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Städtereisen Madrid - Das heimliche Kulturzentrum

Städtereisen : Madrid das heimliche Kulturzentrum Spaniens

Die spanische Hauptstadt Madrid steht im touristischen Windschatten von Barcelona. Zu Unrecht, denn neben den wohl bedeutendsten Kunstmuseen der iberischen Halbinsel lockt vor allem die Tapas-Kultur zahlreiche Besucher an.

Mittagspause in Spanien. Im "Mercado de San Miguel" herrscht dichtes Gedränge. Büroangestellte im Anzug schieben sich von Vitrine zu Vitrine, wählen an einem Verkaufsstand einen herzhaften Fleisch-Happen, am nächsten ein Fisch-Toast. Weiter geht's mit etwas Süßem, dazu eine Copa, ein Glas Wein, das über die Theke gereicht wird. Leer ist es in der Markthalle nie. Besonders voll ist es aber während der Mittagspause. Jetzt ist die genau die richtige Zeit, um im Gedränge den spanischen Alltag hautnah zu erleben.

Vor ein paar Jahren hat sich die historische Markthalle in der Innenstadt Madrids in einen Naschmarkt verwandelt. Seither stehen in der Mitte dicht an dicht die Barhocker an langen Tischen. An den Ständen des äußeren Rings werden vor allem kleine Köstlichkeiten angeboten, die direkt in der Markthalle verzehrt werden: gefüllte Oliven, eingelegte Paprika und Pilze, Mini-Brote, fantasievoll belegt mit Fisch, delikatem Jabugo-Schinken und pikanter Chorizo-Salami.

Schon beim Flanieren läuft dem Besucher das Wasser im Munde zusammen - eine vergleichbare Vielfalt ist selten zu finden. Schließlich vereinen sich in der Madrilenischen Küche Einflüsse aus allen Teilen Spaniens. Über den Ursprung der Tapas-Kultur gibt es mehrere Theorien. Im Mittelalter soll ein spanischer König ein Gesetz erlassen haben, dass kein Getränk ohne etwas zu Essen serviert werden durfte, damit seine Soldaten etwas Handfestes in den Magen bekamen. Andere sagen, die Wirte hätten eine Scheibe Wurst, Schinken oder Käse über das Glas Bier gelegt, damit sich kein Ungeziefer hinein verirrt. Das klingt logisch, heißt "tapa" doch übersetzt "Deckel".

Doch über die blanke Scheibe Schinken oder Salami gehen die Tapas in Madrid weit hinaus. Die Wirte wetteifern um die kreativste Variante, türmen dekorative Kunstwerke auf kleinen Scheiben Weißbrot, Zwieback oder Cracker und kitzeln den Gaumen mit unbekannten Geschmacks-kombinationen: Quitten-Gelee auf Manchego-Käse, Thunfisch-Paste mit Kaviar, ein Tüpfelchen Kräuter-Senf-Sauce auf Lachs, eingelegte Paprika auf Chorizo, frittierte Sardinen mit einem Klecks Kräuter-Aioli.

"Tapas sind die Basis der spanischen Küche", sagt Christine Giesen, die seit 26 Jahren in Madrid lebt. "Sie dienten in Spanien lange Zeit nur als Vorspeise, die meist in Kneipen serviert wird, bevor man ins echte Restaurant umzieht oder sich dem Hauptgang widmet." Das habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Was aber in den spanischen Restaurants in Deutschland an Tapas angeboten werde, komme oft nicht an die Qualität der Madrilenischen Tapas heran. "Hier legen selbst die Wirte einfacher Kneipen Wert auf eine gute Scheibe Bellota-Schinken und guten Käse." Und obwohl die einzelne Portion eher übersichtlich ist: "Wer verschiedene Tapas isst, der wird schneller satt als ihm lieb ist", sagt Giesen.

13 Michelin-Sterne haben sich die Restaurants der spanischen Hauptstadt erkocht, und selbst die Sterneköche beteiligen sich am inoffiziellen Wettbewerb um die außergewöhnlichsten Tapas. Beispielsweise das Restaurant "Vi Cool" - ausgesprochen wie das englische "be cool". Dort lässt der gebürtige Katalane Sergi Arola seine würzigen Fleischbällchen in ein Ziegenkäse-Fondue tauchen, und zum honiggetränkten Manchego-Käse serviert er geraspelte weiße Trüffel.

Im In-Viertel Chueca hat kürzlich das Restaurant "Perrito Falderog" eröffnet. Was übersetzt "Unter dem Rock der Damen schnüffelnder Hund" bedeutet, hat seinen Ruhm allerdings nicht seinen exzellenten Tapas zu verdanken. Die Küchenmannschaft bereitet den qualitativ hochwertigsten Hot Dog der Stadt zu - von Fast Food keine Spur bei hausgemachter Wurst und Bio-Gemüse. Unter den Saucen gibt es auch mehrere Sorten Düsseldorfer Löwensenf.

Wer nach dem Essen einen Verdauungsdrink braucht, der kann eine Stippvisite im zentral gelegenen Hotel Ritz einlegen. Aus Martini, Cointreau, Wodka und Kirschmark schütteln die Barkeeper die eigene Cocktail-Kreation "Dalitini". Der Cocktail wurde benannt nach dem spanischen Maler Salvador Dalí, der im Ritz den ersten Cocktail seines Lebens getrunken haben soll. Und danach warten wieder die Tapas.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Madrid: Ein Besuch in Spaniens Hauptstadt

(RP)