Abseits der Touri-Massen Diese sechs Mallorca-Geheimtipps sollten Sie kennen

Mallorca · Die liebste Urlaubsinsel der Deutschen ist an den Hauptattraktionen oft komplett überlaufen. Doch es gibt jede Menge Alternativen – von Totenstadt bis zu Skulpturenpark.

Die Totenstadt Son Real

Die Totenstadt Son Real

Foto: IMAGO/Zoonar/IMAGO/Zoonar.com/Bartomeu Balaguer Rotger

Es gibt sie noch, die Sehenswürdigkeiten abseits des Tourismustrubels. Wer nicht immer nur auf ausgetretenen Pfaden wandeln will, der kann sich ja mal auf die Suche nach dem Mittelpunkt Mallorcas machen, der Totenstadt einen Besuch abstatten oder der Kathedrale aufs Dach steigen. Sechs Vorschläge:

1. Die Dachterrasse der Kathedrale von Palma

 Die Kathedrale von Palma lohnt sich für alle, die das Treppensteigen in Kauf nehmen.

Die Kathedrale von Palma lohnt sich für alle, die das Treppensteigen in Kauf nehmen.

Foto: Michael Lübke

Während sich tief unten zu Füßen der Kathedrale in Palma die Urlaubermassen drängeln, herrscht 136 Stufen höher ungewohnte Ruhe. Nur die Tauben gurren und flattern erschreckt auf, wenn man ihnen zu nahekommt. Hierher, auf die Terrassen des wichtigsten Gotteshauses der Insel, verirren sich nicht allzu viele Touristen. Das mag an der engen Wendeltreppe liegen, die in den Glockenturm hinaufführt, und die es zu überwinden gilt, will man den atemberaubenden Rundumblick über die Bucht von Palma und die Altstadt genießen.

Auch echte Geheimnisse der Stadtgeschichte erfährt man hier. Zum Beispiel dieses: Nach etwa der Hälfte des Aufstiegs, wenn 63 Stufen geschafft sind, gelangt man zu einer Kammer, in der einst Menschen Zuflucht suchten, die mit der weltlichen Obrigkeit in Konflikt standen oder von Fehden bedroht waren. Auch Verbrecher fanden hier hin und wieder Kirchenasyl. Davon zeugen nicht nur die Reste eines Plumpsklos, sondern auch die Inschriften, die einige von ihnen in die Wand ritzten.

Am Ende der Treppe kann, wer genau hinsieht, zwischen dem jahrhundertealten Gebälk des knapp 50 Meter hohen Turmes weit oben die tonnenschweren Glocken hängen sehen, darunter die 4600 Kilogramm schwere n‘Eloi aus dem 16. Jahrhundert, die größte von allen, die heute allerdings nur noch zu besonderen Anlässen erklingt, wie etwa Fronleichnam.

2. Can Vivot – das spektakulärste Herrenhaus von Palma

Welcher Prunk sich hinter den hohen, unscheinbaren Mauern dieses historischen Wohnhauses verbirgt, ahnt nicht, wer zufällig durch den Carrer de Can Savellà schlendert. Erst der enorme Innenhof und die breite Treppe, die ins Obergeschoss führt, lassen vermuten, dass hier einst Angehörige der wohlhabenden mallorquinischen Oberschicht lebten. Und wenn sich dann die überdimensionierte Holztür öffnet und den Weg in den Wohnbereich freigibt, ist es, als tauche man ein in eine längst vergangene Zeit. „Es gibt keinen anderen so gut erhaltenen Adelspalast in Palma“, sagt Pedro de Montaner, Graf von Zavellá, dessen Familie das Haus seit 21 Generationen besitzt. Tatsächlich gibt es in der Altstadt zwar noch reichlich historische Gebäude, in ursprünglichem Zustand aber ist kaum noch etwas. Viele der einst zahlreichen Wohnhäuser der Inselaristokratie sind in den vergangenen Jahren verkauft und zu sogenannten Boutique-Hotels umgebaut worden. „Das geht nicht, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu zerstören“, sagt de Montaner.

