1. Leben
  2. Reisen

Holland im Außnahmezustand - Tulpenfelder wo man nur hinsieht

Holland : Die Symptome des Tulpenfiebers

Ein Land im floralen Ausnahmezustand: Zur Zeit der Tulpenblüte verzaubert eine verschwenderische Fülle Farbtupfer.

„Tausend rote, tausend gelbe …“ Die Sprache der Blumen zeichnet sich durch einen hohen Symbolwert aus. Dies trifft besonders zu bei persönlichen Herzensanliegen. Denen können sie zuweilen glaubhafter Ausdruck verleihen als das gesprochene Wort es vermag. Machte diese Erfahrung nicht bereits Suleyman der Prächtige, einer der mächtigsten Sultane im Topkapi-Palast am Bosporus?

Sein Harem war legendär und sicherlich auch dessen amourös aufgeladene Gefühlswelt. So reifte in ihm der Gedanke, in Liebesangelegenheiten auf Machtworte zu verzichten und dafür lieber Blumen sprechen zu lassen. Ganz besonders die neuen Tulpenzüchtungen aus seinen eigenen Gärten, wie sie weder seine Gespielinnen noch die Welt je zuvor gesehen hatten.

Belustigend bis peinlich wirkte allerdings die Ahnungslosigkeit im Abendland. Denn dort endete die erste Lieferung von Tulpenzwiebeln fast vollständig im Kochtopf des niederländischen Händlers. Erst der bescheidene Rest bildete die Grundlage für eine Welle der Begeisterung. Diese mündete wegen der ungewohnten Schönheit der Pflanzen in ein wahres Tulpenfieber.

In unzähligen Stillleben wurde die gestreifte „Rembrandt-Tulpe“ von den Malern des holländischen Goldenen Zeitalters für die Nachwelt festgehalten. Erstaunlicherweise entwickelten sich auch die Tulpenzwiebeln zu Objekten der Begierde. Erst das Platzen der riesigen Spekulationsblase an der Börse bereitete diesem Spuk ein Ende und hinterließ traumatisierte Anleger.

Der langfristigen Wertschätzung der Exoten aus dem Morgenland tat das jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil! Denn der damaligen Krise zum Trotz erhoben sich die neuen „Tulpen aus Amsterdam“ wie Phoenix aus der Asche. Somit stand der Fortsetzung ihres Höhenfluges bis in die Gegenwart hinein nichts mehr im Wege. Denn zweifellos lassen die heute allgegenwärtigen Tulpenfelder Rückschlüsse zu auf den wirtschaftlichen Erfolg, der in Höhe von vier Milliarden Euro jährlich mit ihnen einher geht. In langen farbigen Bahnen streben sie dem Horizont entgegen und scheinen dort mit dem Himmel zu verschmelzen.

Alle Wege durch die holländische Landschaft führen während der Frühjahrs-Blütenzeit nach Keukenhof. Für Blumenliebhaber aus aller Welt ist dies nicht nur das unumstrittene Eldorado der Gärtnerkunst, sondern zugleich auch die Eingangspforte zum Urbild eines perfekten Tulpenhimmels. Ein dem hohen Bedarf angepasstes modernes Eingangstor ist seit kurzem in der Lage, den nicht abreißenden Strom neugieriger Zuschauer zu kanalisieren. Die Zufriedenheit über diese gelungene Maßnahme ist der Keukenhof-Managerin Annemarie deutlich aus dem Gesicht abzulesen.

Und in der Tat: Nach Betreten des Parkgeländes herrscht die pure Sinnenfreude vor. Bei überwiegend fröhlichen Gesichtern, die angesichts der üppigen Blumenarrangements schnell auf Genussmodus umschalten. Überall beherrschen prächtige Kreationen aus Formen und Farben das Bild. Dazwischen stößt man auf unauffällig in die Parklandschaft eingefügte Pavillons, alle benannt nach den Mitgliedern der holländischen Königsfamilie. Diese informieren über die lange Geschichte des heimischen Tulpenanbaus oder präsentieren thematisch gestaltete Installationen rund um die Tulpenromantik.

Da darf natürlich die typisch holländische Windmühle nicht fehlen, die mit ihrer Pumpfunktion früher dazu beitrug, das „Land unter Wasser“ trocken zu legen. Ihre obere Plattform eröffnet eine großartige Vogelperspektive über das bunte Parkgelände hinweg. In ihrem Schatten werden auch die ringsum gelegenen Kanäle erkennbar, die mit kleinen Elektrobooten zu einem Ausflug einladen. Natürlich fällt der Blick dabei auch auf die bunten Felder außerhalb des Parks, auf denen Millionen von Blütenkelchen und Tulpenzwiebeln bereits darauf warten, in alle Welt verkauft zu werden.

Wie das im kleinen Rahmen funktioniert, beschreibt Gärtnerin Annemieke in ihrer nahe gelegenen privaten Gärtnerei. Mit einem der schönsten Pflückgärten in der Region macht sie große wie kleine Blumenliebhaber glücklich, die für wenig Geld riesige Sträuße individuell für sich zusammenstellen dürfen. Natürlich sind auch die entsprechenden Tulpenzwiebeln erhältlich, mit denen jeder das soeben erlebte Blumenwunder im nächsten Frühjahr noch einmal persönlich nachvollziehen kann.

Abschließend lüftet Annemieke noch ein Geheimnis. Sie verrät, dass Teile ihres Angebots sich nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Verzehr eignen. Das lässt sich nachprüfen im nahe gelegenen Restaurant „Die vier Jahreszeiten“, in dem Küchenchef Ton Freriks mit fantastischen Blumen-Kreationen auf dem Teller aufwartet. Dabei verbinden sich die Tulpen-Blütenblätter mit dem Gericht zu einem ganz intensiven Geschmack.

Gärtnerin Annemieke züchtet in ihrer privaten Gärtnerei sogar Tulpen, die in einem Restaurant in der Nähe als Essen serviert werden. Foto: Bernd Kregel

Einen wunderschönen Abschluss bildet das traditionsreiche Haarlem mit seinem romantischen Flair. Jenes Städtchen, das mit seinen gewundenen Kanälen, seinen stilvollen Bauwerken und reich bestückten Museen sogar dem stolzen Amsterdam ein wenig das Wasser reichen kann. Auch hier sind rund um die zentral gelegene Bavo Kathedrale mit ihrer prächtigen Barockorgel die Tulpen nicht wegzudenken. Tragen sie doch bei zu einer liebenswürdigen Atmosphäre, wie sie besonders in den bezaubernden Innenhöfen, den berühmten Hofjes, zum Verweilen einladen.

Aber auch in den Innenräumen finden sich großzügig gesteckte Blumenarrangements. So zum Beispiel im Frans Hals Museum oder in der Neuen Bavo Kirche. In romantischer Jugendstilkulisse hängen hier im Frühjahr mehrere tausend Blüten kaskadenförmig wie ein floraler Wasserfall vom vierzig Meter hohen Innenturm herab. Ein Blütensegen, der sich unmerklich in einen Blütenregen verwandelt und damit den floralen Ausnahmezustand erneut veranschaulicht.

Die Recherche wurde unterstützt vom Niederländischen Büro für Tourismus und Kultur.