Norwegen Ewiges Licht, Herz der Finsternis

In Longyearbyen auf der norwegischen Insel Spitzbergen leben Menschen aus 50 Nationalitäten. Die frühere Bergbauinsel zieht heute Touristen und Forscher an.

Longyearbyen liegt im Isfjord auf der norwegischen Insel Spitzbergen.

Longyearbyen liegt im Isfjord auf der norwegischen Insel Spitzbergen.

Foto: Michael Marek

Longyearbyen, 1300 Kilometer südlich vom Nordpol: Oberhalb des kleinen internationalen Flugplatzes, wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurden, hat man einen herrlichen Blick auf die Umgebung. Wohin man schaut: kleine Berge mit abgeflachten Kuppen. Bäume? Fehlanzeige! Dafür ist die Luft glasklar, der Himmel im Sommer strahlend blau. In einiger Entfernung breiten sich schneebedeckte Gletscher aus, die 60 Prozent der Gesamtfläche Spitzbergens ausmachen. Eine atemberaubende Landschaft.

Im Adventdalen, einem Seitental des Isfjord, dümpeln kleine Eisberge vor sich hin, die wie eine Schafherde auf der Wasserweide immer neue Konstellationen bildet. Im Sommer ist es 24 Stunden hell, im Winter dunkel, dann sinkt die Temperatur auf durchschnittlich 25 Grad unter Null. Die Mørketid, die dunkle Zeit, dauert von Ende Oktober bis Mitte Februar. Im Hochwinter wird es nicht einmal dämmrig, auch nicht mittags um zwölf.

Auf den wenigen Straßen des 2400-Seelen-Ortes Longyearbyen mit seinen bunten Holzhäusern herrschte vor der Coronakrise reges Treiben: Arbeiter, Studenten, Familien mit Kindern, Hotelangestellte, viele zu Fuß, einige sind in Pick-ups und Geländewagen unterwegs. Praktisch alle Erwachsenen sind erwerbstätig, es gibt keine Arbeitslosen, keine Sozialhilfeempfänger, keine Flüchtlinge und keine Rentner.

Über 50 Nationalitäten leben hier, die man überall trifft: im Restaurant als Bedienung, in den Hotels an der Rezeption, als Tourguides auf den Gletscherexpeditionen. Vor allem, um in der boomenden Tourismusbranche zu arbeiten. Einheimische findet man selten. In Longyearbyen wird man nicht geboren, heißt es, nach Longyearbyen wandert man aus. Spuren indigener Völker hat man auf Spitzbergen bis heute nicht gefunden.

Eisforscher nutzen Spitzbergen für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten.

Eisforscher nutzen Spitzbergen für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten.

Foto: Michael Marek

Immer mehr Touristen kommen nach Spitzbergen, vor allem der eisig-einsamen Landschaft wegen. Oder um einen der rund 3000 hier lebenden Eisbären vor die Kamera für die digitale Sofashow zu Hause zu bekommen. Schon am Flughafen werden die ankommenden Passagiere am Gepäckausgabeband von einem „ausgestopften Knut“ begrüßt. Draußen, vor der Halle, warnt ein rotes dreieckiges Schild vor den Bären. Sie können für den Menschen gefährlich werden. Im Fall eines Angriffs wegzurennen, ist zwecklos. Eisbären laufen bis zu 40 Stundenkilometer schnell.

Einst war Spitzbergen für seine Kohle bekannt: 1906 wurde mit dem Abbau industriell begonnen, heute ist davon bis auf wenige Zechen nicht mehr viel übriggeblieben. Viele Bergwerksschächte sind stillgelegt, zu unrentabel, der Weltmarktpreis für Kohle ist zu niedrig.

Am Abend ist der Karlsberger Pub wieder überfüllt. Bergleute, Studenten, Klimaforscher, Guides und Touristen – alle sind gekommen. Täglich landen hier wieder die Liniemaschinen aus Tromsø oder Oslo. Kreuzfahrtschiffe bringen Touristengruppen. Mit ihnen kommen neue Jobs. Kurz vor dem Nordpol gibt es sogar ein Vier-Sterne-Hotel und ein Gourmet-Restaurant. Dazu ein Museum, in dem Besucher sehen können, wie die Minenarbeiter vor 100 Jahren lebten. Mit den Touristen kommen auch neue Probleme wie der viele Müll. Der biologisch abbaubare Teil geht in den Fjord. Der Rest muss wieder zurück aufs Festland verschifft werden.

Anfang der 1990er-Jahre begann die norwegische Regierung den Tourismus zu fördern. Bis dahin konnten Besucher nur auf Einladung anreisen. Mittlerweile werden es immer mehr, vor allem im Winter. Dann dreht sich alles um die Nordlichter, wenn neben dem Blau der Gletscher und dem Schwarz der arktischen Nacht eine weitere Farbe zu sehen ist. Grünlich-türkisenes Licht strahlt vom Himmel, unheimlich, auch weil es sich zu bewegen scheint.

In der hellen Jahreszeit kommen die Touristen für ein besonderes Erlebnis: 24 Stunden Sonne. Dann werden Ski- und Hundeschlittentouren angeboten. Ein Gewehr gehört dabei ebenso selbstverständlich zum Gepäck wie die Thermoskanne. Viele haben zusätzlich noch eine Schreckschusspistole dabei. Denn töten will hier niemand einen Eisbären. Die Zeiten, in denen man zu Safaris nach Spitzbergen fahren konnte, sind Geschichte.

Dafür haben sich Longyearbyen und die Region zu einem Zentrum für die internationale Klimaforschung entwickelt. 1993 wurde die nördlichste Universität der Welt eingeweiht. 772 Studenten waren 2018 hier immatrikuliert. Meeresbiologen, Meteorologen, Geologen, Geophysiker und Eisforscher nutzen Spitzbergen für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten. Denn: „Der Klimawandel ist auch hier angekommen“, sagt Kim Holmén, der schwedische Direktor des „Norwegischen Polarinstituts“. Mit seiner Designerbrille, den wachen Augen und seiner Schifferkrause schaut er etwas mürrisch drein.

Die Fakten hat er Journalisten und Politikern schon unzählige Male buchstabiert: Der Fjord vor Longyearbyen friert nicht mehr zu, die Gletscher gehen zurück, noch in diesem Jahrhundert kann der gesamte arktische Raum im Sommer eisfrei sein, die Zahl sogenannter gebietsferner Fisch- und Vogelarten ist gestiegen. So sind zum Beispiel Makrelen aus wärmeren Gewässerzonen bis an den Küsten Spitzbergens gewandert. Große Teile Spitzbergens stehen unter Naturschutz, seit 1973 hat Norwegen verschiedene Naturparks- und reservate eingerichtet, die auch die Küstengewässer mit einbeziehen.

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