Fast 18 Stunden in der Luft: Nonstop von Singapur nach New York

Nonstop von Singapur nach New York: Fast 18 Stunden in der Luft

Beim längsten Flug der Welt über mehr als 15.000 Kilometer verliert man völlig das Raum-Zeit-Gefühl. Es geht von Singapur nach New York. Und das Flugprinzip ähnelt dem eines Skispringers.

Der Airbus A350-900 ULR gleicht an diesem gerade erst angebrochenen Mittwoch einer gigantischen Zeitmaschine. Das Flugzeug wird dank Zeitverschiebung trotz etwa 17 Stunden in der Luft nur fünf Stunden später, kurz vor Sonnenaufgang, in New York landen. Keine Passagiermaschine überwindet so viele Kilometer am Stück wie Flug SQ22 von Singapore Airlines aus Singapur – 15.344.

Knapp 161 Passagiere kämpfen am Gate A15 kurz nach Mitternacht in schummerigem Licht gegen schwere Augenlider und anhaltendes Gähnen. Dann endlich: einsteigen. Das Gedrängel bleibt aus, denn für einen Langstreckenflug ist die Zahl der Passagiere gering. Die Umrundung des halben Globus fühlt sich an wie Berlin-München.

Für die seit Oktober 2018 bestehende Flugverbindung setzt die Airline auf das Erfolgsrezept eines olympischen Skispringers: geringes Gewicht und günstiger Luftstrom. Daher die wenigen Passagiere. Der Tank eines A350 oder A380 reicht unter gewöhnlichen Umständen nicht, um einmal nonstop halb um den Globus zu fliegen. Zwischen 2004 und 2013 flog Singapore Airlines die Strecke Singapur-New York regelmäßig – mit einem wesentlich sprithungrigeren Flugzeug, dem A340 mit vier Triebwerken. Doch wegen der enormen Spritmengen und steigender Ölpreise lohnte sich das irgendwann nicht mehr.

Jetzt hat man sich eine neue Strategie einfallen lassen: Premium Economy und Business Class statt ausschließlich Business Class und deutlich weniger Spritverbrauch. Das Fluggerät mit dem Zusatztitel ULR – das heißt so viel wie ultra-lange Reichweite – hat ein modifiziertes Tanksystem, das höher gefüllt werden kann. Das Gewicht des Fliegers wurde an allen Ecken und Enden optimiert: weniger Frischwasser, weniger Passagiere und sogar leichtere Notrutschen.

Das Kerosin reicht genau. Mit etwa sieben Prozent verbleibendem Treibstoff kommt der Flieger quasi blank, aber rasant an. Denn die meiste Zeit surft das Flugzeug auf einem Jetstream vor sich hin. Das bedeutet eine Geschwindigkeit von bis zu 1100 Kilometern pro Stunde. Um die Winde bestmöglich auszunutzen, wird die Route, die meist über den Nordpazifik führt, auch während des Flugs noch angepasst.

Sonnenaufgang über Manhattan. Foto: dpa-tmn/Julienne Schaer

In den vergangenen fünf Jahren mussten die Passagiere mit derselben Fluggesellschaft über Frankfurt nach New York fliegen. Dort aussteigen, warten, wieder in dieselbe Maschine einsteigen. Füße vertreten fällt nun weg, so wie mindestens vier zusätzliche Stunden Reisezeit. Um die ultralange Nacht erträglich zu machen, hat die Airline keine normale Economy-Klasse eingebaut. Nur Premium Economy ist verfügbar. Der wesentliche Unterschied: besseres Essen, Champagner, mehr Beinfreiheit und komfortablere Sitze.

