USA Meilenweite Höhenflüge in Denver

Die Metropole Denver in Colorado kombiniert mühelos sein Wild-West-Erbe mit urbaner Hippness. Nur vom Denver-Clan wollen sie hier nichts wissen.

Denver ist die größte Metropole im Umkreis von 800 Kilometern am Ostrand der Rocky Mountains.

Denver ist die größte Metropole im Umkreis von 800 Kilometern am Ostrand der Rocky Mountains.

Foto: Martin/Martin Wein

Einer der unscheinbaren verglasten Bürotürme an der ­15. oder 16. Straße müsse es sein, sagt Jared Ozga und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Mit seinem selbst gebauten elektrischen Tuktuk kurvt der Jung-Unternehmer seit 2015 Touristen durch Denver zu den letzten alten Backsteinhäusern in Lower Downtown, kurz LoDo, zum belebten Larimer Square und durch coole Nachbarschaften mit bunten Holzhäusern wie Five Points oder Denver Heights. Aber den Denver-Clan, den kennt Jared nur aus Erzählungen deutscher Gäste. In den USA hieß die 80er-Jahre-Show um zwei konkurrierende Ölkonzerne Dynasty und sie wurde auch gar nicht in der Stadt gedreht. Nur ein paar Außenaufnahmen der angeblichen Firmensitze gab es. Wenig sehenswert findet Ozga die.

Ursprünglich wurde die Mile-High-City, die 15. Stufe an der Treppe zum Staatskapitol des Bundesstaates Colorado liegt exakt 1609 Meter über dem Meer, auf einem ganz anderen Rausch erbaut. Ozga gurkt mit seinem Gefährt auf eine Straßenbrücke über dem Zusammenfluss von Cherry Creek und South Plate River. Hier hatten mexikanische Siedler 1858 Gold gefunden. Denver Nuggets heißt in Erinnerung daran das lokale Basketball-Team. Drei Jahre später hatte die neue Stadt 6000 Einwohner.

Dass Denver auch nach dem ersten Goldrausch erhalten blieb, verdankt es klugen Geschäftsleuten. Die hatten vergeblich auf einen Haltepunkt der transkontinentalen Eisenbahn gehofft. Als die Strecke dann 100 Meilen weiter nördlich statt durch die Rocky Mountains geführt wurde, finanzierten sie eine Stichbahn. Die pompöse Union Station mit ihren Bars und Geschäften ist heute das quirlige Herz von Downtown. Nach Silberfunden in den Bergen hatte sich die Investition schnell amortisiert. Denver wurde zur Königin der Prärie und ist noch heute die einzige Metropole im Umkreis von mindestens 800 Kilometern zwischen Salt Lake City im Norden, Phoenix und Albuquerque im Süden und Kansas City im Osten.

 Graffiti-Künstler George F. Baker III.

Graffiti-Künstler George F. Baker III.

Foto: Martin Wein

Denver ist eine Stadt, in der sich der konservativ-staubige Wildwest-Charme und liberal-urbane Hipness unbeschwert die Hände reichen. Das wenig anheimelnde Zentrum mit seinen Hochhäusern aus dem Ölboom der 1980er- und 90er-Jahre und der zur Neugestaltung aufgerissenen Fußgängerzone in der 16th Street erweckt einen falschen Eindruck von Beliebigkeit. Im traditionsreichen Brown Palace Hotel werden zur jährlichen National Western Stock Show noch heute die Kühe ins prächtige Foyer getrieben, während ansonsten Touristen mittags zum High Tea kommen. Eine Institution in der Stadt bleibt Rockmount Ranchwear in der Wazee Street. Der Laden wurde 1946 vom deutschstämmigen Jack Weil gegründet. Papa Jack, wie ihn alle nannten, machte Westernmode weltweit populär und produzierte als erster das Westernhemd mit 17 Druckknöpfen. Bob Dylan, Robert Redford oder David Bowie bestellten bei Papa Jack. So blieb der am Ball, bis er mit 107 Jahren schließlich doch noch das Zeitliche segnete.

