucht, kann sich die Nacht zum Verbündeten machen. Es ist zwei Uhr, eine klare Herbstnacht, die Eingänge zum kirchlichen Bezirk am Rande der Stadt sind verschlossen. Nur oben am Berg hinter der Basilika ist eine kleine Pforte geöffnet. Ein schmaler Pfad führt in langgezogenen Serpentinen hinab zur Grotte.

Oben kaum ein Laut. Schwach nur ist das Rauschen des Flusses Gave zu hören, der unten im Tal an der Grotte vorbeiströmt. Dort hat die kleine Bernadette Soubirous 1858 eine leuchtend weiße Dame gesehen, die sich selbst als die "Unbefleckte Empfägnis" zu erkennen gab. 18 Mal hat das Mädchen an der Grotte gestanden und in einer Nische im Fels die Erscheinung gesehen. Seither ist dort das eigentliche Zentrum des Wallfahrtsorts. Rundherum liegen fünf große Kirchen, weitere Kapellen.

Auf dem Weg hinunter über die Serpentinen wird der Blick angezogen von warmem Licht, das unten flackert: In der Kerzengasse neben der Grotte kämpfen die kleinen Flammen zäh gegen die Kälte. Rauch steigt auf. Er trägt den weihnachtlichen Geruch von Stearin in die Höhe, ein vertrauter Duft, nur stechender.

So angezogen ist man vom warmen Schein des Lichts, dass unten die ersten Schritte in die Kerzengasse führen. Einmal alleine vor den kleinen Waggons stehen, mit den unzähligen Eisenringen, in die Pilger ihre Kerzen gesteckt haben. Jedes Licht ein stummer Wunsch. Ganz am Ende der Gasse steht ein junges Paar, eng umschlungen, wie ein Fels im Meer der Stille. Natürlich lässt man diesen Fels allein.

Ein Ort der Wärme

"Wenn du fährst, zünde eine Kerze für mich an!" Wie viele Menschen begleitet diese Bitte nach Lourdes. Dann stehen sie an den kleinen Häuschen, in denen die Kerzen gestapelt sind zum Mitnehmen gegen eine Spende und zählen die Kerzen in ihrem Arm: "Für Tante Anneliese, für die Nachbarin, für..." In der Nacht sind die Kerzen leuchtende Spur von Hoffnung. Man kann das naiv finden. Man kann auch einfach hineinschauen in die Flammen, bis das Licht vor den Augen verschwimmt, und fühlen, dass dies ein Ort der Wärme ist, die nicht nur von den Flammen abstrahlt.

Dann ist man bereit, in der Nacht vor die Grotte zu treten, ohne den Schutz der Massen, die sich sonst hier drängen. Man schaut in die spärlich beleuchtete Höhle, durch die sich bei Tage die Menschen schieben oder hinauf zur Nische, in der die kleine Bernadette die leuchtende Dame sah. Und dann hört man die Stille nicht nur, man fühlt sie als etwas, das im Körper aufsteigt.

Manchmal öffnen sich dann Schleusen. Stille kann den Kopf tobend machen, weil sie Gedanken befreit. Doch sie kann auch ihren Frieden ausbreiten über einen Ort und die Menschen an diesem Ort. Dann ist die Stille stärker als die Zeit.

"Ruhe! Seid endlich leiser!" Schon wieder muss der Betreuer der Messdiener und Firmlinge ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt von der nächtlichen Grotte in der Eingangshalle des Jugendhotels für Stille sorgen. 30, 40 Jugendliche des Lourdesvereins Westfalen sitzen da an kahlen Tischen. Ein Kartenspiel liegt herum, unberührt und ein paar Bonbontüten, schon ganz geplündert. 14, vielleicht 16 Jahre sind die Jugendlichen alt. Sie haben an diesem Tag einen Ausflug an den Atlantik gemacht, am Abend waren sie bei der Lichterprozession, wie an allen Abenden zuvor. Und nun sitzen die Mädchen auf der Bank und kichern, die Jungs erzählen irgendwas und lachen laut. Es gibt für sie keinen Partykeller in diesem einfachen Pilgerhotel, nur die nüchterne Eingangshalle.

