Ein Besuch an den Drehorten des Klassikers Alexis Sorbas

Griechenland : Großes Kino auf Kreta

Ein Besuch an den Drehorten des weltberühmten Filmklassikers Alexis Sorbas. Wo heute Tavernen stehen und sich familienfreundliches Strandleben abspielt, ließ es Anthony Quinn vor 55 Jahren richtig krachen.

Unterwegs auf der Halbinsel Akrotiri, keine 20 Kilometer von Chania entfernt, einem der beliebtesten Ziele im Nordwesten Kretas. Eine letzte Kurve noch und dann leuchtet da unten die Lagune von Stavros. Die Häuser der gleichnamigen Siedlung brüten in der gleißenden Mittagssonne. Kein richtiges Dorf, nur ein paar Tavernen, ein Kirchlein, ein breiter Strand, auf dem ein roter Sonnenschirm ein recht überschaubares Badeleben markiert. Und gegenüber, dunkel und abweisend, jener baumlose Berg, den Millionen Menschen auf der ganzen Welt schon einmal gesehen haben, auf dem Bildschirm, auf der Leinwand.

Vor 55 Jahren hat Stavros Filmgeschichte geschrieben und Musikgeschichte, ohne dass sein Name je berühmt geworden wäre. Der Ort und der Berg waren die Kulisse zum Film Alexis Sorbas, jener kongenialen Umsetzung des Romans von Nikos Kazantzakis. Der große Mikis Theodorakis hat die Sirtaki-Klänge geliefert, die, kaum angespielt, fast jedem sofort in die Beine gehen. Ach, und Anthony Quinn in der Titelrolle, unvergleichlich hat er den Sorbas gespielt, diesen Chaoten, den man lieben muss.

Nein, er hat ihn nicht gespielt, er war Sorbas, sagt Peter Livaditakis, der Wirt der Taverne mit dem schönen Namen Mama’s Place. Er muss es wissen, denn er hat sie alle gekannt, Irene Pappas, im Film die schöne und unnahbare Witwe, Alan Bates, der anfangs so schüchterne und weltfremden Gelehrte Basil, Walter Lassally, der Kameramann, der ihm später über Jahrzehnte zum Freund und Nachbar wurde. Er, der einen Oscar für diese Arbeit bekam, hat lange in Stavros gelebt, wo er im Oktober 2017 im Alter von 91 Jahren verstarb.

Als 16-Jähriger hat Peter den Schauspielern und den vielen Helfern am Set Oliven gebracht und Souvlaki serviert, manchmal auch frischen Fisch, den sein Vater Georgios, eigentlich ein Schuhmacher, morgens in der Bucht von Stavros gefangen hatte. Peter, damals noch Petros, und seine Mutter Wassiliki, eine mütterlich-resolute Frau, waren für einen großen Teil der Verpflegung und damit für das Wohlbefinden und die Laune der Hollywoodstars zuständig: „Sie alle waren angenehme Leute, ohne Allüren, ohne Extrawünsche“, erzählt Peter, inzwischen 73 Jahre alt. Nach dem Tod der Mutter hat er ihr zu Ehren sein Restaurant am Ort des damaligen Geschehens „Mama’s Place“ genannt. Fotoschnipsel aus dem längst zum Klassiker gewordenen Streifen zieren heute die Speisekarte und die Wände seiner Taverne.

Die Statisten des Films, die Dörfler, wurden in Chania und in den kleinen Ortschaften auf Akrotiri angeworben. Jeden Morgen kamen sie mit dem Fahrrad aus allen Himmelsrichtungen zum Set, für ein Handgeld und eine gute Mahlzeit. Nur Quinn und einige andere Großdarsteller wohnten in Chanias seinerzeit einzigem Hotel, damals immerhin eine Autostunde entfernt. Aber auch dort, sagt Peter, „war der Komfort weit entfernt von dem unserer Tage“. Die Mönche, die im Film als mehr oder weniger kuriose Truppe auftreten, wurden im nahen Kloster Agia Triada zur Mitwirkung angeworben.

Grund genug, diesen riesigen Komplex aus dem 17. Jahrhundert zu besuchen, flächenmäßig halb so groß wie Düsseldorf. Olivenhaine, Weinberge und Zypressen rahmen das mächtige Vordergebäude ein, die stillen Innenhöfe wirken wie aus der Zeit gefallen. Bis in die achtziger Jahre lebten an die hundert frommer Männer im Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit, heute sind es noch drei, dafür aber einige Dutzend Katzen. Immerhin bringen ein Museumsshop und Weinverkostungen im Kellergewölbe etwas Leben und Geld, denn dort werden lokale Produkte an die Besucher verkauft, Öle, Seifen, Honig, Wein und natürlich Tsikoudia, wie der für Kreta so typische Raki heißt.

Peter Livaditakis war 1964 bei den Dreharbeiten zum Film Alexis Sorbas dabei. Foto: Bernd Schiller
Pilgerziel für Sorbas-Fans ist Zorbas Beach: Auf dem Plakat ist die ikonische Tanzszene am Schluss des Films zu sehen. Foto: Bernd Schiller

Zurück nach Stavros, zwanzig Minuten gemächlicher Fahrt. Es ist Abend geworden, ein samtweicher mediterraner Spätsommerabend. Sirtakiklänge wehen aus den Tavernen zum Strand. Wir schauen zur dunklen Silhouette des Berges hinüber und haben sofort wieder den Crash der Seilbahn vor Augen, jener Seilbahn, für die Sorbas dem Bücherwurm und Bergwerkserben das Geld abgeschwatzt hatte. „Hey Boss, hast du jemals gesehen, dass etwas so bildschön zusammenkracht...“ Und auf einmal lacht auch Basil, zieht seine Jacke aus, wirft sie in den Sand und bittet seinen Freund: „Lehre mich tanzen, Sorbas...“ Endlich hat er, der Intellektuelle, verstanden, was Leben heißt: Und sie tanzen den Sirtaki auf dem Strand, an dem sich heute die Urlauber und Ausflügler aus Chania vergnügen. Sie tanzen sich die Seele und was sonst noch alles aus dem Leib. Es ist ganz großes Kino, unvergesslich

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