Was er meint, wird bei einem Rundgang durch die Hauptetage des Gebäudes schnell klar. Hier stehen noch dieselben Möbel wie seit Jahrhunderten. An den Wänden hängen die Gemälde, an denen sich schon die Vorfahren des Grafen erfreuten. In der Bibliothek stehen kunstvoll gebundene Bücher, die schon Generationen studierten. Um all dies erhalten zu können, bieten de Montaner und seine Frau seit einiger Zeit Führungen durch das Haus an.

3. Castillo de San Carlos– Festung mit Panoramablick

Überraschende Einblicke ermöglicht auch ein Besuch im Castillo San Carlos, das am äußersten Rand des Hafens liegt und zu den unterschätzten Sehenswürdigkeiten der Inselhauptstadt gehört. Das in der einstigen Festungsanlage untergebrachte militärhistorische Museum birgt so manche Kuriosität, selbst für diejenigen, die sich für das Thema eher weniger interessieren. So etwa eine Lostrommel, mit deren Hilfe einst die Rekruten des jeweiligen Jahrgangs ausgelost wurden, oder eine Chiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg.

Auf der Festungsmauer, von der aus man die gesamte Bucht von Palma überblickt, steht eine Haubitze, die geradewegs über Palmas Hafen hinweg zum gegenüberliegenden Ufer zeigt. Bis zur acht Kilometer entfernten Playa de Palma hätte die Kanone aus dem Spanischen Bürgerkrieg die zwölf Kilogramm schweren Geschosse zu ihrer besten Zeit locker hinüber gefeuert, geht aus den Angaben der Erklärtafel hervor. Das Castillo San Carlos aus dem 17. Jahrhundert gehörte gemeinsam mit drei weiteren Festungen zu den Verteidigungsanlagen, die die Bucht von Palma vor unerwünschten Eindringlingen schützen sollten.

4. Eine Reise in die Mitte Mallorcas

Zu den Kuriositäten Mallorcas gehört auch der Streit um die Frage, wo sich eigentlich der Mittelpunkt der Insel befindet. Gleich fünf Gemeinden beanspruchen diesen Ort für sich: Lloret de Vistalegre, Costitx, Sineu, Sencelles, Sant Joan. Legenden ranken sich um dieses Thema, ganze Bücher sind über diese Frage schon geschrieben worden. Forscher haben sich den Kopf über die beste Methode zerbrochen, um den einen, definitiven Mittelpunkt Mallorcas zu bestimmen. Errechnet man den Schwerpunkt der Insel, oder doch besser den Schnittpunkt der Nord-Süd-Achse mit der Ost-West-Achse? Und wo verlaufen diese? Bezieht man die vorgelagerten Inseln mit in die Berechnung ein und wenn ja, welche? Und wofür ist das Ganze eigentlich gut?

Wofür auch immer – die Bewohner von Lloret de Vistalegre jedenfalls legen besonderen Eifer an den Tag, wenn es darum geht, das Zentrum der Insel für sich zu reklamieren. Nachdem das nationale geografische Informationszentrum vor einigen Jahren den Mittelpunkt Mallorcas im Gemeindeforst etwas außerhalb des Dorfes verortet hatte, stellten ein paar engagierte Bürger an der Stelle kurzerhand einen Felsblock auf und versahen ihn mit der Aufschrift „Centre de Mallorca“. Die Stele ist 1,74 Meter hoch und wiegt 1200 Kilogramm – was die so kess aufgestellte Behauptung ziemlich unverrückbar macht.

Zu finden ist der Monolith mitten in der Comuna de Lloret, dem Gemeindeforst, durch den ein bequemer Spazierweg führt. Gleich gegenüber vom Friedhof und neben dem Fußballplatz befindet sich der Haupteingang zu dem mehr als 130 Hektar großen Gelände, das vollständig umzäunt ist. Riesige Kiefern wachsen hier, dazwischen wilde Olivenbäume und dichtes Buschwerk. Schmetterlinge tänzeln in der Sonne und auf einer grünen Wiese grast eine Schafherde. Ob sich hier nun tatsächlich der Mittelpunkt Mallorcas befindet, ist da fast schon zweitrangig: Wer einen entspannten Ausflug in die Natur unternehmen möchte, der ist hier jedenfalls genau richtig.

