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Tirol: Stille Tage in Hall

Tirol : Stille Tage in Hall

Gäste erleben das 700 Jahre alte Hall mit seinen krummen Gassen wie einen 3-D-Heimatfilm, und Gourmets preisen das Tiroler Städtchen für seine geschmackvolle Küche. In der Adventszeit zieht es Stadtnostalgiker aber vor allem wegen des weihnachtlichen Flairs in die größte Altstadt von Westösterreich.

Der Lange Graben ist Halls steiniger Laufsteg von der Unter- in die gemütliche Oberstadt. Fünf Minuten Fußweg und man steht im Mittelalter. Sterne aus gebrochenem Spiegelmosaik  reflektieren alte Hausfassaden und zaubern eine Atmosphäre weihnachtlicher Vorfreude in die Gassen. Turbulent wird es in der Altstadt mit ihren über 300 ensemblegeschützten Häusern nur dann, wenn das Fernsehen Szenen für einen „Tatort“ oder „Bergdoktor“ dreht oder Spielfilmregisseure Hall als schneereiches Bühnenbild wählen. Zur gern gesehenen Filmkulisse wurde der historische Stadtkern jedoch erst, als ab 1970 die Altstadt saniert und restauriert wurde. Heute überzeugt das heimgeholte Mittelalter-Flair nicht nur Regisseure, Architekten und Touristen. Experten erkannten der Kleinstadt schon vor 30 Jahren den ersten österreichischen Staats­preis für Denkmalschutz zu.

Mit einem Potpourri adventlich kolorierter Zugaben stellt sich da eine festlich-kuschelige Stimmung fast von selber ein: Man nehme zwei Dutzend Zahlen, eine Handvoll Farbscheiben und ein paar simple Beamer. Fertig. Mit Anbruch der Dunkelheit leuchten auf Hauswänden, Zinnen und Dächern 24 große Ziffern in wechselnden Farben. Eingefärbt in rot, blau, gelb, rosa und violett summiert sich die projizierte Zahlenparade zu Tirols originellstem und Österreichs größtem Adventskalender.

 Die Gassen und Häuser sind zum Jahresende weihnachtlich beleuchtet.
Die Gassen und Häuser sind zum Jahresende weihnachtlich beleuchtet. Foto: Manfred Lädtke

Insgesamt acht Gassen streben hinauf auf den Stadtplatz zur Pfarrkirche. Hinter dem Kirchturm rahmt das wildromantische Karwendelgebirge das alte Zentrum ein. „Scho amol a echtes Zirberl probiert?“ Samtweich schleicht sich der harzige Brand wärmend die Kehle hinunter während Schneeflocken auf die kalte Nase rieseln. Das besondere „Tröpferl“ von den saftigen Zapfen des Zirbenbaums ist ebenso eine regionale Spezialität wie das „Kiachl“ (Krapfen) mit Sauerkraut und Preiselbeeren oder die deftige Graupensuppe mit Bauchfleisch.

In der Schlossergasse 11 quietschen die Geigen. Mit sieben Jahren begann Meister Arnold Posch die Geige zu streichen. Heute baut, repariert und verleiht er in seiner Werkstatt Instrumente und spricht mit Gästen über sein Handwerk, Musik, Tiroler Traditionen und Geschichte. Für seine Vergangenheit will sich die ehemalige wohlhabende Salinenstadt nun mit dem Titel „Weltkulturerbe“ adeln lassen. Die in Hall noch praktizierten Handwerkskünste, die Altstadt und das einst die ganze Welt prägende Münzwesen sollen die Juroren im kommenden Jahr überzeugen.

 In seiner Werkstatt lässt sich Geigenbauer Arnold Posch gerne über die Schulter sehen.
In seiner Werkstatt lässt sich Geigenbauer Arnold Posch gerne über die Schulter sehen. Foto: Manfred Lädtke
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Gegenüber dem alten Zentrum befindet sich in der Burg Hasegg die Wiege des Talers und des heutigen Dollars. Von Ende des 15. Jahrhunderts bis 1809 wurden in Hall rund 17 Millionen Maria-Theresia-Taler produziert. Super, dachte sich damals Erzherzog Ferdinand II. Der eitle Geck nutzte die Geldstücke als PR-Plattform um sich mit allerlei modischem Schnickschnack von seiner vermeintlich besten Seite zu zeigen. Absoluter Renner bei den Superreichen war eine prächtige Silbermünze. Immerhin hatte dieser erste repräsentative Taler der Welt den Materialwert der Mitgift für eine Tochter aus höherem Hause. Aus dem südamerikanischen Namen „Talares“ leitete sich später „Dolares“ ab. Eine Entwicklung, die Touristikbroschüren jubeln lässt, in Hall sei der Dollar erfunden worden.

Im aussichtsreichen Münzturm steigen einige Museumsbesucher die Wendeltreppe hinauf. Unten in der Altstadt gehen auf dem Adventsmarkt die ersten Lichter an. „Nehmen Sie sich Zeit“, rät die Museumsbegleiterin. In der Foyer-Werkstatt sei gleich noch Gelegenheit, eine eigene Münze zu stanzen – als weihnachtliches Mitbringsel für die Lieben daheim.