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Drachenmähne und Jadewasser: Filmreife Kulissen in Chinas Süden

Drachenmähne und Jadewasser : Filmreife Kulissen in Chinas Süden

Jadefarbenes Wasser, Felslandschaften in Form eines Drachenrückens und Städte wie vor hundert Jahren verwandeln die Wuyang River Scenic Area in ein Märchenreich – ein Höhepunkt in Chinas unbekanntem Süden.

Jadefarbenes Wasser, Felslandschaften in Form eines Drachenrückens und Städte wie vor hundert Jahren verwandeln die Wuyang River Scenic Area in ein Märchenreich — ein Höhepunkt in Chinas unbekanntem Süden.

Yan und Min beugen sich über die Reling des mit bunten Fähnchen geschmückten Ausflugsbootes. Die Freundinnen aus Chinas südlicher Provinz Guizhou starren auf die endlose Felskette, die im mystischen Morgendunst langsam an ihrem Schiff vorbeizieht und die Schlucht einmal wie überdimensionale Tortenstücke, einmal wie ein Drachenrücken einrahmt. Ein Vogel flattert über ihre Köpfe.

An einer Biegung taucht ein Mann in einem Holzboot auf. Das Ruder in der Hand, steht er aufrecht und lässt sich treiben. Plötzlich ertönt ein Raunen vom Bug des 15 Meter langen Ausflugskahns. Aufgeregt winkt die Gruppe Männer, die hier gleich neben der knallroten Landesflagge Stellung bezogen hat, ihre Frauen von den Sitzplätzen im überdachten Mittelteil des Bootes herbei. Eilig zücken sie ihre Kameras, kramen Handys aus den Taschen. "Da, das ist Kongquekaipin", ruft Yan begeistert und zeigt auf zwei wulstige Felsfinger in der Ferne. "Schaut nur, sie machen ihrem Namen alle Ehre. Wie ein Rad schlagender Pfau recken sie sich dem Himmel entgegen", ergänzt Min lachend.

Auf den hohen Karstfelsen am Ufer des Wuyang He, dem größten Nebenfluss des Jangtse, thront der Kongquekaipin, das wohl bekannteste Wahrzeichen der Wuyang River Scenic Area. Mehr als 95 Kilometer bahnt sich der Fluss seinen Weg durch die Miaoling-Berge im Nordosten der Provinz Guizhou, vorbei an Feldern mit Tungbäumen, Wassermelonen und Kastanien sowie altertümlichen Ortschaften. Weitläufige subtropische Waldgebiete, Weideland und Kalkstein formen eine Zauberwelt aus leuchtend grünen Tälern und dunklen Bergen, gespickt mit endlosen Terrassenfeldern auf über 600 Quadratkilometern. Zahlreiche Wasserfälle ergießen sich in den Fluss, so als würden die Felsen das Wasser direkt ausspucken.

Das feuchte Klima hat dort, wo Chinas bedeutendste Flüsse, Jangtse und Perlfluss, ihre Oberläufe finden, innerhalb von Jahrhunderten imposante Karstgebiete geformt. Die Nachbar-Provinz Guangxi ist für solche Landschaften im In- und Ausland berühmt und wird stellenweise von Touristen geradezu überlaufen. Die ebenso eindrücklichen Karstgebiete von Guizhou aber kennt kaum jemand.

Das antike Städtchen Zhenyuan im Bezirk Qiandongnan, einem von drei Autonomiegebieten der Miao- und Dong-Minoritäten, hat den Fluss zu seinem Mittelpunkt gemacht. Mit seinem jadefarbenen Wasser schlängelt sich der Wuyang He durch die mehr als 2000 Jahre alte Stadt, in der es mitunter noch so aussieht wie im alten China. Als Zhenyuan vor rund 400 Jahren wichtiges Handelszentrum war und nur der Wuyang He den Westen mit Zentralchina verband, siedelten sich dort viele reiche Kaufleute an. Hunderte roter Lampions verzieren deren Häuserfronten und präsentieren nachts ein leuchtendes Farbenspiel wie aus einem chinesischen Film. Dahinter ragen die baumbewachsenen Berge wie Kamelhöcker in den Himmel.

Vor den Kaufmannshäusern in den Kopfsteinpflaster-Gassen der nur drei Quadratkilometer großen Altstadt warten bauchige Tonkrüge mit Maotai-Schnaps auf Käufer. Der international bekannte Alkohol wird nämlich in Guizhou gebrannt.

Alte Frauen schultern mit Obst gefüllte Körbe an Tragestangen, Greise unterhalten sich im Schatten der Trauerweiden, die Bambuspfeife im Mund. Die Jüngeren bevölkern die Felsbrocken am Rande des Wuyang He, manche machen es sich auf ihren schmalen Booten bequem. Alle haben sie die Holzangel in der Hand und warten geduldig auf den großen Fang, schwatzen, rufen sich gegenseitig Neckereien zu.

Aus einer der Gassen schallt Musik bis zum Fluss herüber. "Sie kommt von Frauen, die ihre traditionellen Tänze einstudieren", erzählt Lei. Die 25-Jährige aus der Provinzhauptstadt Guiyang, die hier ein paar Ferientage mit ihrem Mann verbringt, hockt auf einem Plastik-Kinderstuhl auf der Terrasse eines Restaurants am Fluss vor einem Topf Hühnersuppe und schlürft aus ihrem Schälchen. "Vorhin waren wir auf dem Shiping-Berg, haben uns die Reste der alten Mauer angeschaut und den Panoramablick auf Zhenyuan genossen. Morgen geht's zu den Qinglong-Höhlen", Lei zeigt auf die Ostseite des Städtchens.

Dort wachsen die Höhlen des Schwarzen Drachens aus dem steilen Zhonghe-Berg. Der Tempel-Komplex aus der Ming-Dynastie, verziert mit Pavillons, Tempeln, Schreinen und Palästen, die Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus vereinen, ist das größte antike Architektur-Überbleibsel Guizhous. China hat den Tempel sowie die gesamte Altstadt unter Denkmalschutz gestellt — wahrlich eine weise Entscheidung.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Eine Reise durch China

(RP)