Tourismus in Afrika: Voodoo-Zauber und Kolonialerbe in Togo

Tourismus in Afrika: Voodoo-Zauber und Kolonialerbe in Togo

Togo, das kleine Land in Westafrika, war einst eine deutsche Kolonie und ist immer noch ein exotisches Reiseziel. Besucher können durch einfache Dörfer ziehen, schaurige Fetische auf dem Markt bestaunen - und an einer Voodoo-Zeremonie teilnehmen.

„Ein herrlicher Tag. Heute früh war ich im Gottesdienst“, sagt Cosme. Seine Augen leuchten. Die Messe hat ihm offensichtlich gutgetan. Ein sonniger Sonntagmorgen in Lomé, der Hauptstadt Togos, eine ehemalige deutsche Kolonie an der Westküste Afrikas. Wie jede Woche drängen sich die Gläubigen in der Kathedrale Sacré Coeur. Ihre beschwingten Choräle schallen durch das neugotische Gotteshaus. Eine strenge Predigt mahnt zu Disziplin und Mäßigung. Vergebens! Noch am selben Tag ist grenzenlose Entfesselung das höchste Gebot, stampfen erdbeschmierte Voodoo-Priester dumpfe Gesänge in den Boden, wischt Kriegsgott Kokou die christliche Dreifaltigkeit sinnbildlich vom Altar. Cosme, der auch Kwadjo heißt, weil er an einem Montag geboren ist, wird dabei sein und andächtig den Voodoo-Kult erklären.

Kokou schenkt Tapferkeit. Stärke. Furor im Kampf gegen feindliche Stämme. Kokou ist der allmächtige Kriegsgott der Ewe, die zusammen mit den Kabiyé zu den Hauptstämmen Togos zählen. Im Alltag hilft Kokou gegen Neider, Nebenbuhler und besonders gegen böse Geister. In Sanguéra, am Rande der Zweimillionen-Stadt Lomé, rufen die Dorfältesten den Gott heute mit einer Voodoo-Zeremonie an.

Schon von fern dröhnen Trommeln durch die schwüle Tropenluft. Vor den Gästen schüttet ein betagter Priester aus einer Kalebasse einen stark riechenden, milchigen Trunk in die rotbraune Erde. Als das Gemisch aus Maismehl, Wasser und Sodabi, dem bis zu 80-prozentigen Palmschnaps, versickert ist, dürfen die Fremden nähertreten. Schon ist ein junger Priester in Trance gefallen, wirbelt in seinem geweihten Strohrock rastlos umher, rennt hierhin, dorthin, immer wieder in eine heilige Hütte, um Kraft für seine spirituelle Sendung zu tanken.

Auf die schüchterne Frage, ob man die sakrale Zeremonie fotografieren dürfe, stimmen die Gläubigen freudig zu. Deutsche seien immer willkommen. Manche bedauern, dass sie 1914 gehen mussten. „Sonst würde es uns heute besser gehen“, erklärt der Oberpriester, der 76 Jahre alt ist und in seinem Leben fünf Frauen hatte. Einer seiner vielen Söhne will die Besucherin gleich heiraten. Auch der Alte hat eine Frau in Deutschland. Offiziell geheiratet hat er allerdings nie. Kostspielige Trauungen - maximal drei Frauen sind erlaubt - sind in Togo ein Privileg der Oberschicht. Für die Ärmeren kommen und gehen die Beziehungen, wie das Leben spielt. Wenn zu viele Frauen um einen Mann sind, gehen sie und erziehen ihre Kinder allein.

Inzwischen sind viele Dorfbewohner auf den rituellen Platz unter den Kapokbäumen geströmt. Bunt gekleidete Frauen und Männer fallen rhythmisch tanzend ein, unter ihnen Priesterinnen, die man an ihren narbigen Armen erkennt. Dazwischen der Vortänzer, mit seinen rasenden Drehungen ein Sendbote des wütenden Gottes. Immer wieder macht er halt, ritzt sich mit Steinen blutig, reibt gelbe und rote Erde auf Kopf und Gesicht. Seine Augen sind glasig, in Trance, in der Welt des Kokou und der Ahnen, zu denen er jetzt Zugang haben soll.

