Mit einem US-Schiff von Miami nach Havanna - Kreuzfahrt 2018 nach Kuba

Kreuzfahrt nach Kuba: Mit einem US-Schiff von Miami nach Havanna

Zwischen Kuba und den USA herrschte jahrzehntelang Eiszeit. Seit einiger Zeit jedoch steuern US-Reedereien wieder Havanna mit ihren Kreuzfahrtschiffen an. Die Amerikaner nutzen das Angebot gern. Aber wie viel Kuba kann man an nur einem Tag erleben?

Es ist eigentlich nur ein Katzensprung. Rund 225 Seemeilen trennen Miami und Havanna. Und doch liegen Welten dazwischen: Hier die junge, mondäne, glitzernde Metropole - Inbegriff des Kapitalismus. Dort das abgerockte, morbide Havanna - eine der letzten, bröckelnden Bastionen des gelebten Sozialismus. "Das hier ist kein normaler Hafen", sagt eine Mitarbeiterin der "Norwegian Sky", bevor sie die Passagiere an Land gehen lässt. "Die machen hier die Regeln. Nicht wir."

Etwas mehr als 2000 Menschen spuckt das Kreuzfahrtschiff an diesem Abend aus. Die meisten sind Amerikaner. "Ist doch eine Schande", sagt ein Herr aus dem US-Bundesstaat New Jersey, während er in der einstigen Stammbar des US-Schriftstellers Ernest Hemingway, "Floridita", an seinem Cuba Libre nippt. "Mit China und Russland machen wir Geschäfte, aber unsere Nachbarn hier, die verschmähen wir." So lange es die Möglichkeit gebe, wollten er und seine Frau unbedingt nach Havanna. Die beiden sind nicht die Einzigen.

Mehr als 50 Jahre lang herrschte diplomatische Eiszeit zwischen den USA und Kuba. Nach dem misslungenen Versuch, Fidel Castro zu stürzen, hatten die USA in den 1960er-Jahren ein totales Handelsembargo gegen Kuba verhängt. Erst unter Präsident Barack Obama näherten sich die Regierungen wieder etwas an. Damit hat sich für amerikanische Touristen ein Fenster geöffnet.

Die Reederei Norwegian Cruise Line mit Sitz in Miami nutzt es seit Mai 2017. "Mit den Kreuzfahrten nach Kuba ist auch ein Wunschtraum unseres CEOs Frank del Rio in Erfüllung gegangen", sagt Christian Böll, zuständig für den europäischen Markt. Auf dem Schiff erzählt man sich, del Rio habe oben auf der Brücke gestanden und Tränen in den Augen gehabt, als die "Sky" zum ersten Mal in Havanna einlief. Seine Familie stammt aus Kuba.

Mittlerweile sind einige Reedereien auf der Route unterwegs. Die "Norwegian Sky" bleibt in der Regel eineinhalb bis zwei Tage, in jedem Fall über Nacht. Längere Kubareisen mit mehreren Stopps auf der Insel bieten zum Beispiel Celestyal Cruises und Plantours an.

Die Gäste der "Sky" haben die ersten Drinks im "Floridita" mittlerweile ausgetrunken und schlendern im fahlen Licht der Straßenlaternen durch die Gassen der im 16. Jahrhundert gegründeten Stadt. Dass es so nah zu ihrer jungen Heimat einen Ort mit so viel Geschichte gibt, erstaunt viele. Die schmucken Paläste ernten noch immer anerkennende Blicke. Nicht umsonst gehört "La Habana Vieja" zum Weltkulturerbe der Unesco.

"Fühlt sich europäisch an", befindet eine junge Frau aus Kanada. "Ganz schön heruntergekommen", brummt ein älterer Herr mit Blick auf hier und da abblätternde Farbe an den Barockfassaden. Dass man solche Pracht nicht anständig in Schuss hält, können viele Kreuzfahrtgäste nicht verstehen.

Allzu viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, bleibt aber ohnehin nicht. Kaum ist der erste Stadtplatz umrundet, steuern die kubanischen Touristenführer mit ihren Gruppen die nächste Bar an.

Es ist die "Bodeguita del medio", eine winzige, knallbunte Bar, die die Erfindung des Mojito für sich reklamiert. Sie ist zu einer Art Pilgerstätte für Hemingway-Fans geworden.

Gut sichtbar prangt in der stickigen Kneipe ein gerahmtes Stück Papier: "My mojito in La Bodeguita. My daiquiri in La Floridita", steht dort schwungvoll hingekritzelt, unterschieben von einem gewissen "Ernest Hemingway". Ob der Schriftsteller allerdings jemals einen Fuß in die "Bodeguita" gesetzt hat, ist umstritten. Es wird gar gemunkelt, das werbewirksame Stück Papier sei eine Fälschung.

Das Paar aus New Jersey stören die Zweifel wenig. Sie schlürfen andächtig den einwandfrei gemixten Mojito und lauschen dabei der Kombo junger Musiker, die auf ein paar Dollars hoffend mitten im Gedränge kubanische Klänge anstimmt.

Zurück an Bord ist es indes gleich wieder da: das Gefühl, in den USA zu sein und nicht auf Kuba. "Wir dekorieren die Schiffe nicht nach dem Zielhafen", sagt Roland Schröck, stellvertretender Hoteldirektor auf der "Norwegian Sky". Tatsächlich hat man vom Dekor her eher das Gefühl, nach Hawaii zu reisen - was daran liegen könnte, dass das etwas in die Jahre gekommene Schiff als "Pride of Aloha" lange Zeit Hawaii ansteuerte.

