Abstecher im Land der Cowboys: Begegnungen in Wyoming

Abstecher im Land der Cowboys: Begegnungen in Wyoming

Wyoming ist größer als Großbritannien und hat weniger Einwohner als Dortmund. Der Staat in den Rocky Mountains zählt zu den am dünnsten besiedelten Gegenden der USA - und steckt voller Attraktionen, auch abseits der Hauptverkehrsströme. Einheimische stellen sechs Orte vor.

Wie ein endloses Band zieht sich der Interstate Highway 90 durch die leicht wellige, fast baumlose Weite. Wer auf ihm in Wyoming nach Westen fährt, hat oft nur ein Ziel: so schnell wie möglich nach Yellowstone kommen, zum ältesten Nationalpark der Welt. Er liegt ganz im Nordwesten des US-Bundesstaates, dessen Grenzen vier schnurgerade Linien bilden. Doch Eile ist kein guter Ratgeber - erst recht nicht hier im Land der Cowboys, in dem der amerikanische Westen noch immer ein wenig wild erscheint. Zwar ließe sich die Reise quer durch den Staat in sieben Stunden absolvieren. Doch wer sich und dem Auto unterwegs keine Pause gönnt, verpasst interessante Eindrücke. Sechs Begegnungen an Orten, für die sich Abstecher und Umwege lohnen.

Als Steven Spielberg in den 1970er Jahren für die Schlussszenen von "Unheimliche Begegnung der dritten Art" einen Schauplatz suchte, fand er ihn am Devils Tower. Noch heute stellen viele Besucher Fragen zu dem Science-Fiction-Film oder machen Witze darüber, erzählt Ranger Joe Bruce, der noch gar nicht geboren war, als Spielbergs Streifen den spektakulär geformten Berg auf die Kinoleinwand brachte.

Als massiver Turm aus Vulkangestein erhebt sich der Devils Tower 264 Meter hoch aus seiner Umgebung. Schon von Weitem ist der Gigant zu sehen. Im Jahr 1904 wurde er zum ersten National Monument der USA ernannt, heute kommen etwa 500 000 Besucher pro Jahr. Juli und August sind die beliebtesten Monate, dann wird es oft voll auf dem zwei Kilometer langen Tower Trail, der um den Fuß des Berges herumführt.

"Viele Leute bleiben nicht lange, vielleicht eine Stunde oder sogar nur 30 Minuten", sagt Ranger Bruce. Er rät, nachmittags zu kommen, wenn es leerer ist und das Sonnenlicht von Westen auf den Berg fällt, was eine gute Sicht vom Besucherzentrum aus ermöglicht. "Großartig ist es aber auch in der Nacht. Viele Besucher nehmen gar nicht wahr, dass der Park auch dann geöffnet bleibt", sagt Bruce. "Wir haben hier großartig dunkle Himmel mit vielen, vielen Sternen."

Für Joe Bruce hat der Devils Tower "etwas Kraftvolles und Mysteriöses an sich. Es gibt unzweifelhaft eine spirituelle Qualität hier." Das sehen auch die Ureinwohner der Prärien so, denen der Berg vor allem im Sommer heilig ist und die darum bitten, im Juni auf das Klettern zu verzichten. Durchaus mit Erfolg: "Ende Mai kommt es vor, dass sich 50 bis 60 Seilschaften am Tag für die Besteigung registrieren", erzählt Bruce. "Anfang Juni geht die Zahl runter auf 2 oder 3". Pro Jahr wagen sich insgesamt 5000 bis 6000 Bergsteiger daran, die eckigen Lavasäulen hochzusteigen, die den Berg geformt haben. Alle anderen Besucher stehen zu seinen Füßen und bestaunen den Anblick.

Etwa zwölf Meilen südlich der Kleinstadt Buffalo liegt die TA Ranch, eine von vier Guest Ranches in diesem Teil Wyomings. Echte Cowboys kümmern sich hier um Rinder, die gezüchtet werden, um den enormen Fleischappetit der Amerikaner zu stillen. Etwa 350 Stück Vieh und 40 Pferde gibt es auf der Ranch. Von Ende Mai bis Ende September ist die Saison für Busreisegruppen, die sich zum Beispiel vorführen lassen, wie die sogenannten Wrangler zu Pferde auf einer Koppel die Rinder zusammentreiben. Auch individuelle Reisende können sich das ansehen.

