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Die Schweizer Bergwelt: Bad Ragaz erleben

Schweiz : Unten Wasser, oben Heidi

In Bad Ragaz wird in der Therme seit 150 Jahren gesund gebadet. Johanna Spyri ließ sich von der Schweizer Bergwelt für ihre „Heidi“-Geschichte inspirieren.

Vor den roten, blauen und vio­letten Lichtern, die nach Einbruch der Dunkelheit geheimnisvoll aus der Tamina-Schlucht strahlen, hat niemand Angst. Im Gegenteil: Die Menschen verschwinden ganz furchtlos im Eingang der engen Felsspalte, um entlang des plätschernden Wassers der Thermalquelle die bunten Lichtinstallationen anzuschauen. Im 13. Jahrhundert, so erzählt es zumindest die Legende, kamen die Mönche des Klosters Pfäfers dagegen nicht auf den Gedanken, hineinzugehen. Wegen der Schwaden, die aus dem Dunkel herauswaberten, vermuteten sie schließlich, dass ein Drache darin wohnt. Erst als sich ein paar Jäger todesmutig hineintrauten, stellten sie fest: Dort lag kein feuerspeiendes Wesen zwischen den Felsen. Vielmehr sprudelte dort eine Quelle mit Wasser, das exakt angenehme 36,5 Grad hatte und rund drei Jahrhunderte später von Paracelsus eine besondere Qualität zugeschrieben bekam.

Nachdem Badegäste zunächst in Körben in die Schlucht heruntergelassen wurden, entstanden später einfache Badehäuser. Seit 150 Jahren aber wird das Wasser ins Tal nach Bad Ragaz geleitet, wo schon damals ein feines Hotel und ein Bad errichtet wurden.

Bis heute wird im „Grand Resort“ elegant residiert und in der dazugehörigen Tamina-Therme gesund gebadet – mit grandiosen Aussichten. Nicht nur vom Außenbecken und der großen Saunalandschaft, auch vom Hotel, dem Kurpark zwischen den Kunstskulpturen und dem beschaulichen Dorf Bad Ragaz mit rund 6000 Einwohnern, überall baut sich im Tal ein Bergpanorama auf. Vom Ort aus ist es nur eine kurze Fahrt mit der Gondelseilbahn, schon steigt man auf dem Pizol direkt in der Bergwelt einer Bilderbuchschweiz aus. Wiesen mit Gras und Kräutern im sattesten Grün, Kühe mit bimmelnden Glöckchen um den Hals, kleine Wäldchen und im Hintergrund immer die dramatische Felsschönheit der umliegenden Voralpen und der Churfirsten-Berge gleich gegenüber. Ganz unweigerlich läuft einem da Heidi mit dem Geißenpeter lachend durch die panoramischen Gedanken – und tatsächlich soll Schriftstellerin Johanna Spyri genau in dieser Gegend zu ihrem Romanklassiker von 1880 über das vielleicht berühmteste Schweizer Bergmädchen inspiriert worden sein.

Entsprechend begegnet man ihr immer wieder bei einer Reise in diese Region, der marketingwirksam in den 70ern der Name Heidiland verpasst wurde. Auch auf dem knapp 3000 Meter hoch gelegenen Pizol-Massiv ist Heidi ein kinderwagentauglicher Wanderweg gewidmet: Entlang des rund fünf Kilometer langen Rundwegs bis zur Alp Schwarzbüel stehen zwischen Hängemattenpause und Barfußweg zahlreiche Holzziegen mit Infoblättern über die Geschichte zum Roman. Von dort aus liegen das im Buch erwähnte Dorf Maienfeld und Heidi-Dorf in Sichtweite – und doch auf der anderen Seite des Tals in der Bündner Herrschaft, die sich auf einem Tagesausflug problemlos mit dem E-Bike erkunden lässt.

