Erholung in der Lüneburger Heide

Reisetipps für die Lüneburger Heide : Treiben lassen

Urlaub auch ohne Nervenkitzel: In der Lüneburger Heide kann man lange Kanutouren machen und nette Tiere erleben.

Hat ein Fluss in dem Moment, da er entspringt, eine Idee von seinem späteren Verlauf? Kann ein Fluss überhaupt denken?

Hat beispielsweise die Moldau an ihrer Quelle eine Ahnung, was ihr alles passieren wird? Eine bäuerliche Hochzeit, reizende Nixen, Stromschnellen, schwere Unwetter, majestätischer Anblick des Prager Burgwalls, am Ende die Mündung in die Elbe? Der Komponist Friedrich Smetana hat uns das als symphonische Dichtung ausgemalt, und wer sie hört, darf glauben, dass die Moldau eine träumende Seele hat – und Augen, die ans Ufer schauen. Der Schriftsteller Jean Cocteau hat sich die Enttäuschungen, die so ein Fluss im weiteren Verlauf erleben kann, in einem hinreißend lakonischen Satz ausgemalt: „Die meisten Quellen sind mit dem Flusslauf nicht einverstanden.“

Die Aller aber, die große Wasserader in der südlichen Lüneburger Heide, fließt unbesorgt. Sie kräuselt sich ein paar Mal an der Oberfläche, wenn sich aus dem Harz einige Schwermetalle in ihre Zuflüsse mischen. Die aber lagern sich als Sediment ab, sodass die Aller biologisch als kaum belastet gilt. Ein schöner, ruhiger Fluss durch Sachsen-Anhalt und vor allem durch Niedersachsen, der größte Wasserlieferant der Weser, in die sie mündet, 260 Kilometer lang, von eher beschaulicher Dynamik. Sie schaut auf saftige Wiesen, auf mächtige Bäume, auf ufernah grasende Tiere, auf acht Burgen, fünf Schlösser und den Dom zu Verden. Sie hat Zeit, sich mit der Umgebung zu beschäftigen, denn auf der Aller ist – das ist die Wahrheit – fast nichts los.

Sie ist der perfekte Ort, das Paddeln zu lernen. Die Aller nimmt keine Fahrt auf, anders als die Seeve oder die Luhe, kleinere Flüsse der Lüneburger Heide, die mit ihren lümmeligen Stromschnellen nur für geübte Kanuten geeignet sind. Die Aller leidet auch nicht unter Niedrigwasser wie die Örtze, einer ihrer Zuflüsse, die in harten Sommern an manchen Stellen sogar fast austrocknet und ohnedies so eng ist, dass man fortwährend mit Steinen oder herabhängenden Bäumen zu kämpfen hat. Die Aller lädt einen ein wie eine Mutter, die liebevoll das Badewasser einlaufen lässt. Michael Tholen sagt: „Sie können sogar die Paddel weglassen und sich einfach treiben lassen, es wird nichts passieren.“

Inspektion des Autodachs: Szene aus dem Serengeti-Park in Hodenhagen. Foto: Keller, Christiane

Tholen kennt sich aus auf der Aller, er betreibt die Kanu-Firma „Allerhorn“ und ist dieses Mal unser nautischer Lehrer. Die Überlebenshinweise im Fall des Kenterns nehmen wir dankbar auf. Angst haben wir trotzdem nicht, denn die Aller ist breit genug, dass man nicht fortwährend ein Ufer auf sich zukommen sieht. Und an vielen Stellen könnte man sogar stehen, ohne abzusaufen. Wir legen unsere Schwimmwesten an, verstauen die Wertsachen in wasserdicht verschließbaren Bottichen, klettern an Bord, koordinieren 25 Sekunden lang unsere Ruderschläge – und schon sind wir weg aus dem Strudel des Lebens und treiben dahin, wie durch eine andere Welt. Kaum kann man es einsamer haben in Deutschland.

Das Schöne ist natürlich zum einen das geradezu Greta-Thunberg-mäßige Wohlgefühl, dass wir als ökologische Mitdenker keinen Motor brauchen, um von Hambühren-Boye bis zur Schleuse nach Oldau zu gelangen, was jetzt keine Riesenentfernung ist. Andererseits ist es umweltpolitisch etwas bedenklich, dass wir uns mit Tholen und seinem Kanu-Fuhrpark auf Rädern am Ende der Strecke treffen, dort unseren Wagen parken, um uns dann von ihm zum Start bringen zu lassen. Aber dieses Problem der Leerfahrt hat jeder Anbieter, jeder Hobby-Kanute.

