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Leben einer Deutschen unter den Ewenen: Kamtschatka: Auf Glückssuche im „Bärendorf“

Leben einer Deutschen unter den Ewenen : Kamtschatka: Auf Glückssuche im „Bärendorf“

Esso (RPO). Um Esso (nicht die Tankstelle) zu finden, muss man auf dem Globus den Zeigefinger in Richtung Pazifik schieben, bis man 10.000 Kilometer östlich die russiche Halbinsel Kamtschatka erreicht hat.

Irgendwo in ihrer Mitte, versteckt in einem Tal zwischen Vulkanen, liegt ein Dorf mit 2900 Einwohnern, 4500 Rentieren, einer Schamanin, die sich vor Fremden versteckt, und einem offenen Becken mit heißem Thermalwasser, in dem man am besten im Winter (weil es dann so schön dampft) und bei Mondlicht (weil es sonst stockfinster ist) baden kann.

Wenn Sie am Frühstückstisch diesen Artikel lesen, hat die 25-jährige Judith Kiss aus Berlin elf Zeitzonen weiter östlich vermutlich gerade in ihrer kleinen Wohnung das Abendessen gekocht. Wie wohl ihr Tag gewesen ist? Vielleicht hat sie einen neuen Holzzaun gezimmert oder im Wald Braunbären gezählt? Oder den kleinen Rentierhirten aus dem Volk der Ewenen die deutsche Art des Kuchenbackens beigebracht?

Die Politikstudentin der FU Berlin ist im vergangenen Juni nach Esso gezogen, um in einem fernen Land mit schöner Natur und einfachen Lebensverhältnissen zu sich selbst zu finden. Aber auch um eine nie vorher da gewesene Freundschaftsbeziehung zwischen Ewenen, Russen und Deutschen aufzubauen. "Trotz der Kulturunterschiede stehen wir uns nahe", sagt Judith, während sie in Esso spielende Kinder betrachtet. "Mein Traum ist es, dass die Menschen hier mich eines Tages nicht mehr als die Deutsche sehen, sondern als eine von ihnen".

Auf heißem Wasser gebaut

Im Schönheitswettbewerb der russischen Dörfer würde Esso keinen Preis gewinnen mit seinen verfallenden Holzhäuschen, die ungeordnet in den dreckigen Straßen stehen. Es gibt weder einen zentralen Dorfplatz noch eine gemütliche Kneipe, wo der Reisende das starke Gefühl loswerden könnte, er verschwende hier seine Zeit. Dabei ist Esso ein sehr ungewöhnliches Dorf. Denn es steht auf einem unterirdischem heißen See, der durch ein Leitungssystem die Einwohner selbst bei schlimmsten Frösten zuverlässig mit warmem Wasser versorgt.

Die zweite Besonderheit von Esso sind seine Bewohner, die nach den Worten des Dorfmuseumsführers Wasja zur Hälfte von Bären abstammen. Der Mann mit einem Glasauge erzählt dazu eine Geschichte von dem heidnischen Stamm der Ewenen, das vor 150 Jahren in die Gegend von Esso kam und sich mit korjakischen Einbegorenen und russischen Kolonisten vermischte. Von wem die Korjaken und Russen in Esso abstammen, bleibt unklar: Dazu müsste man erst einen nüchternen Dorfbewohner finden und ihn befragen.

Leben mit Braunbären

In dieses ungemütliche Dorf mit trinkfreudigen Bärenmenschen, die auf einer Heißwasserblase leben, zog also im Sommer 2006 eine Deutsche, um Erfüllung zu finden. "Ich hatte keine Angst", sagt Judith Kiss. "Es war nur komisch, sich vorzustellen, dass es hier echte Braunbären gibt". Als Judith ihren Eltern eröffnete, sie werde für ein Jahr in die russische Provinz am nördlichen Ende des Pazifiks reisen, mussten diese schlucken. Und auf der Karte nachschauen, wo sich überhaupt Kamtschatka befindet.

Die Studentin ließ sich ihre exotische Idee nicht ausreden. "In Europa war das Leben so ermüdend. Ich habe mich nach Ruhe gesehnt, außerdem wollte ich schon immer eine Weile hinter dem Ural leben", sagt die zierliche Frau mit Pferdeschwanz. Sie besorgte sich ein Stipendium der Manfred-Hermsen-Stiftung für Naturschutz und fand zwei Studenten, die mitreisen wollten. Nun arbeiten die drei als Volontäre im Bystrinski Naturpark bei Esso, der mit 1,3 Millionen Hektar so groß ist wie Schleswig-Holstein.

Mit jedem gut Tee trinken

Judith untersucht in Esso, wie sich der Park selbst finanzieren kann. Gemeinsam mit Daniela und Christoph hat sie einen ökologischen Jugendclub gegründet und beim Anlegen eines Kindersommerlagers mit regenerativen Energietechniken mitgeholfen. Dabei mussten die Frauen aus Berlin lernen, wo die Emanzipation aufhört: "Wir waren zu schwach für manche Arbeiten, da haben wir lieber für die Männer gekocht", erzählt Judith.

Zwei andere wichtige Erkenntnisse habe sie aus ihrem Aufenthalt bei den Ewenen gewonnen: "Wie die Deutschen sind die Menschen hier unglücklich über ihre Lebensverhältnisse, dennoch jammern sie nicht, sondern sie nehmen alles mit Humor auf. Und es gibt mehr Gemeinschaftssinn: Die Leute trinken auch dann Tee zusammen, wenn sie einander nicht mögen". Negativ fällt es ihr auf, dass die Russen oft faul und unorganisiert sind: "Man kann wenig planen und man wartet viel". Dabei wird auch mal geflirtet — auf die russische Art. Mit 25 Jahren ist Judith eine der wenigen jungen Frauen im Dorf, die nicht verheiratet ist. "Die Männer witzeln, dass mich keiner haben wollte", sagt sie.

Sie fühlt sich nicht einsam in der Ferne. Gegen Heimweh helfen E-Mails nach Hause. Und wenn Judith etwas Zerstreuung haben will, geht sie auf einen Plausch zur russischen Nachbarin oder sie schaut sich Film-DVDs auf dem Bürocomputer in der Parkzentrale an. "Mir fehlt nichts", sagt sie. Die medizinische Versorgung sei kein Thema, zumal es im Dorf ein Krankenhaus gibt. Auch an frischem Obst und Gemüse mangelt es nicht. Daheim kocht sich Judith einfache russische Gerichte aus Kartoffeln und roter Beete. "Die Zeit verfliegt schnell, und es gibt noch so viel zu tun", sagt die junge Frau, die im Juni 2007 heimkehren soll. "Im Moment kann ich es mir gut vorstellen, hier sehr lange zu leben", sagt Judith. "Aber nur gemeinsam mit einem Partner".