Der Markt wimmelt nur von Ökolabels im Tourismus

Nachhaltiges Reisen : Im touristischen Ökolabel-Dschungel

Immer mehr Anbieter wollen sich als „grün“ vermarkten. Doch bei den vielen Siegeln auf dem Markt ist es schwer, den Überblick zu behalten.

Urlaub machen, aber mit gutem Gewissen: Wer bei seinen Reisen auf Aspekte wie Umweltschutz und Sozialstandards Wert legt, findet unzählige Siegel, die einem genau das versprechen. Reisende können schnell den Überblick verlieren.

Man könne von einem „Siegel-Dschungel“ im Tourismus sprechen, sagt Antje Monshausen von Tourism Watch, einer Abteilung der Hilfsorganisation Brot für die Welt, welche sich für nachhaltigen Tourismus einsetzt. „Wir gehen von weltweit rund 150 Siegeln aus, die zum Teil konkurrieren“, schätzt die Expertin.

Was macht ein gutes Siegel aus? Hotels, Reiseziele und Veranstalter müssten durch externe Gutachter überprüft worden sein und die Siegel von unabhängigen Stellen vergeben werden, erläutert Monshausen. Die Kriterien sollten öffentlich und einsehbar für Verbraucher sein.

Idealerweise berücksichtigt ein Siegel alle Dimensionen von Nachhaltigkeit. Neben Umweltschutz sind das soziale Standards wie die Arbeitsbedingungen im Hotel sowie kulturelle und ökonomische Aspekte. Das Urlaubsziel und die Bewohner sollten ebenso vom Tourismus profitieren und ihn aktiv mitgestalten können.

Der Rat für globalen nachhaltigen Tourismus, GSTC (Global Sustainable Tourism Council), hat einen Standard entwickelt, der in den Bereichen Management, Umwelt, Soziales, Wirtschaft und Kultur gewisse Anforderungen an Betriebe und Destinationen stellt. Siegel, die die Kriterien bei ihren Zertifizierungen beachten oder gleichwertige Vorgaben machen, können sich vom GSTC anerkennen lassen. Dazu zählen etwa Green Globe oder Biosphere Tourism. Eine Übersicht zu anerkannten Veranstalter-, Destinations- und Hotel-Siegeln findet sich beim GSTC.

Seit einiger Zeit können Institute sich vom GSTC akkreditieren lassen und deren Standard als Basis für ihre Überprüfung nehmen, wie Siegel-Experte Herbert Hamele vom Europäischen Expertennetz für nachhaltigen Tourismus Ecotrans erklärt. „Gerade in Fachkreisen gibt es auch Kritik daran. Denn das GSTC prüft nun einerseits Zertifikate und tritt andererseits zugleich als eine Art Konkurrent gegen ebendiese Siegel an“, sagt Hamele. Die Zahl der vom GSTC akkreditierten Organisationen ist aber noch gering.

Hamele schätzt, dass weltweit nur rund ein Prozent aller Betriebe mit einem der Label ausgezeichnet sind. „Und noch weniger mit einem Siegel, das vom GSTC anerkannt ist.“ Was bringt es also, in einem Land nach einem Hotel mit einem bestimmten Zertifikat zu suchen, wenn es dort am Ende gar keins gibt? „Viele Betriebe, die ein Zertifikat erhalten könnten, bemühen sich nicht darum. Oder wissen nicht, dass sie eines erhalten könnten, weil sie schon die Kriterien erfüllen.“

Einen Überblick im Siegel-Dschungel bietet die englischsprachige Website Tourism2030.eu, die Ecotrans betreibt, oder das Schweizer Portal fairunterwegs.org, das im Internet 20 Nachhaltigkeitslabel mit kurzen Beschreibungen aufzählt. 

Grundsätzlich lassen sich laut Experte Herbert Hamele zwei Siegeltypen unterscheiden: Management-Systeme und Performance-Label, die in der Mehrheit sind und konkrete Vorgaben machen, die erfüllt werden müssen. Ein Beispiel ist das EU-Ökolabel. Es nennt 100 Kriterien – vom Wasserdurchlauf pro Minute in den Waschbecken bis zu Informationspflichten zu ökologisch günstigen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn in der Nähe der Anlagen.

Zu den Management-Systemen zählt das Siegel Tourcert. Hier entwickeln Unternehmen oder Destinationen Programme, um sich immer weiter in Sachen Nachhaltigkeit zu verbessern, wie Monshausen erklärt. „Wir unterstützen das Label, weil es anspruchsvoll und glaubwürdig ist.“

(dpa)