Wie eine Zeitkapsel steht auch das Ziegelhaus der Buckhorn Exchange etwas abgelegen an einer Straßenecke neben den Bahngleisen. Drinnen wartet seit 1893 ein ganzer Zoo ausgestopfter Jagdtrophäen auf Gäste. Dazu hat der Gründer Heinrich H. Zietz Memorabilia von seinen Freunden Buffalo Bill Cody und Häuptling Sitting Bull gesammelt und über die Theke gehängt, die aus mehreren Teilen aus der Stadt Essen in Deutschland herangeschafft wurde. Auf die Teller kommt vor allem Fleisch: Bison, Wapiti, Lamm, Fisch und Fenchel-Bratwurst aus Colorado. Und wer die langjährige Kellnerin Kay Haas dazu nach einer alkoholfreien Bierempfehlung fragt, der bekommt mit kehliger Stimme zur Antwort: „Weiß ich nicht. Ich würde sowas nie trinken.“

Gleichzeitig gibt sich Denver dynamisch. Im Staatskapitol regiert der erste offen schwul lebende Gouverneur des Westens. Gleich in Sichtweite entsteht mit dem Populus das erste angeblich klimaneutral gebaute Hotel der Welt. Für Elektroautos gibt es bis zu 26.000 Dollar Förderung. Viele Tech-Firmen haben in der Stadt einen Zweitsitz. Vor allem seit der Legalisierung von Cannabis in Colorado ist Denver im vergangenen Jahrzehnt rapide gewachsen. 40 Prozent der Erwachsenen rauchen, schätzt man. Die International Church of Cannabis nutzt das Rauschmittel ganz offiziell, um ihre Mitglieder angeblich auf spirituelle Höhenflüge zu führen.

Doch auch ohne Rausch kann man in Denver ordentlich Spaß haben. Auf der Bühne des legendären Red Rock Amphitheaters zwischen zwei natürlichen Sandsteinfelsen mit Blick auf Denvers Skyline geben sich nicht nur nationale wie internationale Musikgrößen die Klinke in die Hand. Zwischen den Konzerten strömen Hunderte zu gemeinsamen Yogaübungen oder joggen sich in den Rängen fit für die Skisaison.

Bunt geht es auch im Trendbezirk River North, kurz RiNo, hinter dem mit Gastro-Ständen neu belebten Zentralmarkt zu. Beim jährlichen Street Art-Festival besprühen und bepinseln lokale wie internationale Künstler jeden Herbst Dutzende Hauswände aufs Neue mit vergänglicher Kunst. In grellen Farben setzen sich die einen für Inklusion ein, andere würdigen die Arbeit der Pflegekräfte in der Pandemie. George F. Baker III. mit Rastalocken und Sicherheitsweste wirbt mit seinen bunten Sprüchen vor allem für Spaß und Selbstverwirklichung. „Wer mindestens 15 Minuten am Tag Spaß hat, der befreit sich selbst“, sagt er. Das könne doch nicht so schwer sein.

Selbst das arrivierte Denver Art Museum gibt es sich längst locker: Neben einer großen Sammlung etablierter Kunst des Westens mit vielen Pferden, Büffeln und Männern (und einigen Frauen) mit Schießeisen präsentiert der spektakuläre Bau viel Szenekunst wie bemalte Skateboards aus Reservaten der amerikanischen Ureinwohner oder spacige Weltraum-Fantasien. Wer es richtig schräg mag, macht dann noch einen Abstecher ins ehemalige Umspannwerk unter einer Autobahnbrücke. Das Kunst-Unternehmen Meow Wolf hat dort eine punkige Science-Fiction-Welt erschaffen, in der sich Bewohner von vier fiktiven Planeten irgendwo zwischen Kunstinstallation und Geisterbahn. Das klingt nicht nur schräg. Es ist es auch – nüchtern betrachtet.

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