Weihnachtszeit in Tschechien

Tschechien : Wo märchenhafte Weihnachtsmärkte leuchten

Auch wenn die Tschechen als nicht besonders gläubig gelten, zur Weihnachtszeit stehen bei ihnen Adventsmärkte, weihnachtliche Spezialitäten und traditionelle Handwerkskunst hoch im Kurs. Ein Bummel durch Prag, Olmütz und Brünn.

Tomáš Starecký steht im Glockenturm des Veitsdoms hundert Meter über der Prager Burg. Der 56-jährige Glöckner pustet die grauen Haare aus dem Gesicht und ergreift das Seil der größten Glocke Tschechiens. Dann zieht er mit aller Kraft daran. „Sie wiegt fast 17 Tonnen, heißt Sigismund wie einer unserer böhmischen Könige und stammt aus dem 16. Jahrhundert“, sagt der studierte Physiker stolz. „Normalerweise läuten wir allein diese Glocke mit vier Personen. Für alle sieben Domglocken müssen mindestens zehn Glöckner ran, alles Freiwillige, so wie ich, auch Frauen.“ Besonders schön klingt das Geläut zur Mitternachtsmesse an Heiligabend. Dann ist das 20-minütige Klangkonzert, das Starecký und seine Kollegen erzeugen, nicht nur etwas für die Besucher der Königskathedrale, sondern schallt bis in die Prager Altstadt hinein.

Schon zur Adventszeit herrscht in der Hauptstadt der Tschechischen Republik eine ganz besondere Atmosphäre – ein Mekka weihnachtlicher Märkte. Auf dem Wenzelsplatz duftet es aus beleuchteten Buden nach Lebkuchen, und Frauen in weißen Hauben fertigen Altprager Trdelnik. Das Gebäck, bei dem Hefeteig auf eine Stange gerollt, auf eine offene Feuerstelle gelegt und mit Zucker und Nussraspeln umhüllt wird, gibt es zur Weihnachtszeit im ganzen Land. Auf dem Malteser Platz, nahe der mit bunten Graffiti besprühten John-Lennon-Mauer, servieren Freiwillige Punsch. Man lauscht Live-Konzerten und stöbert in den Innenhöfen des Malteser-Hauses nach handgenähten Kleidern und originellem Schmuck – für den guten Zweck.

Wie viele Weihnachtsmärkte es in der Stadt gibt, weiß niemand so genau. Doch dass die Touristen wegen der einzigartigen Adventsstimmung kommen, ist eindeutig. Schließlich verzeichnet der Dezember nach dem Juli die zweithöchsten Besucherzahlen. Kirchenkonzerte, Gospels und das Prager Symphonieorchester tragen dazu bei, genauso wie das Treiben am Altstädter Ring. Der Hotspot der Weihnachtszeit lockt mit einer 24 Meter hohen Tanne, mit buntem Christbaumschmuck und hunderten Lichtern behangen, vor der stimmungsvoll beleuchteten Kulisse von Altstädter Rathaus und Teynkirche. Dazu eine märchenhafte Aussichtsplattform, unter deren Lichterbögen sich die Besucher fotografieren, und kreisförmig aufgestellte Büdchen mit heißen Maronen und Honigwein.

Prager Weihnachtsessen

Eine Woche vor Weihnachten gehen die Prager zum Karpfenkauf. Karpfen mit Kartoffelsalat gilt als das Gericht an Heiligabend. Überall in den Straßen stehen Wannen mit Fisch. Mancher nimmt das Tier lebend mit nach Hause und setzt es in die Badewanne, die Kinder spielen damit, und wenn der 24. Dezember vor der Tür steht, setzt man den Karpfen doch lieber wieder aus. „Jedes Jahr warnen die Fachleute davor, denn zwei Monate vor Weihnachten werden die Karpfen aus Teichen gefischt und in sauberes Wasser gesetzt, damit sie nicht stinken. An Teich- oder Flusswasser sind sie danach nicht mehr gewöhnt“, sagt Alena Navrátilová. Die Prager Stadtführerin kennt sich aus mit tschechischen Gepflogenheiten. „In der kommunistischen Zeit waren Weihnachtsmärkte hier nicht verbreitet. Nach der Grenzöffnung 1989 machten die Prager deshalb scharenweise Busausflüge in die Grenzstädte Passau, Nürnberg oder Dresden. Zehn Jahre später hatten wir unsere eigenen Adventsmärkte, und heute kommen die Besucher zu uns“, ergänzt die Tschechin und lacht.

Weihnachten in Olmütz

Olmütz, gute zwei Zugstunden von Prag entfernt, gilt noch als Geheimtipp. Zwar sind die Märkte in der mährischen Studentenstadt bescheidener als in der Hauptstadt. Dafür kann man am Niederring unter dem Lichterteppich einer Eisbahn kostenlos Schlittschuh laufen. Auf dem Oberring im Schatten des Rathauses thront die Dreifaltigkeitssäule, die größte Barocksäule Mitteleuropas und ein Unesco-Weltkulturerbe. Wer hier steht, einen Bramborak, den traditionellen Kartoffelpuffer mit Knoblauch und Majoran in der Hand, und das Dreiergespann aus Nikolaus, Engel und Teufel beobachtet, wie es den artigen Kindern Gedichte entlockt und den Unartigen droht, sie mit in die Hölle zu nehmen, der ist mittendrin im tschechischen Weihnachtsleben. Vielleicht genießt man noch einen Kuchen aus Olmützer Quargel, dem lokalen Käse, der an Harzer erinnert und von der EU geschützt ist, und bestaunt die astronomische Uhr mit ihren feinen Mosaiken typisch kommunistischer Motive wie Arbeiter mit Spaten und Milchkanne. Jeden Tag wird das mechanische Werk aus dem 19. Jahrhundert aufgezogen.

Handgefertigter Christbaumschmuck

„So wie in Prag und Olmütz hat auch in Brünn weihnachtliches Kunsthandwerk eine lange Tradition“, sagt Pavla Kucerová. Die 29-jährige Marketingfachfrau schlendert über den Krautmarkt, der seit mehr als 500 Jahren von Kellern und Gängen untergraben ist – ein Kühlraum-Labyrinth damaliger Bewohner und Händler. Hier gibt es Seifen aus Schaffett und mundgeblasenen Christbaumschmuck. „Der wurde schon im 19. Jahrhundert von Familien-Manufakturen hergestellt. Vater und Opa bliesen Stäbe aus Hohlglasperlen und versilberten sie, Oma trennte sie in einzelne Stücke, Mutter und Kinder fädelten sie zu Sternen und Glöckchen oder bemalten die größeren Kugeln“, ergänzt Pavla und schweift mit ihrem Blick zu den Weihnachtsständen, an denen der Schmuck wie ein Vorhang baumelt, und den sich dahinter erhebenden Türmen der gotischen St.-Peter-und-Paul-Kathedrale. Ein paar Schritte weiter, am Dominikaner Platz, genießen die jungen Brünner in Bierteig frittierten Karpfen vor einer riesigen Holzkrippe und genehmigen sich anschließend einen Turbomost auf dem Freiheitsplatz. Der Apfelschnaps ist der neueste Gastro-Trend der Brünner. Schön, dass die Straßenbahn sie nach dem Umtrunk nach Hause fährt. Zur Weihnachtszeit ist sie mit tausenden Glühbirnen beleuchtet.

Die 24-jährige Domenika verkauft traditionellen Christbaumschmuck auf dem Weihnachtsmarkt in Olmütz. Foto: Martina Katz

Die Autorin wurde bei der Reise von CzechTourism unterstützt.