Garmisch-Partenkirchen: Große Freiheit in der Jugendherberge

Garmisch-Partenkirchen: Große Freiheit in der Jugendherberge

Mehrbettzimmer, Abräumdienst, Nudelparty und Tischkicker: Der Autor Arne Ulbricht erklärt, warum im Familienurlaub ein Vier-Sterne-Hotel bei ihm und seinen Kindern keine Chance hat.

Ankunft in Garmisch-Partenkirchen: Meine Kinder (zehn und 14 Jahre alt) beziehen das Zimmer mit Blick auf ein spektakuläres Alpenpanorama. Abends gibt es bei der "Nudelparty" mehrere Nudelgerichte zur Auswahl, dazu Salat von der Salatbar und zum Nachtisch Windbeutel. Nach dem Essen spielen wir zwei Stunden lang "Keltis", also eines von Dutzenden Gesellschaftsspielen, die den Gästen zur Verfügung gestellt werden.

Nein, wir sind nicht in einem Wellnesshotel auf Vater-Kind-Kur. Wir sind in einer Jugendherberge und nehmen zum wiederholten Mal an einem Familienprogramm teil.

Rückblick: Im Jahr 1987, ich war 15, bin ich mit meinem 18-jährigen Bruder von Kiel nach München geradelt. Wir haben innerhalb von vier Wochen in 20 Jugendherbergen übernachtet. Oft lagen wir auf durchgelegenen Matratzen und teilten uns ein Zimmer mit schnarchenden Einzelreisenden und kichernden Jugendlichen. Das Essen war nie berauschend, und eine Auswahl gab es nicht. Vegetarier aßen halt Kartoffelbrei mit Erbsen und ließen die Bockwurst liegen. Wenn mir damals jemand prophezeit hätte, dass ich 30 Jahre später mit eigenen Kindern ständig Jugendherbergsurlaub machen würde, dann hätte ich gelacht.

Das Deutsche Jugendherbergswerk wirbt inzwischen offiziell mit dem Slogan "für Familien bestens geeignet". Zu Recht! Jugendherbergen bestechen durch ein Freizeitangebot - neben Gesellschaftsspielen gibt es in nahezu allen Herbergen Tischtennisplatten, Tischkicker und Kletter- bzw. Toberäume -, das kaum zu toppen ist. Und Kindern wird ein Maß an Freiheit geboten, das auch die modernsten Spitzenhotels alt aussehen lässt. Denn Kinder dürfen in Jugendherbergen wild und laut sein. Und ja: Es gibt Momente, in denen man denkt, dass das Baby nebenan nicht gerade von zwei bis drei Uhr nachts rumbrüllen muss. Gehört aber dazu. Und die eigenen Kinder haben auch gebrüllt, als sie klein waren, und als man sich am Morgen bei den Zimmernachbarn entschuldigte, wurde man fröhlich angelacht.

Es mag die eine oder andere Familie geben, die einen Nachteil darin sieht, dass man noch immer die Betten beziehen, den Tisch abdecken und das Zimmer fegen muss. Ich sehe auch darin einen Pluspunkt. Vor allem dann, wenn man die Kinder wirklich in die Pflicht nimmt. Es schadet einfach nicht, wenn Kinder auch anpacken und in bescheidenem Umfang Verantwortung übernehmen müssen.

In Garmisch machen wir übrigens klassischen Pauschalurlaub: fünf Nächte mit Programm! Obwohl mich in der Regel das Grausen packt, wenn ich auch nur das Wort "Pauschalurlaub" höre, genieße ich jeden Tag! Denn es bleibt unsere Entscheidung, ob wir Kontakt suchen und uns wie im Sommer 2013 in Oberstdorf mit drei Familien anfreunden; damals schlief ich plötzlich mit fünf Kindern im Sechsbettzimmer, weil meine Tochter drei Freundinnen spontan eingeladen hatte. Ob wir am Programm teilnehmen und uns wie im letzten Winter (ebenfalls in Garmisch) während einer Fackelwanderung bei zweistelligen Minustemperaturen durch Schneewehen kämpfen, bleibt ebenfalls uns überlassen. Dieses Jahr haben wir die Abende lieber zu dritt verbracht und, siehe oben, gefühlte 28-mal "Keltis" gespielt.

In einer Jugendherberge schläft man mit seinen Kindern in einem Zimmer, und die Zimmer sind (noch immer) spartanisch eingerichtet - auch das spricht für und nicht gegen Jugendherbergen. Denn es ist herrlich, wenn die (kleinen) Kinder auf den Hochbetten oben schlafen und morgens viel zu früh zu den Eltern ins Bett geklettert kommen oder wenn die Eltern die (großen) Kinder liebevoll wachrütteln; und es schweißt zusammen, wenn man auf engstem Raum mit den Kindern Zeit verbringt und mangels Fernseher mit ihnen in einer Tour quatscht und auch manchmal zankt.

Nein, natürlich ist nicht alles rosarot. Zum Beispiel ist es problematisch, dass man pro Person bezahlt. Eine vierköpfige Familie zahlt je nach Alter der Kinder inklusive Frühstück schnell über 100 Euro. Pro Tag! Das können sich viele Familien, die auf familienfreundliche Angebote besonders angewiesen sind, gar nicht leisten. Und warum muss man bei den Pauschalangeboten oft ein Lunchpaket buchen? Letztes Jahr hätten wir bei minus 15 Grad und dieses Jahr bei Dauerregen picknicken müssen. Nein danke. Wir haben es kein einziges Mal in Anspruch genommen - bezahlen mussten wir es trotzdem. Aber das sind nur Schönheitsfehler, die am Gesamteindruck nichts ändern.

Unmittelbar vor unserem Jugendherbergsurlaub waren wir übrigens in einem Vier-Sterne-Hotel in München in zwei nebeneinanderliegenden Zimmern, in denen das W-Lan schneller war als zu Hause und an einer Wand kein Gemälde, sondern ein XXXL-Flachbildschirm hing. Während ich in der Hotelsauna geschwitzt habe, hat mein Sohn "Der Schuh des Manitu" geguckt und meine Tochter am iPad "Clans versus Zombies" gespielt. Natürlich waren nicht die Kinder schuld, sondern ich, der Vater, der sich vom Luxus hat verführen lassen und lieber in die Sauna gegangen ist, als mit den Kindern gemeinsam Zeit zu verbringen. Wie dumm.

Was für ein Glück, dass wir anschließend noch fünf Tage in der Jugend-, beziehungsweise Familienherberge waren.

Der Autor Arne Ulbricht, 45, ist Lehrer und Autor, lebt mit seiner Familie in Wuppertal und verreist oft allein mit den Kindern, während seine Frau Geld verdient. Über diese ungewöhnliche Konstellation geht es in seinem neuesten Buch "Mama ist auf Dienstreise - Wenn Eltern die Rollen tauschen", 158 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht, 15 Euro. www.arneulbricht.de

(RP)