Städtereisen Stockholm: Sehenswürdigkeiten in Schwedens Hauptstadt

Eine Städtereise nach Stockholm : Schwedisch Wasser

Stockholm im Frühling: In zwei Stunden Flugzeit erreicht man eine der schönsten Hauptstädte Europas. Selbst mit Baustellen gehen die schwedischen Stadtplaner kreativ um: Sie verlegen eine Fotoausstellung an Bretterwände.

Auch die schwedische Hauptstadt hat eine Königsallee. Dort heißt die Promenier-, Edel- und Angebermeile Strandvägen (auf Deutsch: Strandweg). Man erkennt sie schon aus der Ferne am momentweise aufbrandenden Lärm, weil die Fahrer dicker Schlitten, etwa einer Corvette Stingray in Knallorange, immer wieder um den Block fahren und vor der Ampel maximal beschleunigen, damit die jungen Schwedinnen vor und in den Bistros hellhörig werden und von ihren Drinks aufschauen. Ach ja, die Frühlingsgefühle.

Dieser Block im Stadtteil Östermalm ist überhaupt für seine Vollbremsungen berüchtigt, weil auf der Parallelstraße, der Väpnargatan (Knappenstraße), der königliche Hofstall liegt. Er ist für alle Transporte des Königshauses verantwortlich, auch die berittenen. So klackern beizeiten Knappen mit edlen Füchsen, die von Satteldecken gewärmt werden, hoheitsvoll auf die Stallungen zu, und wenn die Corvette nun über Väpnargatan und Artillerigatan lautstark wieder Richtung Strandvägen unterwegs ist, kommt es zur Begegnung von Reiter und Pferd, Pilot und Maschine, bei der alle Beteiligten gute Nerven brauchen.

Andererseits sind des Königs Pferde einiges gewöhnt, weil in der schwedischen Hauptstadt alles sehr eng beieinander liegt, man kommt ja immer und unweigerlich an irgendwelchen altertümlichen royalen Bauwerken vorbei, die aber in Stockholm überhaupt keinen Staat und kein Gewese machen. Außerdem heißt fast alles irgendwie „kungliga“, also königlich. Dieses Etikett schwindelt natürlich ein wenig, denn an der „Royal Canal Tour“ ist alles wunderbar, aber überhaupt nichts königlich. Man fährt für 207 Kronen (umgerechnet knapp 20 Euro) durch die Schären, am lieblichen Nationalpark Djurgarden vorbei, passiert natürlich auch die Schönen von Strandvägen, bald sieht man links das Wohnhaus des Roxette-Sängers Per Gessle, blickt zum Abba-Museum hinüber, wo man neuerdings sogar Karaoke mit Tonaufnahme machen kann, bestaunt dann auch einen Kran an einem Binnenhafen, der nach Art einer Giraffe bemalt ist.

Stockholm erwacht in diesen Tagen aus dem Winterschlaf, was man nicht nur an Strandvägen und an der Kürze der Röcke spürt. Allenthalben herrscht ein fast mediterraner Geist. Hat es wirklich wenige Tage zuvor noch geschneit? Kaum zu glauben. Alle krempeln ihre Ärmel hoch, pinseln ihre Häuser an (oder staunen, dass die Farbe aus dem Vorjahr gehalten hat). Die Stadt ist ja eine sehr mobile Gesellschaft, die gelernt hat, mit ihren Defiziten und Löchern phantasievoll umzugehen. So gibt es derzeit zwischen der Altstadt Gamla Stan und dem Stadtteil Södermalm eine geradezu erdverschlingende Baustelle, die den öffentlichen Autoverkehr erheblich einschränkt. Für Fußgänger ist sie aber ganz pittoresk, weil die Holzwände der Baustelle derzeit vom Fotografiska, dem nahen Fotografie-Museum, für eine entzückende Ausstellung von Tier- und Naturbildern genutzt werden, die an die Berliner East Side Gallery erinnert. Man muss beim Gehen nur aufpassen, dass man nicht gegen eine Laterne rennt.

In Stockholm wird auch überall gesungen, was gewiss daran liegt, dass die Schweden eine grandiose Laienchorkultur besitzen und beim European Song Contest fortwährend an der Spitze liegen. Das Lied als solches ist in der Stadt ja auch allgegenwärtig, am erhabensten natürlich in der lichtleichten Statue „Das Lied“ von Carl Eldh, die im Garten des Rathauses steht. Und wer nicht selbst singt, bekommt etwas vorgesungen. Sogar auf der Toilette des Nobel-Museums (ebenfalls auf der Altstadt-Insel Gamla Stan) wird gesungen, allerdings sind es Töne aus einem Lautsprecher, bei denen man nachdenklich wird: Es sind hymnische Gospel im Rahmen einer Ausstellung zu Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, die inbrünstig nach Freiheit rufen.