Umweltschonender ginge es nur, wenn wir am Ende der Strecke wendeten und flussaufwärts zurückführen. Geht das überhaupt? „Ja, das ist gar nicht so schwer, weil hier in der Südheide oft Westwind herrscht, den Sie dann retour im Rücken haben“, sagt Irmhild Siemering von der Firma „Kanu-Feeling“, die ebenfalls Fahrten auf Aller und Örtze anbietet. Sie hat eine Anlegestelle direkt am Celler Bahnhof, weswegen sie oft ganze Schulklassen etwa aus Hannover als Kunden hat. Für Kids ist Paddeln ein Riesenspaß, kommunikativ und sozialverträglich.

Unsereiner genießt eher das Phänomen des Lauschigen und Heimlichen, bewundert die völlig neuartige Perspektive, die die Lüneburger Heide vom Boot aus bietet. Sie ist von Natur aus ja diskret, weder Voralpenland noch Wattenregion, sie prunkt nicht mit Weinbergen, nicht mit langen Theken. Sie hat nichts als ihr ruhiges Wasser mit den erhabenen Spiegelungen der Birken und Wacholder, die die Sonne auf die Wasseroberfläche zaubert – daneben, am Ufer, gutmütig-mächtige Galloway-Rinder, zeternde Gänse, rosig äsende Pferde.

Du möchtest nicht mehr aufhören zu paddeln; das Wasser und du, ihr seid eine Einheit geworden, friedlich und freiheitsliebend. Nur einmal meldet sich Größeres zu Wort, wenn sich nämlich von hinten das Ausflugsschiff „Wappen von Celle“ heranschraubt. Der Kapitän kennt aber seine Kanuten, fährt auf der anderen Seite vom breiten Fluss, nimmt die Knoten raus, so dass man die Wasserverdrängung mit Wellengang am Bötchen kaum spürt. In den Augen der winkenden Passagiere sieht der Paddler blanken Neid.

Die Wacholderheide (l.) ist auch außerhalb der Blütezeit sehenswert. Foto: Keller, Christiane

Jetzt endlos weiterfahren! Wir könnten sogar fahren, bis wir laut Wikipedia Burg Hodenhagen sehen, aber das wäre eine vergebliche Suche, weil die Burg nämlich nur auf dem Papier existiert, im 13. Jahrhundert wurde sie dem Erdboden gleichgemacht. Heute befindet sich auf dem Gelände derer von Hodenberg eine ganz andere Attraktion: einer der größten Serengeti-Parks in Europa, ein großartiges Freigelände mit Löwen, Tigern, Panthern, Geparden, Affen, Giraffen, Zebras oder Elefanten, die man aus dem Auto, dem Bus oder dem offenen Jeep hautnah bestaunen kann. Für große und kleine Kinder ist die Reise zu den großen und kleinen Tieren ein tolles Geschenk. Bernhard Grzi­mek hat Hodenhagen damals mitgeplant, diese Liebe zum Geschöpf spürt man noch heute. Gleichwohl werden in Hodenhagen auch zirkushafte Attraktionen geboten, Themenwelten – und natürlich der unvermeidliche Streichelzoo.

Ja, die Lüneburger Heide empfiehlt sich als Luftkurort und Erlebnispark in einem. Menschen, die schon jeden anderen Nervenkitzel der Welt erlebt haben oder darauf keinen Wert legen, finden hier Ruhe und möglicherweise sich selbst. Der Natur so nah – das glückt in der Heide fast überall, am Lönsstein bei Hermannsburg oder in der Wacholderheide bei Faßberg. Es funktioniert hier allerdings deutlich gemächlicher, beinahe entschleunigt.

Die größte Entschleunigung gibt es auf der Aller. Man muss gar nicht rudern, nicht paddeln. Die Natur macht alles mit einem, man muss nur ein bisschen steuern, und es wird einem gutgehen dabei. Ganz sicher sind wir übrigens, dass die Aller mit ihrem Flusslauf hundertprozentig einverstanden ist.

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