Die Natur des Alvar erlebt Comeback

Die Natur des Alvar erlebt Comeback

Auf Muhu werden alte Kulturlandschaften rekultiviert: Touristen dürfen sich über Wiesen mit Insekten, Gräsern und Orchideen freuen. Betreten erwünscht!

Die meisten Reisenden, die auf der estnischen Insel Muhu die Autofähre verlassen, sind nur auf der Durchreise. Die Nationalstraße 10 verläuft quer durch die Insel über einen Damm zum beliebten Ferienziel Saaremaa. Auf Muhu verbleiben nur wenige Gäste: Touristen, denen ein Spaziergang über üppige Blumenwiesen wichtiger ist als eine große Auswahl an Restaurants. Mit dem Fahrrad durchstreifen sie das überschaubare Eiland in zwei Tagen. Doch überschaubar ist auf Muhu nichts - zumindest dann nicht, wenn man eine Pause in den einzigartigen Graswiesen macht. Denn auf einem Quadratmeter Fläche finden sich bis zu 100 verschiedene Arten: Insekten, Gräser, Orchideen und viele andere Blumen.

"Die Alvarlandschaft gehört zu den artenreichsten Regionen der Welt", erklärt Aveliina Helm, Biologin an der Universität Tartu. Sie betreut eines der größten Rekultivierungsprojekte in Europa. Auf Muhu und zwei anderen estnischen Inseln werden 2500 Hektar der ursprünglichen Wiesen rekultiviert. Im 19. Jahrhundert war das Alvar noch die typische Kulturlandschaft in Estland und vielen anderen Anrainerstaaten der Ostsee. Auf Muhus kargem Boden entstanden riesige Wiesen, obwohl die Pflanzen oft nur mit einer dünnen Bodenschicht auf dem felsigen Untergrund auskommen müssen. "Vor 100 Jahren konnte man bei gutem Wetter von jeder Stelle der Insel die mittelalterliche Pfarrkirche in Liiva sehen", berichtet die Biologin. "Doch dann überwucherten Kiefern und Wacholder das Alvar." Und im Schatten der Büsche und Bäume fehlte den Blumen das Licht.

Während der Rekultivierung reißen die Biologen mit schwerem Gerät Kiefern und Wacholder samt Wurzeln aus dem Boden und überlassen die Landschaft dann sich selbst. Nach einem Jahr zeigen sich die ersten Blumen, nach zwei Jahren ist der Artenreichtum deutlich gewachsen, im dritten Jahr blühen auch die seltenen Orchideen des Alvars wieder. Wo die Blumen nicht zurückkehren, hilft Aveliina Helm mit Samen, die sie auf Nachbarwiesen sammelt.

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Die Touristen dürfen daran teilhaben. Das Betreten der Grünflächen ist ausdrücklich erwünscht. Teils reicht der Blick der Spaziergänger bis zur Ostsee, meistens aber auf den Boden. Oder auf die Arme und Beine, wo Insekten eine Zwischenlandung machen. Das Alvar kennt nämlich kein Insektensterben. Es ist der Lebensraum für Fluginsekten wie Bienen, Wespen und Schmetterlinge, für Laufkäfer und allerhand anderes krabbelndes Getier. "Unsere Arbeit wird immer wichtiger, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Insekten in Europa dramatisch zurückgeht", sagt Helm. Die Biologen haben allein 154 Spinnenarten dokumentiert.

Die Zäune am Wegesrand und zwischen den Flächen sollen nur die Rinder und Schafe aufhalten, die auf den Wiesen grasen und die Vegetation im richtigen Gleichgewicht halten, damit das Alvar nicht erneut überwuchert wird. "Die Spaziergänger sollten die Tore hinter sich schließen, wenn sie über die Wiesen laufen", erklärt Aveliina Helm. So bringt der Naturschutz nicht nur die Blumen zurück, sondern auch ein bisschen von der Landwirtschaft. Denn nach anfänglichem Zögern unterstützen viele Landbesitzer das Naturschutzprojekt, die Regierung zahlt ihnen eine kleine Prämie dafür. Doch mittlerweile genießt das Fleisch der Tiere einen exzellenten Ruf und die Landwirte sind doppelt im Vorteil.

Muhu ist nichts für eilige Besucher. Das gemütliche Dorf Kugova im Westen der Insel ist ein Freiluftmuseum, dass aber noch immer von ein paar Familien bewohnt wird, die auch einige Unterkünfte anbieten. Es konnte seinen Charakter erhalten, denn die Gebäude wurden nicht nachträglich aufgebaut, sondern die bestehende Architektur bewahrt. Das kleine Fischerdorf nimmt in der Geschichte Estlands eine Sonderstellung ein. Den Bewohnern wurden schon 1532 besondere Freiheitsrechte eingeräumt, die sie bis ins 19. Jahrhundert behaupten konnten. Heute haben sich die Familien auf den Tourismus eingestellt. Das einzige Café im Ort bietet etwa 30 Plätze.

(rai)