Gesungen wird an einem Abend im April auch in der Berwaldhalle, dem Konzertsaal von Sveriges Radio. Dort trat der Schwedische Rundfunkchor auf, der nach dem Urteil von Fachleuten zu den besten Chören der Welt zu zählen ist. Im jüngsten Konzert mussten die Schweden ihre Stimmen zu Instrumenten verwandeln. Mit der Liedermacherin Ane Brun erkundeten sie depressive Klangwelten zwischen Monteverdi und Björk, und den Arrangements von Hans Ek entströmten lauter Spezialanforderungen: Klavierakkorde für den Männerchor, ein Saxofonsolo für den Sopran, Bläser-Riffs im gespreizten A-cappella-Sound – der Chor als Orchester. Also unendlich viel mehr als das Schubidu eines Background-Quartetts.

Bei der Probe des Chores im berühmten Studio 2 von Sveriges Radio musste man genau hinschauen, wollte man den Chor zwischen den anderen Musikern entdecken. Das war der Plan: alle eins. Beim Konzert in der Berwaldhalle stand der Chor aus Höflichkeit ab und zu auf, man will sich ja nicht verstecken. Und als am Ende ein Lamento von Henry Purcell den Konzertsaal schier mit Trauerflor versah, glückte dem Rundfunkchor eine melancholische Süße, dass man den Atem anhielt. Jedes Alte-Musik-Spezialensemble von London bis Paris kann von einem solchen körperreichen Klang, der zugleich in die Zone des Sphärischen vordringt, nur träumen.

Derlei Konzerte sind Sättigung und Beseelung in einem, und wem später nach irdischen Wohltaten zumute ist, der fürchtet womöglich die angeblich astronomischen Preise in Stockholmer Restaurants. Nun, die Dinge halten sich im Rahmen. Auf der Linnégatan (ebenfalls in Södermalm) wird man in diversen Gaststätten bestens bedient; sogar ein winziges, aber fabelhaftes thailändisches Restaurant namens „Sabai Soong“ ist darunter, bei dem eine Frische auf den Teller kommt, die man nicht erwarten konnte. In den meisten Stockholmer Gaststätten wird übrigens auf Musik-Berieselung verzichtet, ein wohltuender Faktor beim Genießen.

Wir Rheinländer haben zu Stockholm selbstverständlich eine innige Beziehung, denn Königin Silvia von Schweden hat 1963 am Luisen-Gymnasium in Düsseldorf ihr Abitur abgelegt. Spricht man jüngere und ältere Stockholmer auf ihre Drottning (schwedisch für Königin) an, so sieht man in entspannte und lächelnde Gesichter: Silvia wird im Land sehr verehrt – sie sei zurückhaltend, offen, betreibe keinen Pomp und habe ein Herz für die Menschen. Das hört man natürlich gern. Als Autor einer Düsseldorfer Zeitung wird man von schwedischen Royalisten besonders zuvorkommend behandelt.

Selbstverständlich kommt man an einer kleinen Schiffsreise nach Drottningholm nicht vorbei, doch sollte man sich auch im Stockholmer Frühling gemäß dem Zwiebelprinzip warm anziehen. Denn kaum hat man von Klara Mälarstrand abgelegt, der Bootsanlegestelle der M/S Prins Carl Philip, pustet einem der Fahrtwind um die Ohren. Doch sobald das Slott (Schloss) in Sicht kommt, nimmt der Kapitän die Knoten raus und lässt die Fähre treiben. Nun atmet alles Gelassenheit, Weitläufigkeit, Ruhe, eher leise Pracht; kein Wunder, dass Königin Silvia sehr gern hier draußen lebt. Man selbst fühlt sich wie der Titelheld einer Oper von Giuseppe Verdi: „König für einen Tag“.

Am Abend fühlt man sich eher nach einem Titel von Peter Maffay: „Über sieben Brücken musst du gehen“. Erstaunter Blick auf die Gesundheitsdaten des Smartphones: Unbemerkt sind wir an einem einzigen Tag 16 Kilometer gegangen. Dabei befanden wir uns dauernd auf einem Schiff oder in der U-Bahn! An den folgenden Tagen wird sich dieser Wert nicht verändern. Ja, die Stadt mit ihren Inseln hält einen jung. Außerdem muss man ja auch ab und zu königlichen Pferden ausweichen.

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