Besondere Toilette in Neuseeland Hundertwassers Donnerbalken

Kawakawa · Zu den weltweit berühmtesten Bedürfnisanstalten gehört eine öffentliche Toilette in Down Under. Gestaltet hat sie Friedensreich Hundertwasser. Der Künstler hatte im neuseeländischen Nirgendwo den idealen Rückzugsort für sein Schaffen gefunden.

Die gesamte Dorfgemeinschaft half Hundertwasser bei der Gestaltung der bunten öffentlichen Toilette.

Die gesamte Dorfgemeinschaft half Hundertwasser bei der Gestaltung der bunten öffentlichen Toilette.

Foto: Michael Marek

Kennen Sie Kawakawa? Bis zu 250.000 Besucher kamen bis zur Corona-Pandemie jährlich in das kleine Örtchen auf Neuseelands Nordinsel. Und alles nur wegen einer öffentlichen Toilette. Ob nur mal kurz zu „müssen“, aus Neugier oder künstlerischem Interesse, das vermag niemand genau zu sagen. Sicher ist: Dieser Abort wird weniger wegen seiner offensichtlichen Funktion aufgesucht als seines einzigartigen Designs.  Die Gemeindeoberen setzen auf den Werbeeffekt, ein Wallfahrtsort nicht nur für Kunsttouristen.

Schon von weitem ist das Gebäude erkennbar: Zwischen bunten ungeraden Säulen und Mosaiken erstreckt sich ein riesiger Baumstamm nach oben mitten durch das Dach. Die Platane hat ahornähnliche Blätter, ihre Krone sieht aus wie ein grüner Wattebausch auf dem kleinen Gebäude. Der Rest des Daches ist wellenförmig und mit Gras bepflanzt.

Exponiert zwischen Gemeindeverwaltung und öffentlicher Bibliothek gelegen, links der Eingang für Männer, rechts für Frauen. „Aber man findet immer wieder Männer auf der Damentoilette und Frauen, die sich die Pissoirs anschauen“, sagt Blaine Te Rito. Der Maori ist ebenfalls Künstler und hat sich mit seinen filigranen Holz-Skulpturen auch außerhalb Neuseelands einen Namen gemacht. Auch er ist hergekommen, um sich das „Kultobjekt“ anzuschauen. In der Maori-Kunst wäre das undenkbar: „Für uns ist der Toilettenbereich NOA, das heißt, es darf in keiner Weise mit den kulturellen Schnitzereien in Verbindung gebracht werden. Das ist ein Tabu.“ Trotzdem liebe er die Toilette, „sie ist wunderbar!“

Auch in Kawakawa gibt es die typischen Hundertwasser-Insignien: die Bottle-Wände, eine Ansammlung farbiger Flaschen in unterschiedlicher Größe, wild kombiniert und in die Wände einzementiert. Durch sie dringt natürliches Licht in die Nasszelle. Der Bereich ist klar abgehoben von den sonst wild durcheinander gekachelten Fliesen. Man fühlt sich an Bleiglasfenster erinnert, die seit dem Hochmittelalter zusammen mit Glasmalereien in europäischen Kirchen und Kathedralen üblich waren. Eine religiöse Anmutung? Dabei hatte Hundertwasser alles das, was Religionen und Dogmen versprechen, als Nonsens bezeichnet.

Im Waschbeckenbereich: ein stilisierter Fisch, aus Kacheln gelegt. Statt Sterilität mit glatten Kunststoffoberflächen gibt es hier ein buntes Durcheinander. „Die ganze Gemeinde hat mitgeholfen“, erinnert sich Thomas Lauterbach, „und Friedensreich hat selbst mit Hand angelegt.“ Der Maler aus Deutschland lebt seit vielen Jahren in Kawakawa und war mit Hundertwasser bis zu dessen Tod befreundet.

