Island Von Mordor ins Auenland

Auf Island warten abseits der beliebten Ringstraße noch viele kaum besuchte Naturwunder vom jüngsten Vulkan bis zu einem versteckten Tal.

Der Wasserfall Háifoss sieht aus wie gemalt.

Der Wasserfall Háifoss sieht aus wie gemalt.

Foto: Martin Wein

Das „schöne Tal“ Fagradalsfjall auf Island liegt Luftlinie keine 20 Kilometer vom Internationalen Flughafen in Keflavik entfernt. Weil Basaltberge den Weg versperren, muss man einen Umweg über das Fischerdorf Grindavik nehmen. Kurz dahinter zweigt links eine Sandpiste von der Landstraße 427 ab. Einige weite Schwünge später endet sie an einem ungeteerten Parkplatz mit einigen Dixieklos, für den man online eine Gebühr bezahlen soll. Wenige Fußmeter weiter endet die Lavazunge des jüngsten Vulkanausbruchs auf Island.

Ein halbes Jahr lang hat der Fagradalsfjall-Vulkan 2021 zeitweise bis zu zehn Kubikmeter neues Gestein aus dem Erdmantel gefördert und damit die karge Landschaft weiträumig verändert. Seit 3. August 2022 ist er wieder aktiv. Verschiedene Unternehmen bieten mehrmals am Tag rund vierstündige Wandertouren bis in die Nähe der Eruptionsspalte im Geldingdalur an. Das ganze Ausmaß der Eruption lässt sich hingegen erst ermessen, wenn man in Serpentinen dem eigens angelegten Wanderweg auf einen älteren Hang hinauf folgt. Aufziehender Sturm reißt an der Kapuze. Am Wegrand stehen in regelmäßigem Abstand Warnleuchten. Am Ende wartet der Aussichtspunkt Stóri Hrútur gut 350 Meter über Meereshöhe mit einem 360-Grad-Blick auf das fünf Kilometer breite und dreimal so lange Lavafeld. „Tourist eruption“ nennen Isländer das Spektakel, weil es so verkehrsgünstig liegt, aber kaum bewohntes Gebiet trifft. „Wir konnten es 2021 in Reykjavik aus dem Wohnzimmerfenster sehen“, sagt Jens Ruminy, der seit Jahren mit einer Isländerin in der Inselhauptstadt lebt.

Entwickelt sich die Ausbruchsstelle in diesen Tagen wieder zu einem wahren Hotspot für den Inseltourismus, so findet man andernorts noch immer die Ruhe in der Natur, die eine Island-Reise eigentlich ausmacht. Zwar hat sich Island im vergangenen Jahrzehnt zu einem echten Trendziel für Naturliebhaber entwickelt. 2019 landeten rund zwei Millionen Touristen in Keflavik. Die meisten aber bleiben in der Nähe der Hauptstadt oder drehen in acht oder zehn Tagen eine schnelle Runde auf der durchgängig asphaltierten Ringstraße 1 mit ihren bekannten Sehenswürdigkeiten wie den Basaltstränden im Süden oder der Gletscherlagune Jökulsárlón mit ihren Eisbergen.

Wer die Einsamkeit möglichst ohne Verbotsschilder sucht, der findet sie immer noch abseits dieser bevölkerten Route. Man muss dabei nicht auf die in Island so beliebten riesigen Superjeeps zurückgreifen. Jens Ruminy steuert seinen wendigen Sprinter vor der Stadt Hella von der Ringstraße ins Hinterland des Vulkans Hekla. „Die Hekla kann jederzeit ohne Vorwarnung ausbrechen“, warnt eine SMS. Die schickt der isländische Zivilschutz jedem, der in die entsprechenden Funkzellen fährt. Der nächste Ausbruch ist schon einige Jahre überfällig. Jens Ruminy aber bleibt gelassen.

Durch den Ausbruch des Fagradalsfjall-Vulkans 2021 ist ein neues Lavafeld entstanden, das die Landschaft verändert hat.

Durch den Ausbruch des Fagradalsfjall-Vulkans 2021 ist ein neues Lavafeld entstanden, das die Landschaft verändert hat.

Foto: Martin Wein

Irgendwann wird die Route 26 zur Piste F26 durch die gefürchtete Sprengisandur. Das erste Stück ist auch für vorsichtige Fahrer noch ohne Geländewagen zu schaffen. Vor dem mächtigen Burfell-Vulkan stürzt der Pjorsa-Fluss weiß schäumend über eine Felskante. Wenige Kilometer flussaufwärts liegt ein dreieckiger Felsen im Wasser, den ein wütendes Trollweib hierher geschmissen haben soll. Von einer Anhöhe hat man schließlich bis zum Horizont freien Blick auf das gänzlich unbesiedelte Hochland. Nur die Ruinen einer Arbeiterbaracke für einen Staudammbau scheppern noch im Wind. Selbst Mitte Juni liegt in den windgeschützten Kuhlen noch Schnee. Die Trolle, wenn es sie gibt, haben hier noch gänzlich freie Bahn.

Umso erstaunlicher sind die Erlebnisse auf der Rückfahrt über die Landstraße 32. Ein Nebenfluss der Pjorsa rauscht ein Stück oberhalb der Straße in zwei benachbarten Kaskaden über eine 122 Meter hohe Stufe zu Tal. Als die Sonne für Augenblicke zwischen den dunklen Wolken hindurch scheint, bildet der Haifoss gleich zwei spektakuläre Regenbogen. Obwohl der dritthöchste Wasserfall des Landes etliche Standard-Fotostops auf der üblichen Island-Umrundung locker in den Schatten stellt, kommt noch fast niemand hierher. Selbst Jens war hier noch nicht.

Dafür aber die Wikinger, die ein paar Kilometer südwestlich in Stöng ein großes Gehöft betrieben. 1104 wurde es bei einem Ausbruch der Hekla von Asche verschüttet und erst 1939 von Archäologen wieder freigelegt. Mittlerweile kann man in drei nachgebauten Häusern aus Baumstämmen und Grassoden nachvollziehen, wie die Nordmänner vor 1100 Jahren lebten. Die eigentlichen Ruinen sind unter einem roten Schutzdach zu sehen. Wenn das Wetter mitspielt, sollte man indessen rund 20 Minuten weiterwandern. Unvermittelt taucht der Weg dann aus einer grauen Felswüste, die locker Tolkiens „Mordor“ aus „Herr der Ringe“ sein könnte, hinab in ein geschütztes Paradies wie das „Auenland“. Das sattgrüne Gjain-Tal ist eine echte Oase. Butterblumen blühen an den Ufern des Rauda-Flusses, der sich in zahlreichen kleinen Kaskaden seinen Weg sucht. Überall plätschert Wasser. Zwischen den Zwergbirken tummeln sich Odinshühnchen und Goldregenpfeifer. Als dann am Abend die inzwischen nicht mehr ganz so geheime „Secret Lagoon“ mit ihrem auf angenehme 38 Grad und mehr beheizten Pool die vom Geschaukel müden Knochen wieder lockert, geht ein perfekter Tag zu Ende.

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