Vom „Grand Resort“ in Bad Ragaz aus radelt man zunächst ein Stück am Rhein entlang, der das Tal durchschneidet. Dann geht es mit motorischer Verstärkung mühelos bergauf. Dabei ist es eine Tour mit zahlreichen Schlenkern: durch Maienfeld, vorbei am Heidi-Brunnen, bei dem eine steinerne Heidi auf das plätschernde Wasser linst, kurz über die Grenze des Fürstentums Liechtenstein, das gleich um die Ecke liegt und mit Heidi gar nichts zu tun hat. Ziel ist aber das „Heidi-Dorf“, an dessen Eingang die Skulpturen von Heidi, Peter und den Geißen gerade ein von Japanern und Koreanern belagertes Fotoobjekt sind.

Das touristische Dorf ein paar Meter weiter besteht aus nicht mehr als ein paar idyllischen Häusern mit Ausstellungen, echten Ziegen und unechten Kühen, auf denen Kinder herumturnen. „Hier hat Johanna Spyri ein Mädchen getroffen, das sie zur Heidi-Figur inspirierte“, erklärt die Verkäuferin im Souvenirshop, in dem sich eine etwas lieblose Mini-Ausstellung befindet, die aber noch einmal den globalen Erfolg mit Übersetzungen in mehr als 50 Sprachen und etlichen Verfilmungen vor Augen führt. Das Heidi-Haus ein paar Schritte weiter ist hingegen so hergerichtet, wie die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in der Gegend lebten – mit Heidi und Peter am Küchentisch.

Hoch bis zur Ochsenalp, zur Hütte des Alm-Öhi, schafft es die Gruppe mit dem E-Bikes heute nicht mehr. Stattdessen radelt sie entlang zahlreicher Reben weiter durch das Weingebiet der Bündner Herrschaft. Durch den Föhnwind ist das Klima mild. Die Böden sind kalkhaltig. Ideale Bedingungen für dieses Burgund der Schweiz, wo bereits zahlreiche Pinot-Noirs mit Weltmeistertiteln ausgezeichnet wurden.

Bei der letzten, Heidi-freien Radpause im „Alten Torkel“ in Jenins kann sich auf der Terrasse direkt in den Rebbergen mit Panoramaweitsicht einen Überblick über die Weine ertrinken: 150 sind im Angebot und manch einer begegnet einem im Tal als Begleitung zum Essen wieder – unter anderem bei den feinen Kulinarkreationen in den Gourmet-Restaurants der beiden Spitzenköche Silvio Germann und Sven Wassmer im „Grand Resort“.

Zurück im Tal schenkt auch Anke Scherer beim Tasting im „Grand Hotel“ Wein ein – aber nur einen und dazu vier verschiedene Wasser. Scherer ist schließlich Wassersommelière und zeigt bei dieser Probierstunde, das Wasser nicht gleich Wasser ist und wie die Auswahl des Wassers unter anderem den Geschmack eines Weines beeinflusst.

Eine Wassersommelière? In Bad Ragaz verwundert das nicht, schließlich dreht sich hier vieles ums Thermalwasser, sprudeln doch noch immer 5000 Liter pro Stunde aus der Quelle im Berg. „Das Wasser hat eine ausgewogene Zusammensetzung verschiedener Mineralien“, sagt Scherer. „Außerdem ist die Temperatur mit 36,5 Grad ideal zum Trinken.“

Auch beim Baden in der Therme nebenan sinkt man wohlig in das körpertemperierte Wasser. Auf diese entspannenden Qualitäten wird bei mehreren Wellness-Behandlungen gesetzt, darunter „Haki Flow“. Diese Anwendung beginnt, noch bevor die Therme öffnet. Während in der Stille des frühen Morgens nur das leise Plätschern des Wassers zu hören ist, zieht Haki-Experte Roman Eggenberger einen vorsichtig durch das warme Wasser.

Die Beine bleiben durch eine kleine Boje wie schwerelos an der Oberfläche und die Augen währenddessen geschlossen. Sich treiben lassen. Loslassen. Die Anspannung des Alltags hinter sich lassen. Während man bei Heidi wieder ein wenig zum Kind wurde, fühlt man sich nun ein bisschen wie ein Baby, das im Wasser selig tiefenentspannt hin und her gewogen wird.