Friedrich Stowasser alias Friedensreich Hundertwasser, 1928 in Österreich geboren, hatte im neuseeländischen Nirgendwo den idealen Rückzugspunkt für sein Schaffen gefunden. Und eine Wahlheimat fernab des Wiener Schmähs. 1974 erwarb der Architekt eine Farm in Kaurinui in der Nähe von Kawakawa und wurde neuseeländischer Staatsbürger. Hier fühlte er sich zu Hause, abseits des Kunstbetriebs mit Sothebys, Vernissagen und Retrospektiven. Aus Dankbarkeit habe „Hundertwasser für seine Gemeinde eine öffentliche Toilette konstruiert“, sagt Lauterbach stolz. Frederick nannte sich der Künstler aus dem fernen Europa hier schlicht.

Hundertwasser gilt als Grenzgänger und Reisender zwischen Europa und Neuseeland, zwischen der Malerei, Architektur und der Liebe zur Botanik, zwischen Kunst und Kommerz. Inspiration und Ideengeber ist ihm stets die Natur gewesen: die Kunst des grünes Weges! Es ist eine ganz besondere, lebendige Atmosphäre in Kawakawa. Hier fühlt man sich dem Künstler Hundertwasser nah: beim Spülen, beim Seifenspender, beim Blick in den Spiegel. Die stereotype Gestaltung öffentlicher Räume und Gebäude war dem Verächter gerader Linien und rechter Winkel ein Graus: „Verbrecherisch ist die Benützung des Lineals in der Architektur!“, formulierte er in seinem „verschimmelungs-manifest“ und berief sich auf einen allerhöchsten Zeugen: „Auch Gott kennt keine geraden Wege!“

„Durch die Toilette hat sich für Kawakawa enorm viel verändert“, so Johnston Davis, der kürzlich verstorbene Vorsitzender des Hundertwasser-Trusts in Kawakawa. Er kümmerte sich um das Erbe des österreichisch-neuseeländischen Künstlers: „Mittlerweile sind wir auch außerhalb Neuseelands bekannt. Die Leute kommen aus der ganzen Welt, aus Europa, den USA, Asien. Das war und ist ein richtiger Aufschwung für Kawakawa.“

Früher, im 19. und 20. Jahrhundert, war Kawakawa Schnittpunkt der Eisenbahnlinien und der Kohlentransporte. Der Abbau ist längst eingestellt worden. Zu unrentabel, dafür kommen heute die Touristen wegen der berühmten Pinkelbude. Gut 100.000 Euro hatte die Gemeinde für den Bau der Toiletten ausgegeben, Hundertwasser spendete aus eigener Tasche mehr als das Doppelte. Auch deshalb sind die Bewohner von Kawakawa stolz auf ihren „Handertwoser“.

Die meisten Bewohner hätten Hundertwasser für einen exzentrischen Europäer gehalten, resümiert Thomas Lauterbach, ein bisschen verrückt, aber liebenswert. Die Gemeinde wirbt mit dem einzigen Hundertwasser-Gebäude auf der südlichen Hemisphäre. Auch deshalb sei Kawakawa in einem Atemzug mit Wien und Nappa Valley zu nennen, mit Tokio und Tel Aviv, wo andere Hundertwasser Bauwerke zu bestaunen sind.

Vandalismus, wie sonst bei öffentlichen Toilettenanlagen üblich, gebe es kaum, sagt Lauterbach lachend. Manchmal würde die elektrische Spülung nicht funktionieren, aber das „kommt wohl überall vor“. 1500 Einwohner hat Kawakawa, einen Metzger, einen Baumarkt, ein Hotel, eine Tankstelle, mehrere Cafés und Andenkenlädchen.

 Typisch für Hundertwasser: die Bottle-Wand

Typisch für Hundertwasser: die Bottle-Wand

Foto: Michael Marek

Und das Kunst-Klo. Es ist nur ja eine Toilette, aber das zeigt, dass auch kleine Dinge Schönheit ins Leben bringen können, das waren Hundertwassers Grußworte zur Einweihung. Übrigens: Was machen Sie am 19. November? Da ist wieder Welttoilettentag. Auf nach Kawakawa!

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