Absagen oder jetzt erst recht? Das Dilemma der China-Urlauber

Hannover/Wilhelmshaven (RPO). Olympia sollte China als Reiseziel nach vorne bringen. Die ganze Welt sollte die Vielfalt des Landes sehen. Nun schaut die Welt jetzt schon auf China - und denkt an Tibet. Da bekommt manch einer, der seine Reise schon gebucht hat, Bedenken. Was tun?

Fakten zum Konflikt zwischen China und Tibet
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Foto: AP

Ist es vertretbar, Urlaub zu machen, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden? Das ist eine schwierige Frage, findet auch Christian Thies, stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover: "Die Vorfälle in Tibet sind zu verurteilen. Ich finde es erwägenswert, eine Reise aus moralischen Gründen abzusagen, auch wenn es sicher wichtigere Dinge zu tun gibt." Thies sieht zum Beispiel Politiker stärker in der Pflicht als Urlauber.

Durch den Verzicht auf eine China-Reise gegen Pekings Politik zu protestieren, sei kein vielversprechender Ansatz - so denkt dagegen Prof. Torsten Kirstges. Ein Reiseboykott würde die politische Führung nicht so stark treffen, dass sich ein Umdenken in der Tibet-Frage erzwingen lasse, sagt der Tourismusforscher an der Fachhochschule Wilhelmshaven. Denn die Bedeutung des Tourismus für Chinas Wirtschaft sei nicht so groß, dass sich ein erheblicher Druck ausüben lasse.

Tourismus trägt zur Verständigung bei

Ein Reiseboykott bringe sogar Nachteile, sagt Kirstges: "Tourismus trägt immer auch zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen bei. Das geht langsam, aber sehr nachhaltig und kann von der politischen Führung auf Dauer auch gar nicht verhindert werden." Reisen nach China ermöglichten den Menschen dort Kontakte zu Europäern. Und langfristig steige damit das Verständnis im Lande für westliche Sichtweisen und für Kritik - etwa an der Verletzung von Menschenrechten.

Hinzu komme, dass China kein Land sei, in dem die Einnahmen aus dem Tourismus fast vollständig bei der Regierung landen. Ein Reiseboykott träfe daher nicht zuletzt die Chinesen, die Kontakte ins Ausland suchen und in der Reisebranche arbeiten. Urlauber könnten aber durchaus Konsequenzen ziehen, so der Forscher. Vernünftig sei zum Beispiel, über die Reiseform nachzudenken. Statt sich für die Standard-Pauschalrundreise zu entscheiden, seien Begegnungsreisen, bei denen Treffen mit Einheimischen fest zum Programm gehören, eine gute Alternative, sagt Kirstges. "In China sehe ich das aber kritisch", sagt Thies. "Als Tourist kommt man wahrscheinlich wenig mit den Menschen zusammen, weil man die Sprache nicht spricht."

Letztlich müsse jeder für sich selbst abwägen und entscheiden. Ein kostenloser Reiserücktritt aus moralischen Gründen kommt dabei allerdings nicht infrage - denn für einen solchen Schritt fehlt Touristen die Handhabe, sagt die Reiserechtlerin Sabine Fischer von der Verbraucherzentrale Brandenburg in Potsdam.

Absagen lasse sich eine Reise zwar immer, allerdings müssten im Falle Chinas die Urlauber die Stornokosten tragen. Das dürften bei "Olympia-Reisen" im August derzeit - also gut viereinhalb Monate vor den Spielen - etwa 30 Prozent des Reisepreises sein.

(gms2)
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