Zum Programm gehört fast immer eine Begegnung mit Marchel Kelley, die mit auffällig gewordenen Pferden arbeitet. "Sie nennen mich hier die Pferdeflüsterin", sagt die Frau mit dem großen Cowboyhut, "und ich akzeptiere das auch. Aber natürlich flüstere ich nicht mit den Pferden. Es geht darum, Tieren beizubringen, wie sie feinfühlig sein können." Dabei stellt sie oft fest, "dass die Menschen im Publikum sagen: "Oh ja, von diesen Prinzipien kann ich auch etwas für mich übernehmen." Die Dressur, die Marchel zeigt, sei wie eine Schule:
"Die Pferde legen ihr schlechtes Verhalten ab und lernen zu machen, was ich ihnen sage." Sie habe schon Lehrer unter ihren Zuschauern gehabt, die das Gesehene in ihren Unterricht übernehmen wollten.

Die TA Ranch ist für Buffalo ein historischer Ort. Hier endete 1892 der Johnson County War. Er hatte damit begonnen, dass Großrancher einige Männer aus Texas anheuerten, um kleinere Rancher und Viehdiebe aus dem Weg zu räumen. Andere Einheimische wollten das verhindern und umzingelten die Texaner in einer Scheune der TA Ranch, in der noch Einschusslöcher zu sehen sind. Die Schießerei dauerte drei Tage, und niemand kam ums Leben, weil die Kavallerie eingriff. Diese Geschichte aus einer Zeit, in der sich über die Feinfühligkeit von Pferden wohl noch niemand Gedanken machte, bekommen Ranchbesucher häufig erzählt.

Von außen sieht alles ganz unscheinbar aus: "King's Saddlery. King Ropes & Museum" steht auf dem Schild neben der Eingangstür an der Main Street in Sheridan, ganz im Norden Wyomings gelegen. Wer ins Museum möchte, muss durch den Laden gehen und eine Hinterhofstraße überqueren - und landet an einem Ort, der wie die Requisitenkammer für "Django Unchained" oder einen alten Winnetou-Film wirkt.

Fast 500 Sättel sind ausgestellt. "Der älteste stammt von etwa 1865", sagt Inhaber Bruce King, dessen Vater Don das Museum gegründet hat. "Und zwar nicht für Touristen, sondern um etwas vom alten Westen zu retten". Auf engem Raum sind auch viele alte Sattelmacherwerkzeuge, Ledertaschen, Zeichnungen, Halfter, Seile und Waffen ausgestellt. Auch einen Leichenwagen, der von Pferden gezogen und zuletzt 1910 genutzt wurde, gibt es zu sehen. Ein Holzsarg liegt noch drin.

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Besucher können auch einen Blick in die Sattlereiwerkstatt werfen. "Heute verkaufen wir mehr Seile als Sättel", erzählt King. Rancher aus ganz Wyoming und den Nachbarstaaten kaufen bei ihm ein. Sättel produziert das Unternehmen noch etwa sechs bis acht im Jahr, die Reparaturarbeiten sind längst wichtiger als das Neugeschäft. Auch im Cowboy-Staat ist der Bedarf an Reitzubehör nicht mehr so groß. Der Eintritt ist frei, King freut sich aber über Spenden für das Museum. Geöffnet ist es täglich außer sonntags von 8.00 bis 17.00 Uhr. "Long live Cowboys" verabschiedet eine Neonreklame im Schaufenster die Besucher. Für King ein Wunsch, der auch seine Geschäftsgrundlage ist.

Ein Kapitän so weit weg von allen Ozeanen? Mark Garrison trägt keine weiße Uniform, sondern T-Shirt und kurze Hosen und stellt sich als "Käpt'n Mark" vor. Mit seinem Ausflugsboot "Belle" hat er gerade die Horseshoe Bend Marina verlassen und sich auf den Weg in den Bighorn Canyon gemacht. Knapp 100 Kilometer nördlich steht der Damm, der das Flusswasser aufstaut, um Überschwemmungen zu verhindern und Strom für etwa 200 000 Haushalte zu produzieren. "Nach der Schneeschmelze in den Bergen steigt der Wasserspiegel manchmal um einen Meter am Tag", erzählt der Kapitän und schaut auf den schlammfarbenen Strom.

