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Rund um die Cestius-Pyramide befindet sich ein historischer Friedhof

Italien : Im Bannkreis der Pyramide

Der protestantische Friedhof rund um die Cestius-Pyramide in Rom ist eine Ruhestätte von Dichtern und Künstlern.

Vor dem Ausgang der Metrostation im Stadtteil Ostiense steht ein älterer Herr mit Safari-Panama und einem Stadtplan in der Hand und schaut sich verloren um. Auf der einen Seite die Porta San Paolo, auf der anderen die Cestius-Pyramide. Dazwischen tobt der allmorgendliche römische Verkehr. Plötzlich wedelt er mit der Hand in der Luft und ruft über die Fahrbahn hinweg, mit typisch englischem Akzent: „Cimitero tedesco, per favore“ – zum deutschen Friedhof, bitte!

Wir wollen in etwa in die gleiche Richtung und begleiten ihn ein Stück. Sichtlich erleichtert, erzählt er, dass er hauptsächlich nach Rom gekommen sei, um sich einen langjährigen Wunsch zu erfüllen: Das Grab von Percy Bysshe Shelley (1792-1822) auf dem „deutschen Friedhof“ zu besuchen. Der ruhmreiche Poet der englischen Romantik sei in Field Place, nur wenige Kilometer von seinem Heimatort Horsham im West Sussex, geboren. Er habe Shelleys Werke schon als Junge alle auswendig gekonnt. Er ist nicht der einzige Tourist, der die Stätte – meist als Abstecher vom üblichen Besuchsprogramm – besucht. Vor dem eher unauffälligen Eingang gibt es Parkplätze eigens für Busse, italienische Schulklassen eingeschlossen.

Viele Besucher halten diesen Friedhof, auch „a-katholischer“ oder „protestantischer Friedhof am Testaccio“ genannt, für den stimmungsvollsten der Welt. „Man könnte sich in den Tod verlieben, wenn man in einem so lieblichen Ort begraben wird“, hatte schon Shelley selbst anlässlich der Beerdigung seines Dichterfreundes John Keats 1821 geschrieben – ohne zu ahnen, dass er ein Jahr später selbst dort liegen würde. Er ertrank, mit nur 30 Jahren, im Golf von La Spezia. Keats (1795-1821), der als große Hoffnung der englischen Poeten galt, war wenige Monate vor seinem Tod – schon schwer an Tuberkulose erkrankt – in der vergeblichen Hoffnung nach Rom gekommen, dass das milde Klima ihn retten könnte. An die beiden Poeten erinnert das Keats-Shelley-Museum an der Spanischen Treppe.

Mit Romantik hat der Friedhof im seinem Ursprung jedoch wenig zu tun. Zur Zeit des Kirchenstaates durften Nicht-Katholiken nicht bei Tageslicht zu Grabe getragen wer- den. Die Beerdigungen fanden nachts bei Fackellicht statt. Man wollte verhindern, dass die römische Bevölkerung angesichts der protestantischen Kulthandlung in Aufruhr geriet und damit die Trauergäste vor Übergriffen schützen. Auf katholischen Friedhöfen war die Beisetzung von Nicht-Katholiken laut katholischem Kirchenrecht untersagt.

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Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der Boden, auf dem sich heute der Friedhof befindet, noch Teil der „Campagna“. Die Stadtbewohner besaßen dort Weinkeller und Weinlokale, in denen es laut und fröhlich, aber nicht immer sittlich zuging. Der erste, der an dieser Stätte begraben worden sein soll, war ein Student aus Oxford, der 1738, erst 25 Jahre alt, starb. 1803 wurde der erste der beiden Söhne des preußischen Gesandten Wilhelm von Humboldt in der Stille der Nacht an der Cestius-Pyramide beigesetzt. Nur vier Jahre später sein zweiter Sohn.

Der Friedhof, um den herum damals noch die Schafe weideten und der ständig größer wurde, war weder durch einen Zaun, noch eine Mauer abgegrenzt. Darüber hinaus gingen die ausgelassenen Vergnügungen am Testaccio weiter und ab und zu schändeten Fanatiker und Trunkenbolde die Grabstätten. Ein schützender Zaun wurde nicht erlaubt, um den Blick auf die Pyramide nicht zu beeinflussen, die im Jahr 12 vor Christus für den römischen Prätor Caius Cestius als Grabmal in nur 330 Tagen errichtet worden war. Erst Papst Leo XII. gestattete, wenigstens einen Graben um das Gelände zu ziehen, in den die anliegenden Bewohner gern tote Hunde und Katzen warfen, sodass er „Fossa dei cani“, Hundegraben, von den Römern genannt wurde. Die hohe Mauer, die den Friedhof heute umgibt, wurde vermutlich erst um 1875 gebaut.

Mit dem Aufkommen der Italiensehnsucht ab Mitte des 18. Jahrhunderts kamen zunehmend protestantische Nordeuropäer nach Rom, vor allem auch Dichter, Kunsthistoriker und Komponisten. Die, die während ihres Aufenthalts starben, wurden meistens auf dem nicht-katholischen Friedhof beigesetzt. Der Gang an den Grabsteinen vorbei ist eine wahre Reise durch die Geschichte. Angehörige, die die damals beschwerliche Reise nicht auf sich nehmen konnten, gaben teils kostspielige Denkmale in Auftrag: Marmor­engel die sich in Trauer über Grabsteine beugen, Elfen, die Blumen niederlegen. Kreuze waren nicht erlaubt. Der Architekt der Dresdner Oper, Gottfried Semper (1803-1879), Otto von Bülow (1827-1901) und der neoklassische englische Bildhauer John Gibson (1790-1866) liegen unter anderem hier – aber auch Goethes Sohn, der 1830 mit nur 40 Jahren in Rom starb. Die von seinem Vater entworfene Inschrift „Goethe filius patri antevertens obiit“, Goethe der Sohn dem Vater vorangehend, verzichtet auf die Nennung seines Namens. Noch im Tode blieb August nur der Sohn des Übervaters Goethe. Heute zählt der Friedhof circa 4000 Gräber. Zum Grundstück gehört auch eine kleine Kapelle.

Viele Besucher suchen auf dem Friedhof nach einem bestimmten Grab. Andere gehen über die mit weißen Kieseln bedeckten Pfade und lesen andächtig die vielen berühmten Namen. Hier und da liegen dekorativ dösende Katzen wie Grabwächter auf den Marmorplatten, genießen den Frieden oder schauen neugierig hinter einer Stele hervor. Es sind die „Gatti della piramide“, die Katzen der Pyramide. Sie werden von einem Verein umsorgt und in gute Hände vermittelt.