  • Tui-Chef Fritz Joussen im Interview : "So viele Reisen wie nie zuvor"

Ansonsten ist die "Sky" wie die meisten US-Kreuzfahrtschiffe eine Art Außenposten der Vereinigten Staaten: Niemand muss hier mittags auf seinen Burger verzichten. Nach dem Landgang trifft man sich gern auf eine Runde Bingo oder eine Partie Black Jack im Casino. Abends unterhält ein einigermaßen berühmter amerikanischer Comedian die Gäste.

Abgestimmt auf das Ziel der Reise sind allerdings das musikalische Konzept und die Speisekarte in den Hauptrestaurants. So können sich die Passagiere mit lateinamerikanischer Livemusik am Pooldeck sowie kubanischen Drinks und herrlich gewürztem Red Snapper an Kochbananen zumindest ein wenig auf ihren Kubabesuch einstimmen.

Am nächsten Morgen begrüßt Havanna die lange nicht gesehenen Nachbarn aus den USA mit strahlendem Sonnenschein. Wer sich nicht die private Tour in einem der legendären amerikanischen Oldtimer leistet, besteigt jetzt einen voll klimatisierten Bus. "Ultimative Highlights" stehen auf dem Programm, einer der meistgebuchten Ausflüge.

Vorsichtshalber weist schon die gedruckte Ausflugsbroschüre der Reederei darauf hin, dass sich am Programm der Ausflüge jederzeit etwas ändern kann. Und tatsächlich: An diesem Tag beginnen die Höhepunkte auf dem Friedhof. Der Cementerio Cristóbal Colón ist allerdings wirklich einen Besuch wert, findet die Ausflugsmanagerin der "Norwegian Sky", Mihaela Florea. Sie legt ihren Gästen einen Spaziergang über die 56 Hektar große Nekropole ausdrücklich ans Herz. Und das zu Recht.

Den Preis für das meistgeknipste Foto ergattern der beeindruckenden Gräberarchitektur zum Trotz aber nicht die Mausoleen. Stattdessen schleichen die Kreuzfahrtgäste um die auf dem Friedhof parkenden Oldtimer - auf der Suche nach dem perfekten Winkel für ein Stillleben mit Auto. Ohne anständige Bilder von chromblitzenden Chevrolets und knallpinken Fords aus den 50er- und 60er-Jahren will hier definitiv niemand zurück in die Staaten schippern.

Bei der anschließenden Stadtrundfahrt saust der Bus so schnell am sagenumwobenen "Hotel Nacional" vorbei, dass die Gäste Mühe haben, die Fassade zu erkennen. Wer den einstigen Treffpunkt der amerikanischen Drogenbosse - auch bekannt aus dem zweiten Teil des Films "Der Pate" - genauer unter die Lupe nehmen will, fährt besser auf eigene Faust hin. Oder bucht den Abendausflug zu einer der Shows im hoteleigenen Theater.

Ob jemand noch Fragen hat, will Stadtführerin Jenny schließlich wissen, zu Kuba im Allgemeinen oder Havanna im Besonderen. Aber klar: Wo es günstig Zigarren gibt und welcher Rum der beste sei?

Die Antwort lauert - man ahnte es schon - in einem kleinen Keller, der vor Touristen aus aller Herren Länder überquillt. Das ernüchternde Fazit: Rum ist billig, die Zigarren teuer. Aus amerikanischer Sicht eine ungünstige Kombination, weil in die USA wenig Rum, aber viele Zigarren eingeführt werden dürfen. Vom Kauf hält das kaum jemanden ab.

Bepackt mit den unvermeidlichen und nur vermeintlich unauffälligen Plastiktüten geht es dann zurück in Richtung Bus. Für den obligatorischen Spaziergang auf Havannas berühmter Uferpromenade, dem Malecón, bleibt kaum mehr Zeit. Rund 24 Stunden nach dem Anlegen heißt es für die Gäste der "Sky": zurück an Bord bitte.

Mehr als ein Schlückchen Kuba hat kaum einer gekostet, so viel ist klar. Aber immerhin: Ein Anfang ist gemacht. "Wir kommen definitiv wieder": Dieser Satz fällt mehrfach, während das Schiff den Hafen von Havanna im strömenden Regen Richtung Bahamas verlässt.

Am nächsten Tag sinniert der eine oder andere Passagier auf der Reederei-eigenen Insel Great Stirrup Cay noch. Ob einem eigentlich aufgefallen sei, was dort fehlte, will ein älterer Herr aus New York wissen. Betretenes Schweigen.

"Boote", sagt er schließlich triumphierend. Das sei doch seltsam, dass in einer Stadt mit Hafen niemand ein Boot besitzt. Seine Theorie liegt einigermaßen nah: Hätten die Menschen Boote, würden sie dahin kommen, wo er ein schmuckes Feriendomizil besitzt - nach Key West in Florida. Gerade einmal 90 Seemeilen, rund 145 Kilometer, trennen den US-Küstenort und Havanna. Es liegen Welten dazwischen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mini-Kreuzfahrt von Miami nach Havanna - Kuba an einem Tag

(csr)
Mehr von RP ONLINE