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Adventsserie (6): Der Geist von Lourdes

Adventsserie (6) : Der Geist von Lourdes

Düsseldorf (RP). Es gibt Pilger, die immer wieder in den Marienwallfahrtsort in den Pyrenäen fahren, um dort als Freiwillige zu helfen. Die Schuhmanns zum Beispiel kommen jedes Jahr und nehmen sogar ihre Kinder mit, obwohl es für die in Lourdes nur eine Attraktion gibt: die Lichterprozession am Abend ­ und das Eis danach.

Eigentlich wollte sie dieses Jahr nicht fahren. Doch dann hat der Organist daheim, im pfälzischen Hördt, an einem ganz gewöhnlichen Sonntag das Lourdeslied gespielt. Ausgerechnet. Und als sie so das "Aveeee, Aveeee, Aveeee Maria” sang, diese wehmütige Wiegenmelodie, die sich sofort ins Gedächtnis schaukelt, da wusste Annette Schuhmann, dass sie all den Stress mit ihrer Heilpraktiker-Ausbildung und den beiden Kindern, fünf und acht Jahre alt, einfach beiseite schieben würde. Und dass sie und ihre Familie doch wieder nach Lourdes fahren würden, obwohl sie eigentlich nicht mal das Geld dafür übrig hatten. "Wir haben die Kinder gefragt, ob sie mitkommen wollen, und nun sind wir wieder da.”

Es gibt Menschen, die es ernst meinen mit Lourdes. Die einfach nicht loskommen von diesem Ort mit den vielen Kranken in Rollstühlen, die das Stadtbild beherrschen, und den vielen Gläubigen, die sich im Kirchenbezirk zu Gottesdiensten und Prozessionen versammeln. Etwas rührt sie in diesem Tal mit der Grotte, an der dem Müllerskind Bernadette Soubirous 1858 eine weiße Dame erschien. Eine leuchtende junge Frau, die sich als die "Unbefleckte Empfängnis” zu erkennen gab. "Die Menschen gehen hier überall liebevoll miteinander um”, sagt Annette Schuhmann, "daran teilzuhaben, gibt mir Kraft.”

Vielleicht ist es dieses "überall”, das sich so übertrieben anhört und doch das Besondere von Lourdes beschreibt. Man kann dort ins Café gehen und am Tisch nebenan Jugendliche beobachten, die behinderten Jugendlichen Schoko-Crêpes kleinschneiden, damit es keine Schweinerei gibt, und dabei herumalbern, lachen, ganz natürlich wirken, nicht bemüht. Oder man sieht ein Paar in der Sonne sitzen. Er auf der Bank, sie im Rollstuhl daneben. Dann kommt der Priester im Talar, drückt beiden die Hand, setzt sich zu ihnen. Und eine halbe Stunde später sprechen sie noch immer, die Köpfe einander zugeneigt, ein Ensemble des Vertrauens.

"Wenn ich hier einen Kranken in den Rollstuhl hieve und der legt so seine Arme um meinen Hals und schaut mich an, dann berührt das meine Seele”, sagt Uwe Schuhmann, 39. Und weil er ein ruhiger Typ ist, mit kräftigen Händen von der Arbeit auf dem Bauhof in Hördt, klingt das nicht rührselig. Jedenfalls sind unter den sechs Millionen Pilgern, die jedes Jahr nach Lourdes kommen, viele Touristen, die es einfach nur dorthin spült. Aber auch Menschen, die etwas anfasst in Lourdes, die dort beten, helfen und das so beglückend finden, dass sie immer wiederkommen. Und es gibt eine, die geblieben ist: Hildegard Hartenstein. Vor 34 Jahren kam sie das erste Mal nach Lourdes; damals war sie 14. Ihre Mutter war schon einmal dort gewesen mit Hildegards kranker Schwester. Verzweifelt war die Mutter damals, ihr Kind hatte einen Gehirntumor. Das Mädchen starb, doch die Mutter behielt Lourdes als trostreichen Ort in Erinnerung. Und so fuhr auch Hildegard Hartenstein in den Marienwallfahrtsort. "Lourdes hat mich gleich berührt”, sagt sie. So begann ihr Leben als Pilgerin: Immer wieder ist sie dorthin gefahren, hat in der Hospitalité mitgearbeitet, der Freiwilligen-Organisation von Lourdes, und hat daheim in Baden Wallfahrten organisiert. Auf einer dieser Fahrten hat sie ihren Mann kennen gelernt. "Wir haben jede freie Minute in Lourdes verbracht”, sagt Hildegard Hartenstein. Verabredet hatten sie sogar, dass sie ganz dorthin ziehen würden, sobald die Rente erreicht wäre.