Auch Cosme, 60, ein gebildeter Togoer, der in Lomé Deutsch studierte, ist Voodoosi - gläubiger Anhänger des Kults. Er selbst hat die Wirkung des Ritus erfahren, als seine Schwester krank wurde, vor Schmerzen schrie und das schwarze Pulver eines verkohlten Fetisch den bösen Zauber bannte - so jedenfalls der Glaube. Ein Nachbar hatte sie verwunschen. Nach einem letzten Trommelwirbel ist der Tanz plötzlich vorbei. Erschöpft und beseelt lassen sich Priester und Voodoosi in die weißen Plastiksessel fallen. Kokou wird über ihr Dorf wachen.

Wenn Krankheit ein Fluch und Unglück eine Verwünschung bedeuten kann, wirken Ratio und Nüchternheit oft therapeutisch. Vielleicht erklärt dies, warum die Togoer noch heute den 1884 geschlossenen Schutzvertrag zwischen Generalkonsul Gustav Nachtigal und König Mlapa in Lomé mit einem Denkmal ehren. Moderne Geschichtsbücher hingegen berichten von einer Kolonialzeit voller Zwang und Unterdrückung. Drei Eisenbahnlinien von Nord nach Süd, ein Straßennetz und Baumwollplantagen waren das Erbe, das die Herren bei ihrem Abzug aus der sogenannten Musterkolonie hinterließen.

Heute sind in dem schmalen Land an der Bucht von Benin viele deutsche Hilfsorganisationen aktiv, Besucher aus der Bundesrepublik werden mit besonderer Herzlichkeit empfangen. Die mehr und weniger gut erhaltene Kolonialarchitektur ist über das ganze Land verteilt. Davon ist die spektakulärste Ruine die kaiserliche Funkstation bei Atakpamé, 150 Kilometer nördlich von Lomé. Vor dem Einrücken der Franzosen 1914 hatte man die Anlage gesprengt. Übrig geblieben ist ein unwirkliches Areal technischer Skelette, ein surrealer Skulpturenpark inmitten tropischer Landschaft. Als habe Rachegott Kokou die gigantischen Turbinen höchstpersönlich in die Gegend geschleudert, liegen sie als rostige Riesenkreisel im Gras verstreut.

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Weiter geht es auf der einzigen Überlandstraße Richtung Norden nach Kara. Die Route Nationale N1 verbindet die Hauptstadt und damit den größten Hafen Westafrikas mit Burkina Faso, Niger und Mali. Auf dem heißen Asphaltband schleichen aberwitzig überladene Lastwagen dahin. Alle paar Kilometer liegt einer im Graben.

In Zentral, der mittleren von fünf Regionen, wird es ruhiger. Hier rauscht die fruchtbare, grüne Landschaft langsam vorbei. Alte Baobabs und Kapokstämme ragen wie vorzeitliche Totems in den weiten blauen Himmel. Auf den Feldern graben Bäuerinnen und Bauern die Erde mit den Händen um, schlagen Schaufeln und Hacken in den Boden. Mango und Papaya, Zitrone und Mandarine, Avocado und Ananas, Spinat und Rüben - keine tropische Frucht, kein Gemüse, das in Togo nicht wachsen würde.

Es ist früher Morgen in Kara, dem Land der Steinbauern, beim Stamm der Kabiyé, wo das Feld karg und die Menschen fleißig sind. Cosme führt seine Gäste zu Kao, dem Schmied von Kétao, rund 400 Kilometer nördlich von Lomé, in der zweitnördlichsten Region des Landes. Tak, tak, tak - Kao kauert auf dem Boden und schlägt mit einem Stein glühende Eisen in Form. Kein Hammer, kein Amboss. Aus alten Autofelgen, die er von Händlern aus Burkina Faso kauft, werden Hakus, Schaufeln für die Landwirtschaft. Seine Frau Reine hockt neben dem Lehmofen, entfacht mit einem Blasebalg das Feuer. Funken sprühen, das Eisen glüht. Tak, tak, tak - die erste Schaufel ist fertig. 400 CFA-Franc, etwa 60 Cent, bekommt Reine pro Stück auf dem Markt.

