Hütten Urlaub in Norwegen auf Bulandet und in Voss

Hüttenferien in Norwegen : Hyttekos – Gemütlichkeit auf Norwegisch

Was einst urnorwegisches Kulturgut war, ist heute längst Touristenmagnet: die Hütte. Immer mehr Norweger vermieten ihren privaten Schatz als Ferienwohnung an Fremde – im luxuriösen Resort oder auf einer 250-Einwohner-Insel.

Wenn Ingrid Gillesøy nervös ist, geht sie auf den Holzsteg und dreht sich eine Zigarette. Dann steht sie da, blickt in die Weiten vor ihrer Haustür und raucht. Die Beine übereinander gekreuzt und die Arme verschränkt. Ingrid wohnt auf Bulandet, einer kleinen Fischer-Insel nordwestlich von Bergen. Fünf Mal am Tag legt hier die Fähre nach Askvoll an. Bulandet gehört zu dieser Gemeinde. Die Straße zum Anlageplatz wurde 2003 gebaut. Ansonsten gibt es keinen Anschluss zum Festland. Fünf befahrbare Brücken verbinden die 365 Fjorde von Bulandet miteinander. Es gibt dort eine Kirche, ein Kiosk, ein Café – und dutzende Ferienhäuser aus Holz. Ein paar davon betreibt Ingrid.

Auf den Holzsteg des alten Fischerhauses ihres Vaters geht Ingrid Gillesøy gerne rauchen – wie hier gewohnt farbenfroh. Foto: Julia Weise

Auf den ersten Blick passt Ingrid nicht auf diese beschauliche 250-Seelen-Insel. Lange schwarze Haare, dunkler Teint und eisblaue Augen, die sie gerne mit türkisfarbenem Lidstrich umrahmt, lassen sie geheimnisvoll wirken. Dazu trägt sie rosa-schimmernden Nagellack und kunterbunte Klamotten. „Die Leute haben vor vielen hundert Jahren hier draußen mitten im Atlantik gelebt. In diesen kleinen Hütten mit all dem Wind, jeden Tag waren sie nass und kalt. Sie müssen so zäh gewesen sein. Wir sind dagegen nur Miezekätzchen“, sagt Ingrid.

Gefangen in der Vergangenheit

Bulandet ist der westlichste Punkt Norwegens und lebt von der Fischindustrie. Weiter westlich liegen Shetland, Schottland und Grönland. Was friedlich und besonders zur Sommersonnenwende romantisch wirkt, ist für Ingrid eine Last. Denn in diesen rauen Wellen hat sie ihre halbe Familie verloren. Ihr Vater, ein Fischer, war mit ihrem Bruder auf hoher See als ein Unwetter aufkam. Beide starben. Damals lebte und arbeitete Ingrid noch in der Großstadt Bergen.

Westnorwegen auf einen Blick. Foto: Google maps/Julia Weise

Mit 51 Jahren zittert ihre Stimme immer noch, wenn sie darüber spricht. Das Fischerhaus ihres Vaters aus dem 20. Jahrhundert hat sie als Ferienhaus mit drei Wohnungen umfunktioniert. Alte Fotos und Arbeitsutensilien an den Wänden lassen sie täglich an ihren Vater denken. Aber es ist vor allem der Geruch, den die Gegenstände mit sich tragen. „Das Apartment riecht noch wie früher, ich liebe es. All die glücklichen Erinnerungen an mich und meinen Vater“, sagt Ingrid, lacht nervös und geht erst mal raus zum Rauchen. Neben dem Plumpsklo.

Die Zeit steht still

In einem von Ingrids Ferienhäusern hängt eine Uhr ohne Batterien. Darunter ist ein norwegischer Spruch zu lesen: Wenn ich eine Uhr wäre, würde ich von dieser geschäftigen Zeit anhalten und einfach nur sein. „Viele Gäste übernachten zwar hier, aber schwirren herum wie Fliegen. Das macht mich verrückt!“, sagt Ingrid. Entweder fahren sie mit einem Boot raus, machen Inselhüpfen, fischen oder wandern. Ingrid nennt das „speedy holidays“ (schneller Urlaub). „Sie sammeln Abenteuer anstatt zu entspannen. Dabei ist doch der einzige Grund hierher zu kommen, nicht ständig herumzulaufen“, sagt Ingrid.

Die Norweger haben dafür ein eigenes Wort: „Hyttekos“. Es bedeutet Rückzug und Gemütlichkeit in der eigenen Hütte – je älter und traditioneller sie ist, desto besser. Meistens ist sie seit Generationen in Familienbesitz und hat weder Strom noch Warmwasser. Die Norweger fahren nach der Arbeit und an Wochenenden dorthin, um zu entspannen oder an der Hütte zu werkeln. Unter dem Hashtag #hyttekos sind auf Instagram über 137.000 Beiträge zu finden. Es gibt sogar Heimwerker-Zeitschriften, die diesen Namen tragen. Hyttekos ist ein Lebensstil. Die Identität einer Nation.

