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Ausflug in eine versunkene Welt: Der Jüdische Friedhof von Breslau

Ausflug in eine versunkene Welt : Der Jüdische Friedhof von Breslau

Der Jüdische Friedhof in Breslau wirkt wie aus der Zeit gefallen. Er erinnert an die lange jüdische Tradition der Stadt. Die Eltern einer katholischen Heiligen sind hier begraben und der Urvater der deutschen Sozialdemokratie.

Zwischen den Gräbern ist das Rauschen des Straßenverkehrs noch zu hören. Aber die Autos und Lastwagen auf der nahen, viel befahrenen ulica Slezna scheinen dennoch weit weg.

Der Jüdische Friedhof von Breslau (Wroclaw) kommt Besuchern heute vor wie aus der Zeit gefallen. Übrig geblieben aus einer weit entfernten Vergangenheit vor dem Holocaust, in der Breslaus jüdische Gemeinde zu den größten des Deutschen Reichs zählte.

12.000 Grabsteine

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Breslau rund 20 000 jüdische Einwohner. Heute zählt die Gemeinde in Niederschlesien nur noch um die 300 Mitglieder. Die jüdischen Gotteshäuser wurden in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört.

Mit Ausnahme der Synagoge Unter dem Weißen Storch in der Breslauer Altstadt, die 2010 wiedereröffnet wurde und heute Besuchern offen steht. Aber an die lange Tradition der jüdischen Kultur in Breslau erinnert vor allem der Friedhof an der früheren Lohestraße. Rund 12 000 Grabsteine stehen auf dem fast fünf Hektar großen mit einer Mauer umschlossenen Gelände.

Viele sind genauso efeuumrankt wie die Stämme der Bäume, die ihre Äste über den Gräbern ausstrecken. Auf den Friedhofswegen entlangzulaufen, ist wie eine Reise in eine versunkene Welt. Auf den Grabsteinen stehen Namen, die für jüdische Familien in Deutschland typisch waren und die heute viele nicht mehr kennen.

Honigmann und Glücksmann, Silberstein und Pringsheim, Friedmann und Teitelbaum, Levy und Cohn, Grünberger und Guttentag. Kaufleute, Kommerzienräte und Kantoren waren darunter, Bankiers und Rabbiner, Soldaten, Rittergutsbesitzer und Wissenschaftler und auch ein "Königlicher Polizei Stadt Physikus".

Denkmalschutz

Alleen teilen den quadratischen Friedhof, der durch die vielen Bäume ausgesprochen grün wirkt. Die erste Bestattung gab es im November 1856, die letzten Begräbnisse zwischen 1940 und 1942, im Jahr darauf wurde der Friedhof geschlossen. In der Nachkriegszeit war er fast vergessen und verfiel, bis er 30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Entlang der Friedhofsmauer finden sich viele eindrucksvolle Epitaphe, oft von Säulen flankiert wie das Grabmal von Feodor Pringsheim, einem Bankier und Mitglied des Breslauer Stadtrats.

Einige Grabmäler haben klassizistische Giebel und Friese. Manchmal steht auf einem Sockel eine steinerne Vase - eindrucksvolle Steinmetzarbeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Friedhöfe oft Parklandschaften voller Kunstwerke waren.

Viele Grabdenkmäler sind entsprechend aufwendig gestaltet und dekoriert: mit einer gebrochenen Rose als Symbol für den Tod, einem Schmetterling, der an die Verwandlung der Seele erinnert, mit einem steinernen Buch, das für die Gelehrsamkeit des Verstorbenen steht oder einer Menora, dem siebenarmigen Leuchter.

Der Grabstein des 1939 verstorbenen Steinmetzmeister Moritz Wolff zeigt einen Davidstern, das Grab von Georg Sternberg, der als Offizier im Ersten Weltkrieg fiel, trägt einen steinernen Helm, der an die römische Antike erinnert.

Neogotik und Neuromanik

Typische aufrechtstehende Grabsteine heißen Mazewa und sind in Breslau oft mit Spitzbögen zu sehen, die für die Neogotik typisch waren. Aber auch runde Bögen, neoromanische Elemente, sind nicht selten - der Jüdische Friedhof zeigt die ganze Bandbreite der Architekturformen.

An manchen Stellen haben die Steine schon Schieflage bekommen.
Hebräische Schriftzeichen sind oft darauf zu sehen, aber auch viele deutsche Inschriften in einer Menge, wie sie sonst auf Friedhöfen in Polen längst Seltenheitswert haben.

Meist sind dort deutsche Gräber verschwunden. Oft sind die Texte von altertümlicher Poesie: "Hier ruhen sanft in ewgen Frieden, Von Kindern und von Enkeln beweint, Die fünfzig Jahr im Leben treu vereint, Auch nicht im Tode voneinander schieden" lautet einer davon.

Als Gerhard Schröder 2002, damals noch als Kanzler und SPD-Parteivorsitzender, zu Besuch in Breslau war, stattete er dem Jüdischen Friedhof einen Besuch ab. Für Sozialdemokraten ist das naheliegend.

Denn dort ist Ferdinand Lassalle begraben. Der gebürtige Breslauer, 1863 zum ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewählt, war gewissermaßen der Urvater der deutschen Sozialdemokratie. Er starb mit nur 39 Jahren bei einem Duell in Genf - eine Frauengeschichte übrigens, die mit Politik nichts zu tun hatte.

Friedrich-Ebert-Stiftung

Das Grab in seiner Heimatstadt ist schon deshalb auffällig, weil es häufig mit Blumen geschmückt wird und sich in erstaunlich gutem Zustand befindet: Das liegt in erster Linie daran, dass die parteinahe Friedrich-Ebert-Stiftung die Sanierung der Grabanlage finanziert hat. Deutlich weniger auffällig, aber unübersehbar ausgeschildert, sind die Gräber von Auguste und Siegfried Stein: Es sind die Eltern von Edith Stein.

Die in Breslau geborene Jüdin, die in Philosophie promovierte, zum katholischen Glauben übertrat und Nonne wurde, starb 1942 in Auschwitz in der Gaskammer. Papst Johannes Paul II. hat sie als Märtyrerin 1998 heiliggesprochen.

In Polen hat das ihre Bekanntheit und Popularität noch gesteigert. Jüdische Friedhofsbesucher legen oft einen Stein auf das Grab ihrer Eltern, die christlichen zünden eine Kerze an.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Jüdische Friedhof von Breslau

(dpa)