Ein Hoch auf den Tiefpunkt: Deutschlands tiefster Ort Neuendorf

Ein Hoch auf den Tiefpunkt: Deutschlands tiefster Ort Neuendorf

Neuendorf (RPO). Einmal im Jahr, immer im August, kommen Gestalten mit langem Haar, schwarzen T-Shirts und Bier-Atem zu einem Rastplatz direkt an der Landstraße L135. Er liegt in der Gemeinde Neuendorf-Sachsenbande, knapp 70 Kilometer nördlich von Hamburg. Sie hinterlassen kleine Botschaften im Gästebuch und ziehen dann weiter: "Wacken ist das Höchste, hier ist das Tiefste", schreiben sie, oder "ein Hoch dem Tiefpunkt".

Die seltsamen Besucher huldigen einem unscheinbaren, aber besonderen Ort inmitten des schleswig-holsteinischen Flachlands. Der Rastplatz in der Wilstermarsch ist der am tiefsten gelegen Punkt Deutschlands, 3,54 Meter unter Normalnull. Ein Holzpfahl markiert das Niveau des Meeresspiegels. "Tiefste Landstelle der B.R. Deutschland" steht in verschnörkelter Schrift auf dem dunkelbraunen Holzschild.

Dahinter grasen Kühe auf saftig grünen Wiesen, Schafe dösen im Gras. Mannshoher Mais wogt im Wind, Schwalben flattern vorbei, in der Ferne drehen sich gemächlich weiße Windräder. Früher galt ein Punkt im einstigen Freepsumer Meer in Ostfriesland als tiefster Punkt Deutschlands. Allerdings liegt das trockengelegte Gebiet nur 2,30 Meter unter dem Meeresspiegel. Seit 1988 hält Neuendorf-Sachsenbande offiziell den Tiefenrekord.

Die Landschaft strahlt vor allem eines aus: Idylle. Der Blick reicht weit über das platte Land, auf dem verstreut einzelne Bauernhöfe mit Reetdächern und kleine Dörfer mit roten Backsteinhäusern stehen.

Festival auf dem Kuhacker

Nur einmal im Jahr stürmen Metal-Fans aus aller Welt die Region. Sie strömen zum legendären Festival auf den Kuhackern am Rande des Örtchens Wacken, um Stars wie Ozzy Osbourne oder Motörhead live zu erleben. 75 000 Gäste sollen es 2011 gewesen sein. Manche von ihnen machen einen Abstecher an die tiefste Landstelle, die nur zehn Kilometer entfernt in Neuendorf-Sachsenbande liegt. Und schreiben ihre kleinen Botschaften ins Gästebuch.

Auch Frank Prüß profitiert von den langhaarigen Metal-Pilgern. Er betreibt mit seiner Frau Inga das Landgasthaus und Hotel "Zum Dückerstieg", "das tiefste Hotel Deutschlands", wie er sagt. Der Familienbetrieb liegt keine zwei Kilometer vom Rastplatz entfernt. Die gesamte Bühnenbaucrew für das Festival habe sich für drei Wochen eingemietet, auch für das nächste Jahr seien die Zimmer bereits reserviert, sagt Prüß.

  • Gesund im Urlaub: Tipps für die Reise

Nur um den tiefsten Punkt Deutschlands zu sehen, kommt aber kaum jemand. "Der tiefste Punkt Deutschlands ist natürlich nicht so ein Magnet wie die Zugspitze, auch wenn er das Pendant ist", sagt Prüß. "Es ist idyllisch und schön hier. Aber viel zu sehen gibt es nicht. Nur einen Pfeiler und den Wasserstand von verschiedenen Sturmfluten."

Das Gebiet der Wilstermarsch liegt so tief, weil der torfige Boden durch Entwässerung gesackt ist. Natürliche Uferwälle verhinderten, dass sich Sinkstoffe von Überflutungen ablagern konnten.

Outdoor-Aktivitäten bieten sich an

Für einen Urlaub nahe der tiefsten Landstelle bieten sich vor allem Outdoor-Aktivitäten an, sagt Prüß: "Die Elbe ist nicht weit weg, das Meer ist nah. Es ist schön flach, man kann tolle Radtouren machen und große Schiffe am Nord-Ostsee-Kanal beobachten, der sich schnurstracks durch das Land zieht."

Die Wilstermarsch Service GmbH bietet auch Boots- und Kutschtouren für Gruppen, Mühlenbesichtigungen oder Stadtführungen in der Umgebung an. Mit der Zugspitze kann es die tiefste Stelle Deutschlands zwar nicht aufnehmen, gibt Prüß zu. Doch immerhin: "Weit gucken kann man schon. Aber nur, weil es so flach ist."

(tmn)
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