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In Sardinien tragen die Bäume nach der Ernte des Kork kurze Hosen

Sardinien : Wo Bäume kurze Hosen tragen

Die Gallura, Sardiniens mal schroffe, mal liebliche Granitlandschaft im Norden, hat idealen Boden für Korkeichen. Ihre Rinden werden spektakulär geerntet und nicht nur zu Flaschenkorken verarbeitet. Sondern auch zu Designer-Kleidern, Vorhängen und Handtaschen.

Ob sich hier mal ein Riese rumgetrieben hat? So einer mit Dino-Maßen oder noch viel, viel größer? Wenn ja, dann war Sardiniens ganzer Norden sein Spielplatz. Hier tollte der Riese mit Granit-Brocken herum, türmte sie am Capo Testa zu monumentalen Küsten-Klumpen, formte landeinwärts lieblich gewellte Hochebenen und drapierte überall steinerne Rätsel: Ist das wirklich ein XXL-Bär bei Palau? Und bei Castelsardo ein Elefant? Die Sarden nennen diese tierähnlich geformten Felsen schon lange so. Ja, nach ein paar Tagen „Kreuzfahrt“ im Auto durch die Gallura beginnt man zu phantasieren. Weil diese Landschaft so viele überwältigende Bilder anbietet und es kaum vorstellbar ist, dass unterirdisches Landmassen-Geruckel, Wind und Wellen all diese Gesteinsformationen in Millionen Jahren zusammengeschoben und zerklüftet, ausgewaschen und in Form geschmirgelt haben.

Wo Menschen in der Gallura bisher keine Felder arrondiert oder Straßen durchgezogen haben, da ist diese mal schroffe, mal mittelgebirgig hügelige Granit-Welt zu mehr als zwei Dritteln überwuchert von dichter Macchia – der Sammelbegriff fürs undurchdringliche Gestrüpp, in dem etwa Heidekraut, Lavendel, jede Menge Wildblumen, Stechginster, Rosmarin und Myrte blühen und unwiderstehlich duften wie ein Open-Air-Gewürzladen. Je weiter der Gallura-Trip von der smaragdfarbenen Küste tief hinein ins Landesinnere führt – in Richtung kleiner, überwiegend aus Granit erbauter Städte wie Tempo Pausania und Aggius – desto öfter stehen auf Feldern seltsame Bäume und lösen den nächsten Phantasie-Flash aus: Tragen diese Bäume kurze Hosen? Sieht so aus, jedenfalls dort, wo sie dicht an dicht stehen: Ihre rostroten, rindenlosen Stämme könnten sonnengebräunte Riesen-Beine sein. Etwa in zwei Meter Höhe erst beginnt die grün-graue Baumrinde und mutet an wie eine Tarnfarben-Shorts, aus der sich das Geäst erhebt. Die langbeinigen Kurze-Hosen-Bäume sind Korkeichen, frisch geschält. Dafür ist Sandro Amadori früh aufgestanden.

 Diverse Produkte – unter anderem Handtaschen – werden aus Kork hergestellt.
Diverse Produkte – unter anderem Handtaschen – werden aus Kork hergestellt. Foto: Stephan Brünjes

Kurz nach Sonnenaufgang hackt der „Bucadoro“ (Schäler) seine langstielige Axt heute zum ersten Mal in eine Korkrinde. Bis mittags muss Sandro sein Tagespensum geschafft haben – danach wird es zu heiß zum Weiterarbeiten. Es ist Hochsommer – die beste Jahreszeit für die Kork­ernte, denn jetzt führt der Eichenstamm wenig Wasser, deshalb kann Sandro die Rinde leicht von der Wachstumsschicht darunter ablösen. Er treibt dafür den angespitzten Axt-Stiel wie einen Keil zwischen Rinde und Baumstamm. Ein paar Frühaufsteher-Urlauber stehen am Weidezaun und schauen weiteren Männern dabei zu, wie sie gut zwei Meter lange, etwa fünf Zentimeter dicke, halbrunde Rindenteile abbrechen und rostrote Stämme freilegen. Diese „Carriadori“ (Transporteure) schultern die Rinden und stapeln sie auf Lkw. Die zuckeln den Sommer über in Zeitlupe (nicht selten vor Urlauber-Mietwagen…) über Gallura-Landstraßen und laden die Baumhäute auf Wiesen ab – zum Trocknen. Erst Monate später werden sie weiterverarbeitet – bei weitem nicht immer zu Flaschenkorken, das lernt man im Korkmuseum der Kleinstadt Calangianus.

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Etwa im 20. bis 25. Lebensjahr geht‘s einer Korkeiche überhaupt zum ersten Mal an ihre Rinde. Diese erste Haut ist jedoch allenfalls für Schuheinlagen gut und als Dämm-Material. Zehn Jahre wächst die Rinde nach, dann folgt der zweite Schnitt – immer noch keiner für Korken. Erst der dritte taugt dafür, von einem etwa 45-jährigen Baum.

 Im Korkeichen-Museum Museo del Sughero gibt es Kork zum Anfassen.
Im Korkeichen-Museum Museo del Sughero gibt es Kork zum Anfassen. Foto: Stephan Brünjes

Pietro Asara zeigt im Museum Schritt für Schritt, mit welchen einfachen Gerätschaften seine Vorfahren früher Korken in Heimarbeit stanzten und schnitzten. Immer griffbereit – das farru tirabandi, ein extrem scharfes Messer mit Holzgriff. Und mechanische Stanzmaschinen sowie eine Trommel mit Handkurbel. Darin wurden die Korken früher gedreht und dabei mit Paraffin eingecremt – damit sie leichter in die Flaschen flutschen und wieder heraus. Heute entstehen etwa drei Millionen Korken am Tag – mit riesigen, weitgehend automatischen Maschinen bei Italiens größtem Produzenten in der Fabrik schräg gegenüber.

Anna Grindi hingegen lässt nur kleine Stückzahlen fertigen, in einer anderen Fabrik. Nicht für Flaschen. Sondern für Körper. Und für Köpfe. Und Füße. Die Designerin schreitet wie eine Diva durch ihre „Boutique Suberis“, präsentiert modische Kleider, Schuhe und Handtaschen, Fliegen, Gürtel und Hüte für Herren, Vorhänge und Tischläufer, Schmuck und Portemonnaies. Fühlt sich an wie Leder, ist alles aus Kork, sieht aber nicht so aus. Nur die riesige, an die Wand geschraubte Korkeichen-Rinde erinnert beim Stöbern immer wieder daran.