Singapur Farbenrausch am Äquator

Little India: Wo Vishnu und Allah ziemlich beste Freunde sind. Wo alle Düfte Asiens sich treffen. Und wo Shopping echtes Abenteuer bedeutet. Ein Bummel durch das reizvollste Viertel der Millionen-Metropole

In dieser Weltstadt im Grünen lässt es sich gut leben: Badespaß auf dem Hoteldach vor einer spektakulären Kulisse.

In dieser Weltstadt im Grünen lässt es sich gut leben: Badespaß auf dem Hoteldach vor einer spektakulären Kulisse.

Foto: Bernd Schiller

Die Sonne brennt gnadenlos in die Gassen des indischen Viertels. Morgens um zehn steht sie längst senkrecht am Firmament. Singapur liegt gerade mal 60 Kilometer vom Äquator entfernt. Und dann hängt plötzlich eine dunkle Wolke über der Fünfeinhalb-Millionen-Metropole. Es fängt an zu tröpfeln, zu regnen, zu schütten. Die Welt geht unter. Alles sucht Schutz unter Markisen oder Arkaden. Zehn Minuten später ist der Spuk vorbei; die Straße und der Gehweg dampfen noch für einen kurzen Moment, sind aber gleich darauf wieder trocken.

Wir haben uns zwischenzeitlich in den Veeramakaliamman-Tempel geflüchtet, wo uns Kali, die Gattin des großen Shiva, in ihrer Schreckensversion die Zunge zeigt. Als blutrünstige Kämpferin gegen alles Böse wird sie dargestellt, aber unterm selben Dach auch als liebevolle Mutter des elefantenköpfigen Ganesha, des Überwinders aller Hürden. Die Vorfahren der Gläubigen, die sich hier vor allem abends um den Priester drängen, kamen einst fast alle aus Bengalen, die meisten aus Kalkutta, der Stadt, die ihren Namen von der Göttin mit den vielen Aspekten ableitet.

Weit entrückt scheinen auf einmal die Wolkenkratzer des Bankenviertels, Welten entfernt auch die Quais am Singapore River, wo sich allabendlich die Banker und Broker zum Feierabendbier treffen. Hier ist Indien, hier herrschen, etwa im Sri Perumal Tempel, ein paar Schritte nur von Kali entfernt, der große Gott Vishnu, aber, nicht weit entfernt, auch Buddha, zum Beispiel im Shakyamuni-Tempel an der Race Course Road, und nicht zuletzt Allah, in den diversen Moscheen der islamisch orientierten Inder, die sich hier mit ihren Hindu-Landsleuten besser als in der alten Heimat verstehen.

Kein anderer Kiez im Stadtstaat Singapur ist so farbenprächtig, so überraschend wie das Gassengewirr östlich der beiden Metro-Stationen ­Little India und Farrer Park. Vorhin, im berühmt-berüchtigten Tekka-Markt, habe ich Danny Lorenzo getroffen, einen Singaporian, wie er typischer nicht sein kann: indische und portugiesische Vorfahren in Goa, ein bisschen Malaysia im Blut, vielleicht auch China, so genau wollte es Danny, der seit Jahren deutschen Touristen sein Singapur zeigt, nie wissen. Im Tekka-Markt lebt noch der alte Orient in der Stadt, die doch sonst so sehr für Hi-Tech und Hygiene steht. Wer aber abgetrennten Schafsköpfen nicht in die Augen schauen mag, wer in der Nase beißende Gerüche nicht haben muss, wird rasch ein paar Schritte weiter gehen wollen, etwa ins Einkaufszentrum Little India Arcades.

Alle Gewürze Asiens duften hier, alle Farben Indiens leuchten in den Saris und Seidenstoffen, alle Mittelchen zur Steigerung der Potenz werden hier angeboten. Weiter in die Cuff Road, die von der Hauptachse Serangoon abgeht. Unser Freund Danny kennt die ultramodernen Ecken so gut wie den letzten Laden der Stadt, der noch Gewürze wie in alter Zeit mahlt . Ein freundliches Hello zu Mister Mohammed Bhoy, und wir dürfen ein Foto machen. Vorhin in den Arkaden haben wir Seide gekauft, Meterware vom Feinsten für die Daheimgebliebenen. Es wird eng werden mit dem Gepäck. Also kaufen wir bei Mustafa, eher ein riesiger Basar als eine Mall, einen Schalenkoffer und einen Rucksack für 30 Euro. Die Rückreise werden sie wohl überstehen.

Zeit für einen Imbiss. Die Wahl fällt schwer in diesem Viertel, das alle Küchen Indiens beherbergt, von den milch- und fleischreichen Gerichten der Moghulküche über die süßen Speisen aus Bengalen bis hin zur höllisch scharfen Tropenküche des Südens. Wir löschen erst den Durst mit einem salzigen Lassi-Getränk in Maggis Beer Garden, dann probieren wir fleischlose Kost, Kürbis-Curry mit Reis und schwarzen Oliven zum Beispiel, macht satt, aber nicht träge.

Danny, was haben wir versäumt, was sollten wir uns für morgen aufheben? Vielleicht ein Blick in die prächtige Abdul Gafoor Moschee in der Dunlop Street. Oder auf die schönen alten Häuser an der Kerbau Road. Kerbau, aus dem Ma­laiischen, bedeutet Büffel und erinnert daran, dass hier noch bis etwa 1930 das Vieh weidete.

 Typisch für Frauen in Little India: die Liebe zu buntem Schmuck

Typisch für Frauen in Little India: die Liebe zu buntem Schmuck

Foto: Bernd Schiller
 Hochhäuser und Moscheen

Hochhäuser und Moscheen

Foto: Bernd Schiller

Und essen sollten wir morgen mal lecker und locker vom Bananenblatt, etwa im Res­taurant Banana Leaf, das diese hygienisch wie ökologisch einwandfreie Sitte, der halb Asien folgt, schon in seinem Namen ankündigt.