Egal. Hier geht's ums Reden, Posieren, Blicke wechseln, darum, die zu beeindrucken, die man selbst beeindruckend findet. Dass der Hotelbesitzer die Jugendlichen zu laut findet und der Betreuer immer wieder vorstellig werden muss, gehört dazu. Stille hat ihre Zeit. Und auch ihr Alter.

Mahnende Blicke

In Lourdes wird um Ruhe gerungen. Am Tag tragen Freiwillige an der Grotte Schilder umher, auf denen schematisch ein Mund zu sehen ist und eine Hand, die den Zeigefinger auf die Lippen legt. Schhhhh. Eine Zeit lang hat man dies Beschwichtigungszischeln auch über Lautsprecher in die Menge gewispert. Doch die Menschen mit den Schildern sind wirkungsvoller, sie haben auch den mahnenden Blick. Es kommt eben nicht jeder zum stillen Gebet an die Grotte. Um die Reihen weißer Metallbänke gleich vor der Höhle bildet sich am Tag ein Gürtel Schaulustiger. Dicht gedrängt stehen sie da, schauen auf den Ort des Wunders, auf die Betenden davor, zücken die Fotoapparate, haben sich dies und das zu sagen auf Italienisch, Polnisch, Indonesisch. Sprachen sind unterschiedlich laut.

Immer wieder sieht man allerdings auch Menschen niederknien, manche vornübergebeugt, die Stirn dicht am kalten Boden. Da lässt sich Stille beobachten.

Wem es trotzdem zu viel wird mit dem Pilgertrubel, der findet in Lourdes auch stille Plätze. Nahe gelegene, wie die Sakramentskapelle im Heiligen Bezirk, die allein dem Gebet Einzelner vorbehalten ist. Oder ferne, wie den Schafstall von Bartrès. Dort hat die Heilige Bernadette kurz vor den Erscheinungen an der Grotte ein paar Monate gelebt und für ihre Amme Marie Lagües Schafe gehütet. Der Ort liegt vier Kilometer von Lourdes entfernt, ein Weg führt hinauf dorthin in die Ausläufer der Pyrenäen.

Der Stall ist unverändert, ein einfaches Steinhaus mit Spitzdach, schweren Holztoren. Dort wo die Schafe schliefen, kniet nun eine lebensgroße Bernadette-Figur hinter einem Holzgitter im Heu. Menschen haben Zettel mit Wünschen vor die Figur geworfen, manche ihre Namen in das Holzgitter geritzt. Es soll etwas bleiben von jenen, die hier waren.

Draußen kann man unter Kastanienbäumen auf einer Wiese am Hang sitzen und in die Berge schauen. In der Ferne scheinen die Hügel menschenleer. Und so kann der Pilger sie auch hier hören, die Stille, als Abwesenheit von Sprache, als Geschenk der Natur.

Abstand vom Pilgertrubel

Oder man versucht es doch unter den Menschen. Im Heiligen Bezirk kann man sich erst ein wenig treiben lassen mit den Pilgerströmen, die von den Eingängen über den Platz vor der Rosenkranzbasilika hinüberziehen zur Grotte. Kurz davor führt eine breite Brücke zur anderen Seite des Flusses Gave. Dort, am Ufer, hat man freien Blick auf den Fels mit der Grotte, doch das Wasser schafft wohltuenden Abstand. Diese Distanz lässt das Getriebe kleiner werden, beschaulich im Wortsinn.

Sich Abstand zu verschaffen, das ist unerlässlich in Lourdes, will man sich nicht ganz gefangennehmen lassen von dem Zuviel, das zu beobachten ist. All die Menschen unterschiedlicher Nationen, die an den Wasserhähnen Kanister füllen, Kerzen kaufen, Fotos machen, in Grüppchen beisammen stehen, Kranke an die Grotte schieben, zu den Bädern laufen, in die Kirche gehen. Es kann einem zu viel werden, dieses Unterwegssein auf geringer Fläche, dieser fromme Betrieb.

Aus der Ferne wird man zum gelassenen Beobachter. Milde überkommt einen, auch mit sich selbst. Wahrscheinlich ist das die schönste Form von Stille.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Stille von Lourdes (4)

(RP)