Kanada: Wo Toronto pulsiert - ein Blick auf fünf angesagte Stadtviertel

Blick auf Kanadas Metropole : Wo Toronto pulsiert - ein Blick auf fünf angesagte Stadtviertel

Toronto gilt als Kanadas angesagteste Multikulti-Metropole. Die Stadt hat 140 Viertel. Fünf davon sind einen besonderen Blick wert. Tipps für Reisende.

Chinatown, Little Italy, Greektown, Little India, Korea Town: Die Menschen in Toronto kommen aus der halben Welt. Die Hauptstadt der Provinz Ontario zählt 2,7 Millionen Einwohner, es ist die größte Metropole Kanadas, und sie wächst weiter. Im Großraum der Stadt leben 6,5 Millionen Menschen, ein Sechstel des Landes. Insgesamt 140 Viertel zählt Toronto. Wie bei jeder angesagten Großstadt gilt immer wieder eine andere „Neighborhood“ als hip und wird gentrifiziert.

Viktorianisches Erbe im Distillery District

Vor fast 200 Jahren hieß Toronto noch York und zählte nur ein paar Hundert Bewohner. 1834 wurde die Stadt in Toronto umbenannt, um sich besser von New York zu unterscheiden. Der Distillery District ist ein gutes Beispiel dafür, was einst in York los war: nicht viel.

Mit der Gooderham and Worts Distillery kam 1837 Leben ins Viertel. Briten waren es, die sich hier direkt am Ufer des Ontariosees niederließen und Alkohol herstellten. Heute ist das Areal wohl die einzige Fußgängerzone in der Stadt und gilt als besterhaltene Kollektion industrieller Architektur aus der viktorianischen Zeit in Nordamerika.

Doch die Backsteinbauten und das Kopfsteinpflaster verfielen viele Jahre lang. Schließlich dienten sie als Filmkulisse, vornehmlich für Horror- und Action-Streifen, rund 1700 insgesamt.

Dann aber fanden sich Investoren. Sie wollten die 47 Gebäude der Destillerie, die trotz Prohibition und mehreren Kriegen 153 Jahre in Betrieb war, wieder in voller Pracht sehen. Handwerker arbeiteten jahrelang, um die Gebäude wieder instandzusetzen.

Der Distillery District auf der Mill Street zwischen Parliament und Cherry Street eröffnete schließlich 2003. Heute wird hier sogar wieder Alkohol gebrannt, jedoch nicht mehr Whiskey und Wodka, sondern vor allem Sake. Eine Craft-Bier-Brauerei gibt es natürlich auch. Auch eine Reihe kleiner Boutiquen, Galerien und „Eateries“ sind in die neuen alten Gemäuer eingezogen.

Leslieville: Barbeque in der Tankstelle

Leslieville im Osten Torontos ist einer der Stadtteile, in denen bereits viel passiert ist und der sich laufend verändert. Im 19. Jahrhundert saß hier die Lichtindustrie, jahrzehntelang wurden Filme in den Straßen gedreht. Heute gibt es von allem ein bisschen.

Der Kanadier Judson Flum ist zurückgekehrt nach Leslieville, ausgerechnet an eine Tankstelle. Hier hat sein Vater früher das Auto richten lassen. Bei Judson kann man zwar auch Benzin kaufen, viel spannender ist aber das, was er drinnen in seinem Leslieville Pumps General Store and Kitchen anbietet: Southern Barbeque, kerniges Essen aus den amerikanischen Südstaaten.

Dazu gehört Pulled Pork ebenso wie geräuchertes Fleisch, das Flum hinter der Theke ganz in Ruhe bearbeitet. Dazu gibt es die ur-kanadische Poutine, Pommes frites mit Bratensoße und Käse. Und vergleichsweise Gesundes für die Jungdynamischen im Viertel.

„Ich erfuhr von den Nachbarn, dass die Tankstelle zu verkaufen war“, erzählt Flum, gelernter Koch mit jahrelanger Erfahrung in den besten Restaurants der Stadt. Nun macht er sein eigenes Ding. Die langen Schlangen an seiner Theke zeigen, dass er erfolgreich damit ist.

Zu jeder Zeit gut gefüllt mit Menschen jeden Alters sind auch die vielen kleinen Cafés und Restaurants im Viertel. Viele Kreative und junge Familien ziehen in die neuen Wohnungen, die überall gebaut werden oder in alten Fabrikhallen entstehen. Die Älteren leben schon seit Jahren vornehmlich in den Seitenstraßen der Queen Street East, in denen es ganze Reihen hübscher Backsteinhäuser aus vergangenen Zeiten gibt. Und das mit Garten, mitten in der Stadt.