Etwa drei Stunden vor der Landung gibt es für die meisten Passagiere an Bord die dritte volle Mahlzeit hintereinander, dazwischen gab es sogar noch einen Snack. In der Business Class gibt es auf weißen Tischdeckchen serviert traditionelle Satay-Spießchen als Appetizer. Danach folgt eines der zahlreichen Gerichte, die man schon zuvor bestellen konnte: Angus-Steak oder traditionelle Reisnudeln in Kokoscreme-Meeresfrüchte-Soße zum Beispiel. In der Premium Economy konnte man sich ebenfalls für Gerichte vor dem Flug entscheiden. Für Liebhaber gibt es auch Reisbrei mit Schweinehack, gekochten Erdnüssen und Tausendjährigem Ei. Wer nicht vorbestellt hat, darf heute zwischen geschmorter Hühnerbrust in Senfsoße, Fisch mit Bohnen und Blumenkohlbratling mit Tahini wählen.

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Ob der Flug anstrengender ist als sonst, geht die Frage an eine Flugbegleiterin. „Nein“, sagt sie. „Es macht keinen Unterschied, ob es zwölf oder 18 Stunden sind. Wir haben die gleichen Aufgaben, nur mehr Zeit dafür.“ Einzig und allein die Kontaktlinsen leiden nach mehr als 14 Stunden unter der trockenen Luft. Im A350 ist es eng, daher braucht das Kabinenpersonal Erfahrung und eine spezielle Schulung für diesen Flugzeugtyp.

Airbus A350-800 ULR von Singapore Airlines - das Flugzeuge ist für besonders lange Flüge geeignet. Foto: dpa-tmn/Singapore Airlines

Für das 13-köpfige Kabinenpersonal stehen mehrere versteckte Stockbetten zur Verfügung. Für jeden im Team gibt es mindestens vier Stunden Pause, heute sogar 5 Stunden und 20 Minuten. In der Teambesprechung hat man sich für zwei Schichten entschieden. Und so legt sich Flugbegleiterin Harper in ihrem blauen traditionellen Gewand und mit einer Extraportion Haarspray so, wie sie ist, für drei Stunden auf den Rücken und schläft. Und kommt unverändert und lächelnd zur nächsten Mahlzeit wieder aus ihrem Versteck gekrochen.

Eine knappe Stunde vor der Landung simuliert der Airbus mit seinem speziellen Lichtsystem einen sanften Sonnenaufgang. Fensterblenden auf, der Tag beginnt!

Im Landeanflug auf Newark erlebt man ein Lichterfest über New York. Überall blinkt und strahlt es in der Nacht. Sanft setzt der Airbus um Punkt 5 Uhr auf der Landebahn auf. 16 Stunden und 50 Minuten hat das Flugzeug gebraucht, statt der veranschlagten 18 Stunden 30 Minuten. Ist damit der Rekord dahin? Doha-Auckland dauert immerhin 17 Stunden 35 Minuten. Nein, zumindest kilometertechnisch ist die Strecke mit 15.344 Kilometern ungeschlagen. Wie lang der Flug dauert, das ist nur mit einer Genauigkeit von plus minus zwei Stunden vorherzusagen. Es kommt auf die Bedingungen an.

Was kann da im Ultra-Langstrecken-Zeitalter noch kommen? Qantas plant bereits einen Nonstop-Flug Sydney-London ab der Saison 2022/2023. Dieser würde mehr als 17.000 Kilometer überwinden. Doch viel weiter wird es wohl niemals werden, weil es keinen Sinn macht. Andersrum fliegen wäre dann immer schneller.

An diesem Mittwochmorgen steigen die Passagiere des Airbus A350-900 ULR etwas zerknautscht, aber gut gelaunt aus dem Flieger. Ob zwölf Stunden oder 17 Stunden, das sei nun auch egal, ist allgemeiner Konsens. Schlafen konnten die meisten tatsächlich nicht. Aber bequem sei es trotzdem gewesen. Das wohl beste Erlebnis des Morgens: Flug SQ22 ist der erste, der an diesem Mittwoch in Newark landet. An der sonst brechend vollen Passkontrolle steht kein Mensch.

(dpa)
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