5. Son Real: Totenstadt und einsame Strände

Das gilt auch für das öffentliche Landgut Son Real in Santa Margalida. Kaum ein anderes Ausflugsziel auf der Insel ist so vielfältig und vereint so unterschiedliche Sehenswürdigkeiten. Unter anderem führen vier leicht begehbare und unterschiedlich lange Spazierwege durch die unberührte Küstenlandschaft. Zwischen den für Mallorca typischen Aleppo-Kiefern, Mastix-Sträuchern, Rosmarin, Erika und wilden Oliven tummeln sich Kaninchen, Ringeltauben, Schleiereulen, Turmfalken, Marder und Rebhühner. Zu sehen bekommen Besucher all das schreckhafte Getier allerdings nur mit Glück. Hin und wieder kreuzt auch eine Landschildkröte den Weg und schafft es nicht rechtzeitig ins Gebüsch.

Einst war Son Real mit rund 1000 Hektar das größte Anwesen auf dem Gemeindegebiet von Santa Margalida. Im Jahr 1991 erklärte die Balearen-Regierung das Gelände wegen der archäologischen Fundstätten sowie seines ethnologischen und natürlichen Wertes zum Schutzgebiet. Ein Jahr später erwarb der Govern einen knapp 400 Hektar großen Teil der Finca für 17,3 Millionen Euro. Das Geld stammte aus der ersten Touristensteuer, die Balearen-Urlauber in den Jahren 2002 und 2003 zahlen mussten. Damit ist Son Real bis heute das teuerste Einzelprojekt, das aus diesem Steueraufkommen finanziert wurde.

In den Gebäuden des einstigen Landguts befindet sich ein sehenswertes Landeskundemuseum, in dem eine ganze Reihe von Themen auf didaktisch sinnvolle Weise erklärt sind: die Kohleherstellung, die Jagd, die Schafzucht, der Alltag der Landbevölkerung, der Schmuggel. All dies gehörte jahrhundertelang zur Lebenswirklichkeit der Bewohner der Finca. Neben den Exponaten – Musikinstrumente, Trachten, Waffen, archäologische Funde – gibt es Nachbauten einer traditionellen Bauernküche sowie eines Kohlenmeilers. Die Ausstellungsräume befinden sich im ehemaligen Stall sowie im Herrensitz. Gegenüber liegen Kapelle und Gesindehaus, die jedoch nicht zu besichtigen sind.

Die Finca Son Real hat aber noch mehr zu bieten. An der Küste etwa stehen zwei Peiltürme, die zwischen Bürgerkrieg und Zweitem Weltkrieg errichtet wurden und U-Booten als Orientierungshilfe dienen sollten. Der eigentliche Höhepunkt aber liegt noch ein paar Schritte weiter: die Nekropolis von Son Real, eine der wichtigsten archäologischen Ausgrabungsstätten Mallorcas. Der Urzeit-Friedhof direkt am Meer umfasst mehrere Dutzend Gräber und ist ein stummer Beleg dafür, dass die Gegend schon in talayotischer Zeit vor 3000 Jahren besiedelt war.

6. Skulpturenpark für Kunstfans

Auf der La-Victória-Halbinsel bei Alcúdia befindet sich eines der ungewöhnlichsten Museen der Insel, das Museo Sa Bassa Blanca des Künstlerpaares Yannick und Ben Jakober. Neben einem Rosengarten, einem Skulpturenpark und einer unterirdischen Gemäldeausstellung zieht vor allem das spektakuläre, in den 1970er-Jahren von dem ägyptischen Architekten Hassan Fathy als Wohnhaus konzipierte Hauptgebäude die Aufmerksamkeit auf sich. Heute ist im Inneren eine Ausstellung moderner Kunst zu sehen, die mit Leichtigkeit die meisten anderen Sammlungen auf der Insel in den Schatten stellt. Da sich das Museum etwas abgelegen ganz im Norden der Insel befindet und die Zufahrt nur etwas umständlich über einen kurvigen Waldweg zu erreichen ist, hält sich der Andrang in der Regel in Grenzen.