Liberty Village: Gefühl von Freiheit

Ganz anders sieht Liberty Village aus. Einst stand hier das größte Gefängnis Torontos und eine sogenannte Besserungsanstalt für Frauen. Nachdem die Menschen ihre Zeit in diesen Anstalten abgesessen hatten, bekamen sie im Liberty Village wieder ein Gefühl der Freiheit – daher der Name des Viertels. Auch Industrie siedelte sich hier an, etwa die Firma John Inglis and Sons, die Getreidemühlen herstellte.

Liberty Village liegt auf der Westseite der Stadt gleich hinter den Gleisen des Stadions. Die jungen Kreativen, die Hippen und die Karrieristen frisch aus der Uni leben hier in Hochhaussiedlungen, die zumeist von größeren Grünflächen umgeben sind.

Das Viertel war total verwahrlost, nachdem in den 1980er Jahren die meisten Unternehmen ihre Pforten schlossen. Nach der Jahrtausendwende ging es wieder bergauf, Menschen zogen her. Inzwischen finden hier auch Reisende eine gute Infrastruktur: trendige Restaurants, einen Farmers Market, Craft-Bier-Pubs, Parks und kleine Boutiquen.

Galeriekunst und Street Art in Queen Street West

Jede Stadt im Commonwealth of Nations hat eine Queen Street und eine King Street. So auch Toronto, das offiziell immer noch zum Staatenbund unter britischer Krone gehört.

Die amerikanische „Vogue“ hat die Queen Street auf der Westseite Torontos zwischen Bathurst und Gladstone Street zum zweitcoolsten Viertel der Welt ernannt. Das liegt an der hohen Konzentration von Kunstgalerien, kleinen Boutiquen, Designstudios und einzigartigen Bars und Restaurants. In Queen Street West finden sich zwar auch die Shops der großen Modeketten, doch alles fügt sich zu einem schicken großen Ganzen zusammen, das Einheimische wie Touristen anlockt.

Ein Abstecher sollte von West Queen West aus nicht fehlen - in die wohl bunteste Straße Torontos, die Rush Lane. Sie ist besser bekannt als Graffiti Alley. An den Wänden finden sich zahlreiche Kunstwerke. „Legal oder nicht legal, sie sind da und ziehen inzwischen viele Besucher an“, erzählt Bri, die Besuchern die Kunst aus der Spraydose näherbringen will.

Immer wieder ist zum Beispiel ein kleines gelbes Küken zu sehen, das von einem Künstler namens „uber5000“ stammt. Manchmal sitzt es nur ganz klein irgendwo am Rand, manchmal schmücken überdimensionale Bilder des cartoonartigen Vögelchens ganze Wände. Von bunt, wild und schrill über klare politische Botschaften bis hin zu depressiven Gemälden in gedeckten Farben ist alles zu sehen.

Und manches hält nicht lange, denn die Sprayer liefern sich untereinander teils erbitterte Wettkämpfe, wer den besten Platz an einer Wand bekommt. „Man kann bei jedem Spaziergang durch die Straßen etwas Neues entdecken“, sagt Bri.

Kensington Market: Bohemiens und Multikulti

Kensington Market ist wie ein kleines Toronto mitten in Toronto. „Bohemian“ nennen die Kanadier dieses Viertel zwischen der Spadina Avenue und Dundas, Bathurst und College Street, das durch viele kleine, bunt angestrichene Häuser geprägt wird. Vom alten Vibe des Hippie-Viertels ist noch immer etwas erhalten geblieben.

In Kensington gibt es keine großen Kaufhäuser, keine superschicken Designerläden, keine weißen Tischdecken in den Restaurants. Alles wirkt sehr geerdet. Rentnern begegnet man ebenso wie deren Enkeln, die auf der Suche nach Retro-Klamotten sind. Bei „Jimmy's Coffee“ etwa gibt es keinen Kaffee „to go“, hier muss man sich hinsetzen. Das kulinarische Angebot in Kensington ist vielfältig, weil in dem Viertel schon lange viele Nationalitäten leben.

Der beste Tag, um das Besondere an Kensington zu erleben, ist der Tag der Wintersonnenwende kurz vor Weihnachten, das Solistice Festival. Tausende Menschen spazieren dann mit Kerzen und Lichtern durch die Straßen: Hipster und Hippies, Yuppies und Alternative. Dann kann es in Toronto allerdings richtig kalt werden.

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(felt/dpa)
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