China: Kuppel-Markt im Grünen

China : Schönes Schicksal in Shanghai

Das neue Jahr naht und noch immer ist kein Ehepartner in Sicht. In Shanghai kuppelt man kreativ.

„Mein Zukünftiger hing an einer Zypresse“, kann eine Chinesin sagen, deren Eltern in einem Park auf die Suche nach einem Ehemann für ihre Tochter gegangen waren. An Bäume geheftete Listen verkünden Namen, Beruf und Einkommen potentieller Heiratskandidaten. In einem Land, in dem Männer wegen des herrschenden Männerüberschusse keine Frau finden, und junge Frauen bereits ab 28 Jahren als zu alt fürs Heiraten gelten, ist so ein Kuppel-Markt im Grünen nicht die abwegigste Idee.

Shengnu -„übrig gebliebene Frau“ oder Shengnan – „übrig gebliebener Mann“, Namen die nach Restposten an der Grenze zur Haltbarkeit klingen. Ihnen droht nun die schlimmste Zeit im Jahr. Freuen einsame Menschen sich, wenn sie an den Festtagen zur Familie fahren können, fürchten chinesische Singles die Anstrengungen des Neujahrsfestes. Endlos ist die Fragerei der Verwandten nach den Heiratsabsichten, garstig die Sticheleien gegen die Übriggebliebenen. Deren Verzweiflung wächst und beschert Heiratsvermittlern einen Boom. Wer weder Eltern noch bezahlte Profis für sich suchen lassen möchte, der hofft aufs World Wide Web. Online-Partner-Börsen wie Jiayuan, was so viel heißt wie „Schönes Schicksal“, registrieren im Dezember die meisten Neuanmeldungen im Jahr.

Dabei muss man nicht unbedingt Single sein, um sich in Shanghai einsam zu fühlen. Fremdsein reicht vollkommen, damit man sich hinter der Panoramascheibenfront eines Hotels das Lost-in-Translation-Feeling abholen und auf den steinernen Beweis schauen kann, welch psychedelische Wirkung Drogenpilze auf Stadtplaner und Baumeister hatten. Sie haben einen Flipperautomaten in XXXL-Größe aus Shanghai gemacht. Blinken, Glühen und Blitzen als Ersatz für Mond und Sterne. Am Neujahrsabend ist vom architektonischen Größenwahn gerade nicht viel zu sehen. Nebel hängt den Hochhäusern bis zur Hüfte, und dort, wo die Nebelschleier reißen, legen sie nur die ganze aschgraue Dürftigkeit nackter Betonfassaden bloß, die Hustensaftfarbe des Huangpu-Flusses oder den Irrsinn der Autobahntrassen, die sich auf sechs Ebenen zwischen Wolkenkratzern hindurchwinden.

Einer aus 24 Millionen: In der Millionenmetropole Shanghai ist es wirklich nicht einfach, jemanden kennenzulernen. Foto: Thomas Schneider

Dieses Shanghai erzählt die Geschichte vom falschen Leben. Von einem, das im vierzigsten Stock eines mehlwurmfarbenen Büroturms oder in einer 430 km/h rasenden Magnetschwebebahn gelebt wird, und das man auf der Weltausstellung im Jahr 2010 stolz unter dem Motto „Eine bessere Stadt, ein besseres Leben“ präsentiert hat. So also sieht die Zukunft aus, in der Tausende Männer und Frauen über die Nanjing Road treiben und sich über ihr Pech in der Liebe mit Glück im Konsum hinwegtrösten.

Nun soll es also der letzte Tag des Jahres noch bringen, sollen die Weichen für zukünftige Zweisamkeit gestellt werden – auf einer der vielen Silvester-Datingpartys. Im Erdgeschoss eines alten Kolonialhauses etwa schiebt sich eine Polonaise-Formation schildkrötenhaft durch einen großen Saal. Stunden vor Mitternacht ist die Stimmung nicht ausgelassen, aber schon einigermaßen angetaut. Dreihundert Tänzer, alle Mitte bis Ende 20, reihen sich in fester Geschlechterfolge Mann-Frau-Mann-Frau hintereinander.

Eine einzelne Frau sitzt an der Eingangstür. Li ist die Organisatorin dieser Veranstaltung. Mit einer Mimik, die auch Pantomime für mittelschwere Migräne sein könnte, gleicht sie die Anmelde- und Anwesenheitslisten miteinander ab. „249 Millionen Chinesen über 18 Jahren sind ledig“, erzählt sie, „und fast die Hälfte von ihnen haben sich bei einer Online-Flirtbörse angemeldet.“ Damit es auch im richtigen Leben funken kann, lädt die geschäftstüchtige Li zur Kennenlernparty ein. Endlos zieht die Polonaise potenzieller Paare an ihr vorbei, den Blick auf Rücken oder Hinterköpfe geheftet. Auf Anhieb entdeckt man in diesem Pärchen-Lindwurm ein gutes Dutzend Frauen mit dem gleichen Ausdruck von bemühter Zuversicht, die nur jemand trägt, der nicht wirklich an den Erfolg einer Sache glauben kann. Zum Verwechseln unähnlich werden sie sich nur durch das Lipgloss-Lächeln, das sie sich in Perlmutt, Scharlachrot oder Violett aufgemalt haben. Ihre Partner sind Männer mit typischen Kellnerfiguren, denen die Frisuren ausfransen oder nette Jungs von nebenan, denen Papa den Anzug geliehen hat und die mit der ganzen Lässigkeit ihrer gepiercten Augenbrauen die Peinlichkeit ihrer Anwesenheit wettmachen wollen. Ein Teil der Männer legt ihre Hände wie Tatzen im Nacken der Frauen ab, andere spielen mit leicht angewinkelten Gelenken und gespreizten Fingern auf ihnen Klavier oder klammern sich fest an beide Schultern – nicht bereit, so schnell wieder loszulassen. Und die Frauen tragen diese Hände mal wie ein Joch, mal wie eine Pelzstola, meist wie eine Prüfung, aber nie, wie das, was sie sein sollte: eine menschliche Berührung.

Eine Viertelstunde laufen die Heiratswilligen hintereinander her, aber erst, als sich der Polonaise-Wurm verknotet und die Bewegung stockt, entsteht der Eindruck von Lebendigkeit. Die Menschen sprechen miteinander, lachen, sehen sich in die Augen, bis Li einschreitet und wieder zum „Kuai le wu lin“ auffordert, was so viel bedeutet wie „Viele Menschen tanzen fröhlich zusammen“. Einige Hundert Gründer zukünftiger Ein-Kind-Familien folgen den Anweisungen von Veranstalterin Li, fassen sich an den Händen und tanzen Ringelreihen. So also sieht chinesisches Verliebtsein im Larvenstadium aus.