Surrealismus in Nordspanien Dalí-Museum – Wie ein Fiebertraum

Figueres · Eier auf dem Dach, Brötchen an der Wand: Das Theater-Museum Dalí im nordspanischen Figueres ist das größte surrealistische Objekt der Welt.

Das Theater-Museum Dalí in Figueres ist ist ein Meisterwerk des Surrealismus.

Das Theater-Museum Dalí in Figueres ist ist ein Meisterwerk des Surrealismus.

Foto: Ekkehart Eichler

Ein knallrot-wulstiges Sofa, mitten im Raum. An der Wand dahinter zwei impressionistische Ansichten von Paris über einem seltsam gebeulten orange-gelben Möbel. Die gute alte Preisfrage, was der Künstler damit sagen will, findet zunächst keine befriedigende Antwort. Erst wenn man eine kleine Treppe besteigt und durch eine voluminöse Linse auf das Ensemble schaut, löst sich das Rätsel auf ebenso verblüffende wie bestechende Weise.

Die merkwürdige Apartment-Installation nämlich entpuppt sich als Gesicht. Nicht irgendein x-beliebiges – es ist das Antlitz der Hollywood-Diva Mae West. Mit dem Sofa als unwiderstehlichen Lippen und dem Regal als kecke Nase. Mit den Bildern als schmachtende Augen. Die goldblonde Haarpracht liefert einen Vorhang, der vor der Optik drapiert wurde. Ein faszinierendes 3-D-Arrangement, dessen Vorlage Dalís Porträt der Sex-Bombe aus den Dreißigerjahren war. Darauf muss man erst einmal kommen.

Noch einen Zacken schärfer und ausgefallener: Das Bildnis der nackten Gala, die das Meer betrachtet. Schon als Montage eine zauberhafte Arbeit aus dem Jahr 1976, doch der eigentliche Clou ist ein gänzlich unerwarteter Effekt: Aus 18 Metern Entfernung nämlich blickt plötzlich US-Präsident Abraham Lincoln von der Wand in den Kuppelsaal. Absolut irre! Ungläubiges Staunen. Abgrundtiefe Verblüffung.

 Das Gesicht der Mae West, das man als Apartment benutzen kann, ist eine der faszinierenden Installationen im Museum.

Das Gesicht der Mae West, das man als Apartment benutzen kann, ist eine der faszinierenden Installationen im Museum.

Foto: Ekkehart Eichler

Tiefer Respekt. Grenzenlose Bewunderung. In diesen Kreislauf der Empfindungen geraten die meisten, wenn sie zum ersten Mal und mit wachen Sinnen das Teatro-Museo in Figueres erkunden; in dieser nordspanischen Stadt unweit der Costa Brava wurde Salvador Dalí 1904 geboren, und hier verstarb er auch 85 Jahre später.

Ein Bauwerk mit gigantischen Eiern auf Dach und Turm, mit Brötchen-Reliefs auf der dunkelroten Fassade und mit einer spektakulären Kuppel, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Vergoldete Art-déco-Schaufensterpuppen begrüßen die Besucher im Innenhof, in dessen Zentrum die größte surrealistische Installation der Welt steht.

„Ich möchte, dass mein Museum ein großes surrealistisches Objekt wird, in dem die Leute das Gefühl haben, einen theatralischen Traum gehabt zu haben“ – nicht mehr und nicht weniger hatte der nach Pablo Picasso wohl berühmteste Künstler des 20. Jahrhunderts im Sinn, als er 1970 mit dem Um- und Ausbau des alten Theaters seiner Heimatstadt begann. 1974 eröffnet, wurde das Gesamtkunstwerk schnell überaus populär – nach dem Prado ist es Spaniens meistbesuchtes Museum.

Wie nirgendwo sonst manifestieren sich in diesem Symboltheater Leben, Schaffen und Sterben Dalís. Und: Mag der Spanier ein extremer Exzentriker und Exhibitionist gewesen sein; mag er sein Leben ungeniert für die Öffentlichkeit inszeniert und sich ohne jeden Skrupel als Superstar der Kunstszene verkauft haben. Mag er die Klatschspalten beglückt haben mit seinen sexuellen Vorlieben und der skandalbehafteten Beziehung zu seiner Muse Gala; mag die Nachwelt noch immer grübeln, ob er nun ein Genie oder ein Neurotiker gewesen sei; mag man viele seiner unterbewussten Botschaften und verstörenden Schöpfungen nach wie vor nicht dechiffrieren können – eines aber wird in Figueres unmissverständlich klar: Als Künstler war der Mann ein Gigant.

Hier finden sich etliche der surrealen Ikonen, für die Dalí zum Synonym geworden ist. Die retrospektive Frauenbüste von 1933 zum Beispiel: eine Porzellanfigur mit einem Trickfilmstreifen als Halsband und Maiskolben über den Schultern. Ameisen laufen über ihr Gesicht und als Hut dient ein riesiges Baguette, auf dem sich Tintenfässer mit Figuren befinden.

Oder Dalís Picasso-Porträt von 1947. Ein scheußliches Wesen mit hängenden Brüsten, Ziegengehörn und Felsbrocken auf dem Kopf. Aus dem Gehirn wächst ihm ein langer Löffel, den die Zunge in den Raum schleudert wie ein Tentakel. Auf dem Löffel liegt eine Mandoline, auf dem Büstensockel eine rote Nelke. Das Ganze ist eine Allegorie auf das Werk Picassos; ob aber nun eine eigenwillige Hommage oder eine bizarre Attacke – das wird für immer Dalís Geheimnis bleiben.

Auf fünf Ebenen reihen sich Werke aus allen Schaffensphasen des Genies an – und übereinander. Ohne jede chronologische noch thematische Ordnung – nichts soll die aufs Theatralische gerichtete Wirkung stören. Neben den fantastischen Gemälden, Skulpturen und Objekten besteht eine der größten Überraschungen in der Erkenntnis, dass Dalí auch ein exzellenter Grafiker war. Die zwölf Farbradierungen zu Cervantes „Don Quijote“ zum Beispiel sind jede für sich ein kleines Wunderwerk und zeigen Dalí auf der Höhe seiner künstlerischen Meisterschaft. Am Ende jedenfalls fragt man sich, was man mehr bewundern soll: Dalís surrealistischen Erfindungsreichtum oder die grafische Virtuosität und technische Brillanz des Zeichners und Lithografen. Nicht zuletzt ist das Teatro-Museo auch ein Museum des Todes.

Hier nämlich liegt der große Meister einbalsamiert in der Krypta unter der Glaskuppel; den Körper umhüllt eine Tunika, die mit einer Krone und einem „D“ bestickt ist. „Bei seiner Vorliebe für Gottkönige, für die Welt der Pharaonen, war es nicht verwunderlich, dass er wünschte, so wie sie bei seinen Spielsachen zu werden und mit ihnen durch die Ewigkeit zu reisen“, schrieb die Zeitschrift La Vanguardia über den toten Dalí. Manch einer jedenfalls, der diesen Kultort in Figueres als Skeptiker betrat, hat ihn als glühender Fan wieder verlassen.

Wer ihn besucht, dem steht auf jeden Fall eine spannende Reise bevor. Unter anderem in die seelischen Tiefen und Untiefen einer Legende, von der Sigmund Freud 1938 sagte: „Nie sah ich jemanden, der so durch und durch Spanier war. Was für ein Fanatiker!“