Das andere Gesicht der Malediven : Malé - Moloch statt Trauminsel

Das andere Gesicht der Malediven : Malé - Moloch statt Trauminsel

Wer auf die Malediven fliegt, übernachtet in abgeschotteten Resorts, schwelgt häufig im Luxus, genießt Cocktails am Strand. Kaum jemand besucht die Hauptstadt Malé - der Gegensatz könnte kaum größer sein.

Auf den kleinen Malediven-Inseln scheinen abends mit der Sonne auch alle lauten Geräusche im Indischen Ozean zu versinken. Wunderbare Stille. Ganz anders in Malé.

Wenn die Hitze am Ende des Tages erträglich wird, erwacht die Hauptstadt des Inselstaats. Dann schwirren Tausende Motorroller wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm durch die engen Straßenschluchten. Ihr Geknatter hallt von den Wänden der Häuser wider. Rund 30 000 motorisierte Zweiräder sind in Malé unterwegs. Ein Auto besitzt kaum jemand. Wozu auch? Die Straßen sind eng, voll und kurz. So mancher Autofahrer in der Stadt hat noch nie in den vierten Gang geschaltet.

In Malé leben fast 100 000 Menschen auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Die maledivische Hauptstadt ist einer der am dichtesten besiedelten Fleckchen der Erde. Mit Moscheen, Appartement-Häusern und Bürokomplexen ist Malé ein zubetonierter Sandhaufen im Indischen Ozean, auf dem es spät abends wimmelt wie in einem Termitenhügel. Dann schwärmen die Malediver ins Nachtleben aus. An jeder Ecke gibt es einfache Restaurants, Cafés und Teestuben – aber keine Bars. Alkohol ist auf Malé verboten. Die Malediven sind ein streng muslimisches Land. Alkohol gibt es in der Hauptstadt nur auf der Flughafen-Insel Hulhulé, wo das „Island Hotel“ wohl allein von den Einnahmen seiner Bar leben könnte.

Während Malediver Shisha rauchend beim Tee in Malé zusammensitzen, wird gerade auf All-inclusive-Resortinseln draußen in den 26 Atollen ordentlich gebechert. Auf den meisten der weit mehr als 100 Touristeninseln, auf denen sich immer nur eine Hotelanlage befindet, wird aber moderat getrunken. Auf den Malediven gibt es keinen Ballermann-Tourismus. Der Inselstaat hat sich geschickt als Premium-Destination etabliert.

Trotz aller politischer Turbulenzen hielten alle Staatschefs stets daran fest, die Malediven als Top-Tourismus-Destination zu positionieren. Heute dominieren in den Atollen Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Die Hauptstadt ist nur rund 20 Minuten mit dem Wasserflugzeug oder rund eine Stunde mit einer schnellen Jacht entfernt. Dennoch liegen Welten zwischen dem Urlauberleben und dem Alltag der Einheimischen in Malé. Und das gilt nicht nur für das Alkoholverbot der Malediven, von dem die Touristeninseln ausgenommen sind.

In den Luxusresorts wird ein westlich-liberaler Lebensstil gepflegt. Die meisten Urlauberinnen tragen an den Stränden weniger Stoff am Körper als viele Malediverinnen in Malé auf dem Kopf. Der Jahrzehnte lang moderat praktizierte Islam wird zunehmend strenger ausgelegt.

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Auf den Ferieninseln ist davon wenig zu spüren. Urlauber kommen mit dem normalen Leben auf den Malediven kaum in Berührung. Nach der Landung auf dem Flughafen von Malé reisen sie in der Regel umgehend per Wasserflugzeug oder Schnellboot weiter.

Ausflüge in die Hauptstadt machen nur wenige. Erst recht, seitdem das Auswärtige Amt dazu rät, von nicht notwendigen Reisen nach Malé abzusehen. Grund für die Warnung waren Unruhen in der Hauptstadt Anfang 2018\. Reiseveranstalter und Resorts haben daraufhin ihre Ausflugsprogramme eingestellt.

Dabei wäre Malé durchaus einen Abstecher wert. Fähren pendeln im Minutentakt zwischen der Flughafen-Insel und der Hauptstadt. Ganz in der Nähe der Anlegestelle befinden sich das Islamische Zentrum mit der imposanten Moschee Masjid al-Sultan Mohammed Thakurufaanu Al Azam. Gegenüber liegt Rasrani Bageechaa, einer der wenigen größeren Parks, und auf der anderen Seite der frühere Präsidentenpalast. Die alte Freitagsmoschee Hukuru Miskiiy versteckt sich in der Mitte der Insel. Das aus Korallensteinen errichtete Gotteshaus wurde Mitte des 17\. Jahrhunderts auf Befehl von Sultan Ibrahim Iskandar I. erbaut.

Auch heute noch werden auf den Malediven immer wieder mal kleinere Moscheen gebaut. Der Bauboom im Inselstaat aber hat nichts mit Religion, sondern mit Rendite zu tun. Allein 2017 wurden zwei Dutzend neue Resorts eröffnet. Praktisch jede große Hotelkette hat mindestens ein Resort auf den Malediven. Um im Wettbewerb zu bestehen, sucht jedes Haus nach einem Alleinstellungsmerkmal.

Die Resort-Bauprojekte in den Atollen bleiben Urlaubern meist verborgen. Zu riesig ist die Ausdehnung des Landes. Über eine Länge von fast 900 Kilometern in nordsüdlicher Richtung erstrecken sich die Malediven. Von den knapp 1200 Inseln sind nur rund 220 bewohnt.

Unübersehbar ist dagegen die Bauwut auf und rund um Malé. An vielen Ecken wird mit Sandaufschüttungen Land gewonnen. Die Flughafeninsel wurde mit der Hauptstadtinsel durch eine mehrspurigen Brücke verbunden, die erstmals Malé an die gigantischen Neubausiedlungen auf der Flughafeninsel anschließt. Bis 2020 soll dort Wohnraum für 100 000 Menschen geschaffen werden. Auch Touristen sollen von dem gigantischen Städtebauprojekt profitieren, durch Freizeitkomplexe. Ob die Urlauber diese nutzen werden, ist fraglich. Wer besucht schon ein Vergnügungszentrum mit Fast-Food-Läden, wenn er stattdessen ein paar Minuten mehr auf einer Trauminsel verbringen kann?

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(ham/dpa)
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