Frankreich: 75 Jahre nach dem D-Day - Auf Spurensuche in der Normandie

Frankreich : 75 Jahre nach dem D-Day - Auf Spurensuche in der Normandie

1944 landeten die Alliierten zu Zehntausenden in der Normandie, um Europa von der Naziherrschaft zu befreien. Die Spuren der schweren Kämpfe sind immer noch allgegenwärtig und bilden ein Gegensatz zur Idylle der malerischen Küstenlandschaft.

Sattgrüne Wiesen, Pferdekoppeln und Apfelbäume, deren Blüten im Frühling die leicht hügelige Landschaft mit einem rosa-weißen Farbteppich überziehen: Hiesville ist eine fast perfekte Idylle. Doch Gedenktafeln und Stele erinnern daran, dass das 70-Seelen-Dorf Schauplatz dramatischer Ereignisse war.

Über Hiesville an der französischen Kanalküste sprangen 1944 während der Nacht vom 5. auf den 6. Juni Hunderte amerikanischer Fallschirmspringer ab. Viele kamen im Feuerhagel der deutschen Artillerie um. „Bis zu 2000 US-Fallschirmspringer der 101. Airborne Division sollen über dem Dorf abgesprungen sein“, berichtet Daniel Briard. Der 74-Jährige ist Präsident der Vereinigung U.S. Normandie.

Briard hat maßgeblich an dem Rundweg in Hiesville mitgewirkt, der an den D-Day erinnert. Jenen 6. Juni vor 75 Jahren, an dem an der rund 110 Kilometer langen Küste der Normandie eine der größten Invasionsflotten aller Zeiten anrückte.

Mehr als 150.000 Soldaten, darunter Amerikaner, Briten, Kanadier, Polen und Franzosen, gingen an Land, um Europa vom Naziregime zu befreien. Über 130.000 Wehrpflichtige wurden von mehrere Tausend Landungsbooten an die Strände gebracht, die sich die Alliierten aufteilten.

Mehr als 5000 Briten und Franzosen landeten an den Küstenabschnitten Sword Beach und Gold Beach, über 20 000 Kanadier auf dem Juno-Beach und etwa 58.000 US-Wehrpflichtige an den Stränden Omaha und Utah.

Es habe „Paratrooper“ geregnet, erinnert sich die Bürgermeisterin von Hiesville, Agnès Bouffard, 68, an die Worte ihres Großvaters. Viele der Bewohner hätten sich aus ihren Häusern gewagt, um das Schauspiel zu sehen. Insgesamt sollen bis zu 23.000 Soldaten mit Fallschirmen über der Region abgesprungen sein.

Über Hiesville und Sainte-Mère-Église, sechs Kilometer weiter am Anfang der Halbinsel Cotentin gelegen, sprangen die ersten US-Fallschirmspringer der 101. Airborne Division ab. Viele landeten weitab von der ihnen ursprünglich zugewiesenen Zone, verirrten sich und verhedderten sich in Bäumen.

In Sainte-Mère-Église landeten einige mitten im Dorf, unter ihnen John Steele. Er blieb stundenlang auf dem Kirchendach hängen. In dem amerikanischen Film „Der längste Tag“ werden diese Ereignisse rekonstruiert. Seitdem ist der Ort weltberühmt und schlachtet die Erinnerungen mit Fallschirmspringer-Souvenirs kommerziell ungeniert aus. Steele hängt als Puppe auf dem Kirchendach.

In Hiesville erinnert man sich auf stillere Art an die Landung. Der Rundgang beginnt vor einer Stele, die dem Stabsoffizier Don F. Pratt gedenkt. „Er war der erste Generaloffizier der alliierten Streitkräfte, der sein Leben für die Befreiung Frankreichs gelassen hat“, ist darauf zu lesen. Das war am 6. Juni um 4 Uhr morgens.

Zusammen mit 52 Lastenseglern, die unter anderem Panzerabwehrkanonen und Jeeps transportierten, sollte der stellvertretende Kommandant der 101. Airborne Division bei Hiesville landen. Doch die Maschine konnte auf der von Morgentau feuchten Wiese nicht bremsen. Sie zerschellte an einem der Bäume, so wie viele von ihnen. Zusammen mit der 82. Airborne sollte Pratt die Strandzugänge zum Utah Beach sichern.

„Jedes Haus und jeder Maulwurfshügel kann ein Drama erzählen“, sagt Briad auf der Führung vorbei an herrschaftlichen Anwesen, die von den Alliierten in Hauptquartiere oder Notfallstationen umfunktioniert wurden. Wie „La Baumé“, heute ein Ferienhaus.

Das damalige Schloss Colombière diente als Divisionskrankenhaus - das erste Alliiertenkrankenhaus, das am 6. Juni den Betrieb aufnahm. Das Schloss gibt es heute nicht mehr, nur noch die beiden Nebengebäude. Es wurde von den Deutschen am 9. Juni kurz vor Mitternacht bombardiert. Trotz der Flagge des Roten Kreuzes.

Der Fluss der Verletztentransporte habe nicht abreißen wollen, man habe im Innenhof und auf den umliegenden Wiesen Notzelte aufstellen müssen, erzählt Briad. Die Geschichte wurde ihm von Überlebenden zugetragen. „Die Toten wurden gleich hier begraben.“ Der Franzose zeigt auf ein riesiges bearbeitetes Feld am Anfang der Zufahrt, die einst zum Schloss führte. Gleich daneben lagen die Deutschen.

Viele der amerikanischen Toten wurden später in Colleville-sur-Mer begraben, auf dem Abschnitt Omaha Beach. Mehr als 9000 perfekt aneinandergereihte weiße Grabkreuze erinnern daran, dass die amerikanischen Truppen hier herbe Verluste erlitten. Bloody Omaha wird der Strand deshalb auch genannt.

Deutsche Küstenbatterien, Militärfahrzeuge, Soldatenfriedhöfe, Bunker, Museen und Gedenkorte entlang des Küstenstreifens der Halbinsel Cotentin halten die Erinnerung an die Ereignisse vor 75 Jahren wach. Eines ist das Memorial in Montormel, das Museum der letzten Schlacht. Der Rundbau zwischen Chambois und Vimoutiers liegt auf dem Hügel Mont Ormel. Im 360-Grad-Modus schweift der Blick über eine liebliche Landschaft, in der eine der heftigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs stattfand.

In der Nacht vom 18. auf 19. August hatten 150.000 Alliierte rund 100.000 deutsche Soldaten im Kessel von Falaise eingeschlossen. Das sei ein wahres Massaker gewesen, erzählt der Direktor des Memorials, Stéphane Jonot, 48. Die Schlacht dauerte vier Tage. Mehr als 10.000 deutsche Wehrpflichtige wurden getötet, über 40.000 verletzt, 50.000 konnten über einen Feldweg fliehen.

„Mit Bulldozern mussten die Menschenkadaver und mehrere Tausend tote Soldatenpferde begraben werden“, sagt Jonot. Wie Zeitzeugen berichteten, habe der Verwesungsgestank Millionen von Fliegen angezogen, riesige schwarze Wolken in der Luft. „Noch heute werden hier menschliche Knochen gefunden.“

Die Schlacht am 21. August war die größte Niederlage der deutschen Wehrmacht. Sie ist zum Symbol für den Sieg im Westen geworden - und für den Beginn vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Nur wenige Tage später wurde Paris von der deutschen Besetzung befreit.

(felt/dpa)
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