Die Fahrten mit Hidden Treasure Charters führen etwa 25 Kilometer weit in den Canyon hinein und dann zurück zum Ausgangspunkt nahe der Kleinstadt Lovell. Im Sommer sei das Wasser an der Oberfläche oft 26 Grad Celsius warm, erzählt Garrison. Viele Besucher sind dann mit Wasserski oder dem Kajak unterwegs zwischen den stellenweise mehr als 270 Meter hohen Felswänden. Zweimal am Tag steuert Käpt'n Mark dort sein Boot, und langweilig wird ihm nicht: "Ich fahre diese Tour zwar sehr oft, aber ich sehe jedes Mal etwas Neues. Schon auf dem Rückweg kann die Szenerie ganz anders aussehen als auf dem Weg hinein."

Mindestens so imposant wie vom Boot wirkt der Canyon auch vom Rand aus betrachtet. Der Devil's Canyon Overlook befindet sich schon jenseits der Staatsgrenze im benachbarten Montana. Steile, kaum mit Büschen bewachsene Hänge, das Spiel von Licht und Schatten, der ockerfarbene Fluss: Stundenlang könnte man hier herunterschauen und beobachten, obwohl in der menschenleeren Wildnis wenig passiert.

Das Wasser im Bighorn Canyon stammt zum Teil aus einem Fluss viel weiter südlich in Wyoming, dem Popo Agie River. Bei Lander fließt er im Sinks Canyon State Park in eine Höhle und unterirdisch durch einen 400 Meter langen Kanal, bis er wieder aus dem Untergrund kommt. Im Mai und Juni rauschen hier 14 000 Liter pro Sekunde durch. Jermaine Bell, einer der Touristenführer aus der nahegelegenen Wind River Indian Reservation, bringt Besucher zu dieser Stelle. "Man kann Wyoming nicht verlassen, ohne Sinks Canyon gesehen zu haben".

In der Wind River Indian Reservation leben die Stämme der Nördlichen Arapaho und der Östlichen Shoshonen, deren Häuptling Washakie im 19. Jahrhundert der einzige Anführer der Ureinwohner war, der hier selbst bestimmen durfte, wo er das Reservat für sein Volk haben wollte. Sein Grab gehört heute zu den Orten auf den Touren mit Jermaine Bell, ebenso wie der Friedhof, auf dem die örtlichen Stämme die Indianerin Sacajawea begraben glauben - eine Frau, die in den Jahren 1805/06 die Expedition der Offiziere Lewis und Clark zur US-Westküste begleitete und die allein durch ihre Anwesenheit anderen Stämmen verdeutlichte, dass die US-Soldaten nicht in kriegerischer Absicht unterwegs waren.

Historiker bezweifeln zwar stark, dass Sacajawea tatsächlich hier bestattet wurde, an ihrer Verehrung aber ändert das nichts: Blumen, Ketten und bunte Steine schmücken ihre Statue. Der ganze Friedhof ist ein farbenfroher Ort, auf dem Reiterfiguren und Cowboystiefel etliche Gräber zieren - um anzuzeigen, wer dort jeweils begraben wurde.

Nach dem Friedhofsbesuch geht es nach Riverton, in den größten Ort im Reservat, wo das "Wind River Hotel & Casino" ein Hauptanlaufpunkt für Touristen ist. An jedem Dienstagabend von Juni bis August gibt es dort auch traditionelle Tanzvorführungen. "Wir wollen jedem unsere Kultur näherbringen", sagt Jermaine Bell. "Wir feiern unser Überleben und reichen weiter, was wir von unseren Großeltern gelernt haben."

Etwa 75 Autominuten nordwestlich von Riverton ein letzter Stopp. Am Rande von Dubois - von den Einheimischen "Dü-Beuss" ausgesprochen - gibt es seit 1993 ein Museum, das sich dem Rocky Mountain Bighorn Sheep und seinem Lebensraum widmet. Knapp 13 Kilometer außerhalb der Stadt lebt eine Herde von 900 bis 1000 dieser Dickhornschafe. "Unsere Mission ist es, Besuchern Informationen zu geben, damit diese Tiere geschützt bleiben", sagt Sara Domek, die das National Bighorn Sheep Center leitet. Wer den Tieren buchstäblich näher kommen möchte, kann sich vom Museum aus mit dem Auto auf eine zwei- bis dreistündige Tour zur Whiskey Basin Wildlife Habitat Area südöstlich von Dubois begeben. Manchmal sind die Tiere dort direkt am Wegesrand zu sehen. "Wir leben zwischen zwei Gebirgszügen mit unglaublichem Tierbestand", sagt Domek. "Das müssen wir uns bewahren." Worte, die dem Reisenden auf dem weiteren Weg durch Wyoming noch ein wenig nachklingen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bei den Cowboys in Wyoming

(dpa)
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