Es kam anders. Vor vier Jahren ist Hildegard Hartensteins Mann plötzlich gestorben. "Jetzt kannst du bestimmt nie mehr nach Lourdes fahren”, haben damals Freunde zu ihr gesagt, die dachten, dass Trauern leichter fällt, wenn man verdrängt. Doch für Hildegard Hartenstein war es genau umgekehrt. "Wenn ich mich meinem Mann irgendwo nahe fühle, dann hier”, sagt sie schlicht. Sie löste ihren Haushalt auf, verschenkte viele Dinge, für die sie lange gespart hatte, besuchte einen Französischkursus, kaufte eine winzige Wohnung in Lourdes und verwirklichte den gemeinsamen Plan -­ allein.

Anderen zu helfen ist anstrengend und gibt doch Kraft

Nun nimmt sie Tag um Tag am Pilgerleben im Kirchenbezirk teil. Dabei ist sie keineswegs eine Frömmlerin, wirkt nicht verstiegen, nicht seltsam, nur entschlossen in dem, was sie tut. Bei den Gottesdiensten und Prozessionen singt sie im Chor und betet vor, wenn die Texte auf Deutsch an der Reihe sind. Und wenn die Pilger am frühen Abend mit preußischer Pünktlichkeit zum Essen in den Hotels verschwinden, dann geht sie an die Grotte, genießt die Stille. Klösterlich könnte man das Leben von Hildegard Hartenstein nennen. Mitten im Pilgergetümmel hat sie ihre Ruhe gefunden. Und eine Heimat.

Lourdes ist ein Ort, der Lebenswege verändern kann. Auch den von Markus Püttmann, 38, aus Olpe. Auch er ist mal als Freiwilliger nach Lourdes gekommen, hat sich um eine ältere Frau im Rollstuhl gekümmert. "Wir haben sehr gute Gespräche geführt”, sagt er, und so behielten sie Kontakt. Damals arbeitete Püttmann noch als Industriekaufmann, reiste viel, verdiente "gutes Geld”. Doch etwas ließ ihm keine Ruhe. Mit der älteren Dame aus Lourdes hat er nie direkt darüber gesprochen, doch sie schickte ihm eines Tages dieses Buch: "Alles lassen, weil ER dich nicht lässt.” Die Frau hatte darin Stellen angestrichen, die sie wichtig fand für einen jungen Mann, der spürt, dass er Priester werden will. Markus Püttmann bekam das Buch am 11. September 2001. In New York flogen die Flugzeuge in die Twin Towers, er saß zuhause, sah die Bilder, verstand nichts. Für ihn war mit dem Geschenk der Frau aus Lourdes eine Entscheidung gefallen, die ihn so aufwühlte, dass die Welt selbst an einem so finsteren Tag in den Hintergrund trat. Markus Püttmann fährt noch immer jedes Jahr nach Lourdes. Inzwischen als Diakon einer Gemeinde im Bistum Paderborn.

Der Geist von Lourdes zeichnet sich ab in solchen Geschichten. Sie handeln von Menschen, die auf der Suche sind, die den Alltag daheim in Beruf und Familie nicht für alles halten, sondern etwas tun wollen, das darüber hinausreicht. Etwas Weiches zeichnet diese Menschen aus, das nichts zu tun hat mit Schwäche. Sie verschließen sich nur nicht gegenüber fremdem Leid, sie haben begriffen, dass anderen zu helfen anstrengend ist, und trotzdem Kraft gibt ­ das Paradox der Nächstenliebe. Und darum pflegen sie in einem Städtchen in den Pyrenäen Kranke, die ohne diese Hilfe nicht dort sein könnten, und lassen sich diese Anstrengung sogar noch etwas kosten.

Die Schuhmanns zahlen für ihre Reise mit beiden Kindern 1700 Euro. Der Flug ist teuer, Essen und Unterkunft sind selbst für Freiwillige nicht kostenlos. "Klar, dafür hätten wir auch in die Türkei reisen können”, sagt Annette Schuhmann, "aber das hier, das ist anders.” Im Schichtdienst arbeiten sie und ihr Mann als Freiwillige im Pilgerspital und Ordner bei den Prozessionen. Auf die Kinder passen sie im Wechsel auf. Große Unterhaltung gibt es für die nicht, keinen Spielplatz, keinen Fernseher, nur abends die Lichterprozession. "Wir werden körperlich völlig erschöpft nach Hause kommen”, sagt Uwe Schuhmann, "aber psychisch wie neugeboren.”

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Eine Schwester im Pilgerkrankenhaus hatte diesen Bibelsatz zitiert. Sie sagt ihn, wenn sich ihre Kollegen daheim mal wieder den Mund darüber zerreißen, dass sie ihren Urlaub bei den Marienverehrern verbringt. Das tut sie, weil sie findet, dass Glaube Konsequenzen haben sollte für das Handeln und dass man das in Lourdes erlebt. Darum muten auch die Schuhmanns ihren Kindern spaßfreie Ferien zu und halten sie mit einem Eis nach der Lichterprozession bei der Stange. "Wir hoffen einfach, dass sie spüren, was hier passiert und sich vielleicht ein Beispiel nehmen”, sagt Annette Schuhmann. Und dann muss sie los. Zum Küchendienst.

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