USA-Reisen: Denver ist eine Stadt der Künste

USA-Reisen: Denver ist eine Stadt der Künste

Denver ist das Tor zu den Rocky Mountains. Wer nach Colorado fliegt, will in die Berge. Doch es lohnt sich, die Metropole nicht bloß als Durchgangsstation zu nutzen. Denver hat genug Kunst für drei Tage zu bieten. Ein Museum ist besonders einzigartig.

.„Es ist ein schrecklicher Weg, Geld zu verdienen“, sagt Obe Abriss über sein Geschäft. Der Gastronom betreibt in Denvers angesagtester Nachbarschaft das Restaurant „The Preservery“. Hier kommt das Fleisch ohne Hormone aus und das Personal ohne Trinkgeld, es wird nämlich deutlich über Mindestlohn bezahlt, ein für die USA ungewöhnlicher Ansatz. Er passt gut zum River North Art District, kurz „RiNO“, dem aufstrebenden Künstler- und Galerieviertel. Und dort ist ein Restaurant natürlich doch keine so schlechte Idee.

Wer möchte in kargen Räumen mit reduziertem Licht stehen, wenn er sich unter dem weiten amerikanischen Himmel frische Bergluft um die Nase wehen lassen kann? Denver, Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado, ist das Tor zu den Rocky Mountains, und wer als Reisender in die Stadt kommt, will in der Regel gleich weiter in die Natur. Doch es lohnt sich, etwas Zeit in Denver zu verbringen. Die „Mile High City“ zeigt große Kunst in ambitionierten Museen. Und kleine Schätze in charmanten Galerien, zum Beispiel in „RiNo“.

Gleich neben der „Preservery“, wo der ermordete Rapper Tupac neben Comic-Figur Homer Simpson im Pop-Art-Stil an der Wand hängt, befindet sich eine Künstlerwerkstatt in einer alten Druckerei. Die Künstler zahlen nur 500 bis 600 Dollar Miete, während der Marktpreis leicht doppelt so hoch liegt. Eine Mäzenin subventioniert die 14 Studios. Jeden ersten Freitag im Monat gibt es einen Tag der offenen Tür.

Ein Künstler, der dann seine Werke zeigt, ist Calvin Lee. Warum er nach River North ging? „Es ist einfach das aufstrebende Viertel.“ Lee, Sohn chinesischer Einwanderer, ist Kalligraf, er malt Landschaften, Stillleben, Porträts. In seinem Studio steht eine Serie: Donald Trump als Dorian Gray, Hauptfigur aus Oscar Wildes gleichnamigem Roman - ein Narzisst, der ein Bild von sich altern lässt, um schön zu bleiben. Die Botschaft ist klar. Denver ist progressiv und liberal. Und die Stadt boomt.

Vor vier Jahren wurde die Union Station, der historische Bahnhof, renoviert wiedereröffnet. Es gibt ein Hotel, Restaurants, in der ehrwürdigen Halle stehen stilvolle Ledermöbel. Die gesamte Lower Downtown, „LoDo“ genannt und eines der ältesten Siedlungsgebiete der Stadt, wurde in den vergangenen Jahren aufgewertet.

Der große Aufschwung Denvers setzt sich nun in River North fort. Investoren pumpen mächtig Geld in das Viertel. Die bunte Street Art an den Wänden hat die Stadt in Auftrag gegeben, illegale Graffiti werden in der Regel binnen eines Tages übermalt. „Das Viertel entwickelt sich rasant, die Mieten gehen durch die Decke“, sagt Obe Abriss. Die Gentrifizierung schreitet voran, was für die vielen Künstler wiederum zunehmend ein Problem ist.

Wer Gemälde und Skulpturen erst richtig würdigen kann, wenn sie teuer sind und in hohen Hallen mit viel Platz präsentiert werden, ist in Denver ebenfalls richtig. Besonders spannend ist das Clyfford Still Museum im Golden Triangle Creative District, dem Museumsviertel.

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Still (1904-1980) gilt neben Jackson Pollock und Mark Rothko als bekanntester Künstler des abstrakten Expressionismus in Amerika. Das Museum in Denver besitzt rund 95 Prozent seiner Werke. Still war der Meinung, dass Kunstwerke erst richtig wirken, wenn sie nicht neben den Bildern anderer Künstler ausgestellt werden. Der Außenseiter zog sich 1951 aus der New Yorker Kunstwelt zurück.

Dies seien keine Bilder im gewöhnlichen Sinne, besagt ein Zitat Stills an einer Museumswand, sondern „Leben und Tod, in ängstlicher Einheit verschmolzen“. Die Gemälde haben keine richtigen Titel. Als Stills Tochter nach der Bedeutung der Werke fragte, antwortete der Künstler: „Was glaubst du, welche Bedeutung sie haben?“ Das sage ihm etwas über den Betrachter. Und so steht man zum Beispiel vor „PH-247“ und fragt sich, welche existenzielle Botschaft die knapp drei mal fünf Meter große blaue Fläche für einen persönlich bereithält.

Eine Institution ist das Denver Art Museum, dessen von Gio Ponti entworfenes Nordgebäude derzeit allerdings erweitert wird und daher für Besucher geschlossen ist. Geöffnet hat weiter das Hamilton Building, das zum Beispiel noch bis Mai 2019 eine eindrucksvolle Schau zu Tieren in der Kunst zeigt („Stampede“).

Eine nahezu verspielte Sammlung befindet sich im Kirkland Museum of Fine & Decorative Art, das kürzlich an einem neuen Standort unweit des Clyfford Still Museum mit mehr Ausstellungsfläche neu eröffnet hat. Zu sehen gibt es dekorative Kunst aus den Epochen von 1875 bis 1990, von Jugendstil über Bauhaus und Art Deco bis Postmodernismus. Nach einem Besuch würde man am liebsten sofort einen Innenarchitekten engagieren und das eigene Zuhause neu entwerfen lassen.

Namensgeber des Museums ist der aus Colorado stammende Maler Vance Kirkland (1904-1981), dessen schöpferischer Werdegang nachgezeichnet wurde. Besondere Höhepunkt: die einstige Künstlerwerkstatt. In den verschiedenen Räumen liefert jeder Winkel neue Reize, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Sogar über der Garderobe im Eingangsbereich hängt ein Ausstellungsregal mit Vasen.

Wer jetzt noch nicht genug Kunst gesehen hat, kann noch das Museum of Contemporary Art nahe des Larimer Square besichtigen oder einfach durch Santa Fe spazieren, das alte Latino-Viertel mit dem Museo de las Americas. Dort reiht sich Galerie an Galerie, spontane Besuche und Plaudereien mit Galeristen sind möglich. Der Tag klingt schließlich im Denver Performing Arts Center vor einer der zehn Bühnen aus. Am Ende reist man natürlich doch in die „Rockies“. Und schaut auf Landschaften, die man am liebsten malen würde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ab in die Kunstszene von Denver!

(ham/dpa)