Kulturstadt Matera 2019: Ein Labyrinth aus Gassen, Höhlen und Felsenkirchen

Matera in Italien: Ein Labyrinth aus Gassen, Höhlen und Felsenkirchen

Balance-Akt zwischen Moderne und Mittelalter: 2019 wird Matera, die zweitgrößte Stadt der Basilikata, Europäische Kulturstadt.

Matera zu erleben, ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem gemütlichen Spaziergang vorstellt. Spätestens oben auf der Piazza Duomo wird dem Reisenden klar, was bevorstehen wird: ein Labyrinth aus Gassen, Höhlen, Felsenkirchen und winzigen Plätzen - in einem ständiges Auf und Ab auf einem blankpolierten Kopfsteinpflaster. Holprige Wege und Treppen enden plötzlich vor Eisengittern und verfallenen Mauern. Oder im Nirgendwo. Bis man endlich die Talmulde der "Sassi" erreicht.

"Sassi", die Steine, das sind der Sasso Caveoso und der Sasso Barisano, zwei Talmulden, die der Gravina-Fluss über die Jahrtausende in den weichen Kalkstein gewaschen hat. Bereits in der Altstadt sollen die natürlichen Höhlen von den Menschen der Gegend bewohnt gewesen sein. Der weiche Tuffstein erlaubte es, die vorgefundenen Unterkünfte tiefer auszubauen und die Höhlen mit dem abgetragenen Gestein zu verschließen. Im frühen Mittelalter vermehrte sich konstant die Zahl der Einsiedeleien. An die 150 Felsenkirchen zeugen noch heute von der Kultur des Höhlenle- bens. Bis durch die Ausdehnung der neuen Stadtviertel immer mehr Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten in den Grotten Unterschlupf suchten, in denen Malaria und Typhus grassierten. Und die Steine schließlich zum Höhlen-Slum verkamen.

Um das Areal davor zu bewahren, ein zweites Pompeji zu werden oder gar in die Hände skrupelloser Immobilienspekulanten zu geraten, wurde Ende der 1950er-Jahre eine historisch-umwelt-orientierte Vereinigung gegründet. Studenten brachten nach und nach Kulturveranstaltungen in die "Sassi", kleine Ausstellungs- und Theaterräume wurden eingerichtet. 1964 kam Pier Paolo Pasolini und drehte dort das "Matthäus-Evangelium". Sah es doch in der Höhlenstadt weitaus biblischer aus als im antiken Jerusalem. Ein paar Jahrzehnte später wählte auch Mel Gibson die Steine für seine "Passion Christi". Doch da hatte längst die Neubelebung der 1993 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhobenen Altstadt angefangen. In den 1980er-Jahren begann der Staat, Käufer und lokale Investoren mit günstigen Krediten und Subventionen in den geschmähten Stadtteil zu locken. Die Bedingung war, dass die Gebäude nach bestimmten Vorgaben saniert wurden. Restaurants, Läden und Hotels wurden eröffnet, Zisternen mit einem Touch antiker römischer Badekultur umfunktioniert.

Im Sextantio Le Grotte della Civita übernachten, ist Mittelalter pur. Das Mobiliar der 16 Höhlenräume wurde überwiegend in alten Häusern der Umgebung zusammengesucht. Die von Dorfhandwerkern hergestellten Holz- und Eisenbetten sind mit Leinenwäsche bezogen. Auf den rustikalen Waschbecken liegen handgefertigte Seifen aus Veilchenblüten und Olivenöl.

Der Höhlentourismus boomt. In manchen Restaurants ist in der Hauptreisezeit schon am Spätnachmittag kein Platz mehr frei. Inzwischen ist man jedoch nicht mehr ausschließlich auf Laufkundschaft angewiesen. Heute leben und arbeiten etwa 2200 Menschen wieder in den Steinen. In den einstigen Grottenkirchen duftet es nicht mehr nach Weihrauch, sondern nach Pizza alla Margherita oder gegrilltem Fisch. In der historischen Altstadt ist mittlerweile nicht nur jede Variante der süditalienischen Küche vertreten, sondern es gibt auch immer mehr Schnell-Imbisse, Eiscafés und Pubs. In der Stadtverwaltung ist man besorgt, dass die kommerziellen Aktivitäten künftig zum Hauptanziehungspunkt werden könnten. Mittelpunkt, heißt es, soll die spezielle Geschichte der Stadt sein und bleiben. Denn 2019 wird Matera - mit Plovdiv in Bulgarien - Europäische Kulturstadt sein.

(RP)