Die Uhr in dem alten Fischerhaus von Ingrids Vater tickt. Für sie ist das kein Zeichen von Getriebensein. „Es bedeutet, dass die Dinge dauerhaft sind“, erklärt Ingrid.

Speedy Holidays

Etwa 200 Kilometer, zwei Fähren und 36 Straßentunnel von Bulandet entfernt liegt Voss. Eine Kommune mit 14.000 Einwohnern, umringt von Bergen und Fjorden – und Touristen. Die meisten von ihnen sind Niederländer. „Die Leute fragen heutzutage nicht mehr, wo du im Urlaub warst, sondern was du gemacht hast. Es ist die neue Urlaubs-Generation. Früher hieß es 'Wir waren in Norwegen', heute heißt es 'Wir waren Kajakfahren'“, sagt Brede Abbedissen.

Brede ist Manager im Voss Resort. Seit 1997 gibt es das Unternehmen, das luxuriöse Hütten mit Panoramablick als Ferienhäuser vermietet, eine Ski-Schule führt, Lifts und Gondeln verwaltet und eigene Restaurants und Cafés betreibt. Es ist ein Freizeit-Imperium inmitten der Natur mit viel Actionpotenzial: Skydiving und Paragliding im Sommer, Gletscherwanderungen und natürlich Skifahren im Winter.

Einmal im Jahr finden Events statt wie die Extreme Sports und der Norway Cup, ein nationales Fußballturnier mit 10.000 Kindern. „Wir sind so glücklich, dass alles so nah bei uns ist“, sagt Brede. Er trägt Turnschuhe, Jeans, eine Fließjacke und eine Brille. Sein Lächeln ist wach, aufgeweckt. Wenn niemand hinschaut, schiebt er sich ein Stück Tabak unter die Oberlippe und redet energisch weiter. Nikotin to go – für diejenigen, die sich keine Zeit nehmen, Zigaretten zu drehen und genüsslich zu rauchen.

Brede Abbedissen, Manager im Voss Resort. Foto: Julia Weise

Hüttenfelder mit Grasdächern

Für Abenteuer-Urlaube ist das Resort perfekt. Dazu besticht es durch trendiges Interieur mit High Speed Internet, Designer Möbeln, Sauna im Keller und Whirlpool auf der Veranda. Insgesamt 455 Apartments vermietet das Voss Resort. Je höher in den Bergen die Häuser stehen, desto größer und moderner sind sie. Und teurer. Im nächsten Jahr soll das Kontingent um 25 erweitert werden.

Das Resort kauft das Bauland von Bauern und setzt ein Holzhäuschen darauf; mit der Richtlinie von der Kommune, ein Grasdach anzulegen. „Wir verkaufen alle Wohnungen an Familien oder Unternehmen, wir besitzen nichts“, sagt Brede. „Niemand muss seine Hütte untervermieten, aber für diejenigen, die es wollen, übernehmen wir die Arbeit.“ So ein Schmuckstückchen kann zwischen 250.000 und drei Millionen Euro kosten. Ein teures Hobby; für ein paar Übernachtungen im Jahr.

Beschleunigen und entschleunigen

Brede ist in Voss aufgewachsen, er kennt die Menschen und das Land. Er steht hinter der Marke Voss Resort und treibt das Wachstum der Freizeit-Kommune mit Herzblut an. Morgens hat er zwei Meetings, dazwischen bringt er die Söhne zum Fußballtraining, dann fährt er wieder zurück zur Arbeit. Er schaut auf der Baustelle nach, ob die neue Gondel bis zur Eröffnung in einer Woche fertig wird. Sie soll das Resort künftig an den Kreuzfahrt-Markt anbinden.

In Voss ist immer etwas los, im Sommer wie im Winter. Nicht nur das Freizeit-Programm kann sich sehen lassen, die Natur bietet ihre eigene Show: satt grüne Nadelwälder, Rentierherden in den Bergspitzen, ein spiegelglatter See mit Tauschleier und ein quirliger Ort im Tal.

Die Aussicht von der Holzveranda ins Tal: Vor einem liegt die Hüttenarmee des Voss Resort, dahinter eine spektakuläre Kulisse aus See, Bergen und Wald. Foto: Julia Weise

Wenn Brede Ruhe sucht, fährt er mit seiner Familie in die eigene Holzhütte. Eine alte, traditionelle Hütte am Fjord – perfekt zum Angeln. Neben Skifahren ist das seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung. Einen Whirlpool hat er sich trotzdem dazu gekauft. Für etwas Luxus in urnorwegischer Gemütlichkeit.

Info: Diese Recherche war Teil des Reporterwettbewerbs „Talents2Norway“, zu dem unsere Autorin eingeladen wurde. Die Reise wurde unterstützt durch „Innovation Norway“.

(juw)
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