Wie überall in Togo, ist sie als Frau für das Geschäft zuständig, trägt sie schwere Lasten auf dem Kopf zum Verkauf. „Frauen sind eben die besseren Händler“, sagt Kao grinsend. Das Geld freilich kassiert er. „Die Frau darf es ja ausgeben, wenn sie einkaufen geht.“ Wieder sprühen Funken, wieder saust der Stein auf das rot leuchtende Metall. Trotz des altertümlichen Machtgefüges, ist Kao ein fortschrittlicher Mann. Er hat nur eine Frau und zwei Kinder. „Viele Kinder bedeuten viel Armut“, sagt er nicht unklug. Seine Nachbarn sind anderer Ansicht. Auf dem Dorfplatz tummeln sich Kleinkinder in Scharen. Ob Kaos Jungen einmal die seit Generationen vererbte Schmiede übernehmen, weiß er nicht. „Junge Leute wollen in die Stadt. Die wollen nicht mehr mit den Händen arbeiten.“

Während sich junge Männer in den Internetcafés das Märchen vom glitzernden Metropolenleben erzählen, schleppen ihre Mütter und Schwestern Wasser und Früchte in die kleinen Dorfhütten. Von Kargheit und Enge können besonders die Batammariba berichten, die traditionell dicht gedrängt in ihren Lehmhäusern im Koutammakou-Gebiet wohnen.

Dass ihre althergebrachte Lebensweise 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe wurde, hilft ihnen wenig. Landflucht ist auch hier, am nördlichsten Punkt der Reise ein Problem. Vor Jahrhunderten brachten die Batammariba den wehrhaften Baustil aus Burkina Faso mit. Ihre zweigeschossigen Häuser, sind eine einzigartige Mischung aus Festung, Kornkammer und Weihestätte. Sie schützten einst vor feindlichen Stämmen, die heute längst Geschichte sind.

Hinter dem winzigen Wohnzimmer konnten sich die Familien in einen dunklen Fluchtraum kauern. An den Mauern hängen Kaninchen- und Lammschädel, um böse Geister abzuschrecken. Direkt vor dem niedrigen Eingang sind kleine Erdhügel und Fetische aufgehäuft, zur Ehre von Ahnen und lebenden Familienmitgliedern. Dahinter gackert ein Huhn, gleich neben dem Altar, auf dem es geopfert wird. Überall Federn, geweihte Totems und Metallfetische. Die Geister der Vorfahren sind allgegenwärtig.

Eine Woche ist vergangen, es ist wieder Sonntag. Kirchenglocken schallen durch Lomé. Am Rande der Stadt bauen Händler aus Benin, der Wiege des Voodoo, gerade ihre Stände für den Fetischmarkt auf. Voodoopriester kommen von weither, um hier geeignete Devotionalien zu finden. Für Europäer ist der Markt ein gern besuchtes Horrorkabinett. Über den staubigen, heißen Platz weht ein süßlicher Verwesungsduft. Affenschädel, tote Singvögel, Fledermäuse und Schlangen stapeln sich zu einer schaurigen Auslage. Geier und ausgestopfte Leoparden sind wie Trophäen hineindrapiert.

Wer sich hier umschaut, sollte Ideen von Arten- und Tierschutz im Hotel lassen. Doch die Händler nehmen alles sehr locker. Einer schenkt den Gästen einen „Telefonfetisch“, ein witziges Minihölzchen mit Hörer und Gabel. „Vor der Abreise einen guten Wunsch in die kleine Öffnung flüstern, mit dem Holzstopfen verschließen - dann guten Flug“, empfiehlt er.

(felt/dpa)
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