Heron Island - Schutzgebiet für Vögel, Schildkröten und Korallen

Great Barrier Reef :    Das Riff ist noch zu retten

Einst wurden auf Heron Island Schildkröten in Dosen gefüllt. Heute ist die Insel im Süden des Great Barrier Reef Schutzgebiet und Brutplatz einer einzigartigen Vogelpopulation.

Am frühen Abend entsteht am Strand Unruhe. Menschen gestikulieren, schütteln Schirme und schreien Silbermöwen an. Wo tags kaum jemand unterwegs war, weil Sturm und Regen die türkisfarbenen Gewässer in eine Sinfonie aus Grautönen verwandelten, starren Urlauber nun abwechselnd in Wasserrinnen, die die Ebbe zurückgelassen hat, und zum Himmel. Gegenstand der Aufregung sind einige Dutzend frisch geschlüpfter Schildkröten. Vermutlich hielten sie den bewölkten Himmel für abendliches Dämmerlicht. Zu früh und dazu bei Niedrigwasser haben sie sich auf den Weg ins noch weit entfernte Meer gemacht. So wird der unter besten Bedingungen schwierige Weg der Meeresschildkröten zum Buffet für die Silbermöwen. Eine nach der anderen ergreifen die Vögel, obwohl Urlauber neben ihnen herlaufen und sie Fäuste schüttelnd gegen die Möwen zu verteidigen versuchen.

Eine Handvoll Schildkröten-Babys hat es schließlich ins Meer geschafft, den Rest haben die Vögel verschlungen. Natur muss man aushalten können; das ist eine der Botschaften, die Heron Island vermittelt. Die 30.000 Menschen, die im Jahr hierherkommen, sollen so wenig wie möglich ins Ökosystem eingreifen. Wenn zwischen Oktober und März auf Heron Grüne Meeresschildkröten und Karettschildkröten nisten und schlüpfen, ist das nicht immer leicht.

Eine Riffwanderung zählt zu den Attraktionen auf Heron. Foto: Stephanie Bisping

80 Kilometer vom australischen Festland entfernt liegt Heron Island im südlichen Abschnitt des Great Barrier Reef. Die Fauna an Land und eine faszinierende Unterwasserwelt lassen Nebensächlichkeiten wie den traumhaften Strand glatt vergessen. Je weiter man sich in Australien nach Süden bewegt, desto gemäßigter werden die Temperaturen; das gilt auch fürs Wasser. So waren die Gewässer hier weniger von den schweren Korallenbleichen der Jahre 2016 und 2017 betroffen als die nördlichen Abschnitte des Riffs.

Naturschutz für ein artenreiches Paradies

Neue Gäste erwartet bei ihrer Ankunft eine Geräuschkulisse aus Schreien und Pfiffen. Rund 200.000 Vögel leben im Südsommer auf der 300 mal 800 Meter großen Insel. 120.000 Weißkopf-Noddies und bis zu 30.000 Keilschwanz-Sturmtaucher kommen im Oktober zum Brüten nach Heron Island; Weißbauch-Seeadler, Riffreiher, Götzenlieste und Silbermöwen leben ganzjährig hier. Hinzu kommen Zugvögel aus der nördlichen Hemisphäre. Auf Bäumen, in der Luft, im Gebüsch und vor den Füßen: Überall flötet, zirpt und kreischt es.

Die ganze Insel steht unter Schutz, nichts darf eingeschleppt, mitgenommen oder verändert werden, mahnt Natur-Guide Suzanne, als sie Gästen die Vogelwelt näherbringt. Als erstes zeigt sie zwei tote Vögel, die neben einem Baumstamm vor dem Restaurant verrotten. Die beiden Weißkopf-Noddies bleiben hier liegen, bis sie Teil der Erde sind. Suzanne erläutert die Symbiose, die dafür verantwortlich ist, dass nur ein paar Meter weiter ein weiterer Noddie unbeweglich am Boden sitzt. „Dieser Vogel wird bald sterben“, sagt sie. Denn die Pisonia-Bäume, die den Weißkopfnoddi-Brutpaaren Blätter für den Nestbau bieten, töten zugleich viele von ihnen durch ihre mit einer Schleimschicht und Haken bedeckten Samen. Sie verkleben die Federn der Vögel und halten sie am Boden fest, bis sie verhungern. Ihre Kadaver reichen den nährstoffarmen Sandboden an und nutzen somit dem Wald. Und weil der Mensch sich nicht einmischen soll – ein paar Schildkröten-Retter sehen schuldbewusst drein –, dürfen keine verklebten Noddies befreit werden.

Luxus bedeutet auf Heron Naturerlebnis. Meeresbiologin Nicole MacLachlan verteilt Schuhe und Stöcke, die beim Reef Walk über den frei liegenden Meeresboden Halt geben sollen, und führt ihre Gruppe in Richtung Riffkante. Nicole zeigt Seegurken, hebt vorsichtig einen roten und einen knallblauen Seestern auf und deutet auf kleine Epaulettenhaie, die im flachen Wasser zurückgeblieben sind und erst mit der Flut wieder ins offene Meer gelangen. Zwischendurch spricht sie von Haien, denen ihre besondere Liebe gilt, und über Plastik, das nicht verrotten will. Als ihr Grüppchen wieder Sand unter den Füßen hat, wissen die meisten, dass sie nie wieder eine Plastikflasche kaufen werden.

Auf Heron wird auch geforscht. In der meeresbiologischen Station der University of Queensland wird in Bottichen untersucht, wie ein Korallenriff auf die Erhöhung der Meerestemperatur und die Zufuhr von Kohlendioxid reagiert. Bei zu hoher Temperatur kommt es zur Korallenbleiche – die Korallen werden porös. „Sie brechen dann schneller ab, als sie wachsen“, erklärt Lauren Bailey, die Leiterin der Station. Sinke die Zufuhr von Treibhausgasen, wüchsen gebleichte Korallen nach – sofern ihre Struktur noch intakt sei. „Ich versuche, die Lage nicht zu negativ zu beschreiben. Sonst denken die Leute, sie könnten nichts ändern. Aber jeder kann etwas ändern, im Alltag und bei der nächsten Wahl.“

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