Flug LX40: Passagierin berichtet von Landung in Iqaluit nach Triebwerksschaden

Triebwerksausfall in Swiss-Maschine: Wie ich einmal am Rande der Arktis notlandete

Wegen eines Triebwerksschadens muss eine Boeing der Fluggesellschaft Swiss in Nordkanada zwischenlanden. Die 217 Passagiere sitzen rund 12 Stunden in einem Kaff am Rand der Arktis fest. Unsere Autorin war dabei.

"Es tut mir leid, dass ich Sie wecken muss", sagt der Pilot von Flug LX40. Wir sind ungefähr auf halber Strecke zwischen Zürich und Los Angeles. Wir müssen am nächstmöglichen Flughafen landen, höre ich im Halbschlaf. Wegen eines technischen Problems. Der nächste Flughafen, das ist Iqaluit, im obersten Norden von Kanada.

Alle klatschen, auch die Snobs

Es gibt Durchsagen, die man als Fluggast lieber hört, und ein bisschen, okay, ziemlich unheimlich ist mir das schon. Doch die Maschine fliegt absolut ruhig weiter. Ein Triebwerk ist ausgefallen. Das ist ein Grund für eine sogenannte Sicherheitslandung, weil eine Boeing 777 mit einem Triebwerk zwar problemlos weiterfliegen und landen kann, man aber ein ernsthaftes Problem hätte, wenn sich das zweite Triebwerk ebenfalls verabschiedete.

Notlandung nennen die Fluggesellschaften so etwas nicht, weil man dramatische Begriffe in der Luftfahrt vermutlich lieber vermeidet. Nach einer Notsituation fühlt sich die Landung aber auch nicht an, das Flugzeug setzt problemlos auf der Piste am verschneiten Flughafen Iqaluit auf. Noch bevor die Maschine zum Stehen gekommen ist, brandet Applaus auf. Ich bin mir sicher, es klatschen auch die, die das Applaudieren im Flugzeug sonst für ein Erkennungsmerkmal von Provinzlern und Mallorca-Touristen halten. Ich bin auch so jemand.

Nun sind wir also in Iqaluit, auf das wir aus der Luft einen kurzen Blick werfen konnten. Viele kleine Häuser und ein paar größere Wohnblöcke, umringt von Schnee. Wie geht es jetzt weiter? Erst einmal rückt eine Zugmaschine an, die das Flugzeug rückwärts von der Landebahn bugsieren muss, weil es, wie uns der Pilot erklärt, zu groß zum Wenden ist. Das dauert eine Weile. Der Gedanke, auszusteigen und sich dieses Iqaluit einmal anzuschauen, erschien im Hellen noch verlockend. Dann wird es dunkel und die Temperatur sinkt auf weit unter minus 20 Grad. Wir bleiben im Flugzeug.

Erstens, so verstehe ich die Durchsagen des Piloten, ist das mit den Einreiseformalitäten nach Kanada wohl nicht so einfach. Und zweitens erwartet uns in der kleinen Flughafen-Halle vermutlich weniger Komfort als im warmen Flugzeug.

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Die Passagiere sind bemerkenswert ruhig, einige sind trotz der Strapazen sogar gut gelaunt. Vermutlich liegt das daran, dass die Situation derart absurd ist, dass man gar nicht anders kann, als sich damit abzufinden. So jedenfalls geht es mir. Wir sind so gründlich von der Außenwelt abgeschnitten, dass selbst der hartnäckigste Nörgler einsieht, dass meckern nichts bringt.

Flugzeugwechsel mit dem Schulbus. Eine Mammutaufgabe für die Organisatoren. Foto: Judith Conrady

Natürlich ist kein Ersatzflugzeug in der Nähe. Wir befinden uns in einer Wüste aus Felsen und Schnee, irgendwo kurz vor dem Nordpol. Und natürlich gibt es hier kein gemütliches Vier-Sterne- Hotel für mehr als 200 Passagiere. Oder Internet. Man kann sich aufregen, oder man kann sich zurücklehnen und abwarten. Dasitzen, bei minus 30 Grad Außentemperatur, und einfach mal gar nichts tun, so gründlich wie lange nicht mehr. Immerhin ist es warm im Flugzeug. Es gibt genug zu essen, und die Crew, die sich sehr aufmerksam um die Gäste kümmert, ist selbst seit fast 24 Stunden unterwegs.

Fünf gelbe Schulbusse

Wie sehr die Besatzung und die Verantwortlichen bei der Fluggesellschaft im Hintergrund rotiert haben müssen, wird uns klar, als wir mitten in der Nacht in die Ersatzmaschine umsteigen. Es gibt da nämlich ein paar Schwierigkeiten. Der Flughafen Iqualuit hat nur eine Treppe für Flugzeuge dieser Größe. Deshalb müssen wir das Flugzeug erst verlassen, dann wird die Treppe abmontiert und zur anderen Maschine gefahren. Weil man bei minus 30 Grad nicht länger als nötig auf Rollfeldern herumstehen sollte, wäre es gut, die Wartezeit in Bussen zu verbringen. Wenn es denn Busse für so viele Menschen gäbe. Am Ende gibt es welche, es sind fünf gelbe Schulbusse, in denen sonst die Kinder von Iqaluit transportiert werden.

Als wir einige Stunden später am JFK-Flughafen in New York wieder Zugang zum Internet haben, lese ich, dass eine amerikanische Website berichtet, wir Passagiere hätten in Iqaluit eine Stadtrundfahrt unternommen. Vielleicht hätte mir Iqaluit gefallen. Ganz sicher ist es die Stadt, die auf mich den größten Eindruck gemacht hat, ohne dass ich sie jemals betreten habe.

(jco)
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