Urlaub in Deutschland: Was Touristen im Winter im Hochschwarzwald erwartet

Von Kirschtorte bis Kultlabel: Das erwartet Touristen im Winter im Hochschwarzwald

Denkt man an den Hochschwarzwald, so kommen einem Kuckucksuhr, Kirschtorte, Bollenhut und Schinken in den Sinn. Doch die Region bietet im Winter viel mehr als das.

Der Kopf: eine Boje, der Bauch: eine Boje, die Hüfte: eine Boje. Was klingt, als hätte man am Kirschwasser nicht nur genippt, birgt tatsächlich die perfekte Auszeit vom Alltag – ganz ohne Alkohol. Waldbaden. „Das Ziel ist, bei sich anzukommen, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen, zu entspannen“, erklärt Erlebnispädagogin Melanie Manns. „Das gelingt oftmals über Sinneserfahrungen oder andere Übungen.“ Wie eben die mit der Boje. Zwar scheint die Vorstellung, mit drei Bojen auf dem zugefrorenen Schluchsee im Hochschwarzwald zu treiben, zunächst abwegig. Wer sich aber einlässt, seiner Wohlfühltemperatur nachspürt, dem wird trotz Minusgraden sommerwarm.

Simon Stiegeler bei der Arbeit zuzuschauen, ist ebenfalls besinnlich. Sanftes Kratzen von Werkzeug auf Holz, Späne, die lautlos zu Boden segeln. Hündin Momo, die im Körbchen leise knackend ein Ästchen kaut.

„Die Verweildauer unserer Kunden ist manchmal länger als in der Wirtschaft. Sie schauen gern zu“, berichtet der Holzbildhauer. Das mag auch an ihm liegen. Denn Stiegeler ist wahrlich aus besonderem Holz geschnitzt. Traditionell, unkonventionell. Im Haus, in dem schon seine Eltern wohnten und arbeiteten, lebt der 43-Jährige mit seiner Frau Lillian und den beiden Töchtern. Schnitzt Krippen, Kreuze und Marienstatuen - „ein Überbleibsel dessen, was meine Eltern gemacht haben“. Vor allem aber fertigt er Fastnachtsmasken, kreiert zauberhafte Flügelwesen, zeitlose Kuckucksuhren und hat - so ganz nebenbei - ein Kultmodelabel auf den Markt gebracht.

Mit T-Shirts, Taschen, Beanies auf denen in der „blackest-forest“-Kollektion gern mal der typische Bollenhut mit Sonnenbrille und Bart kombiniert wird. „Schwarzwälder Motive auf die Spitze getrieben, neu interpretiert“, erklärt Stiegeler.

Später geht es hinaus, zu den verschneiten Hängen und Sascha Bährs Vierbeinern in Lenzkirch. Ein Rudel Siberian Huskys hat Bähr, bietet Touren mit und ohne Schnee an. Aktivwanderungen, Trainingswagen- oder Schlittenfahrten. Seine Nordlichter haben sogar schon mal ein Snowboard gezogen. „Wenn man sie zur Ausfahrt vorbereitet, wird es echt laut.“ Vorfreude auf hündisch.

Bähr teilt Schutzbrillen aus. „Die sind Pflicht, die Hunde laufen vor, wirbeln alles auf.“ Dann geht es los, mit Tempo vom Hof, vorbei an einigen Häusern, in den Wald. Bergab sind über 30 km/h drin. Eine Kleinigkeit für die gut trainierten Sporthunde. Ein großer Traum für viele Huskyfans. So ist die aktuelle Saison bereits nahezu ausgebucht.

Nie ausgebucht dagegen ist die Natur, pur, im Hochschwarzwald. Auf eigene Faust kann man, beispielsweise auf Schneeschuhen, die Landschaft erkunden. Auf ausgeschilderten Schneeschuhtrails lassen sich menschenleere Pfade und in meterlange Zapfen gefrorene Wasserfälle entdecken, ohne aber die Tierwelt zu beeinträchtigen.

Verschneit oder unverschneit lohnt sich ein Rundgang ums Klosterdorf St. Märgen. Aus dem Dorfkern führt Natur- und Landschaftsguide Gerlinde Hermann Richtung Pfisterwald und schwärmt: „Wenn unten im Tal der Frühling beginnt, die erste Blüte kommt und oben noch Schnee liegt – das ist ein herrliches Bild.“

Rodelbahn rechts, Naturspielplatz links, ein Stück bergan, kristallklare Luft in den Lungen. Der Blick aufs Klosterdorf mit Feldberg und Freiburgs Hausberg Schauinsland im Hintergrund – atemberaubend. „Im Vergleich zum dichter bewaldeten Nordschwarzwald sind wir auf der Höhe, haben die freie Sicht, immer tolle Ausblicke“, sagt Hermann.

Im Kloster des beschaulichen Kurortes wartet bereits Herbert Mark und mit ihm die Geschichte der (Kuckucks-)Uhr. Unterhaltsam räumt der Museumsführer mit Klischees auf: „Ich muss Sie desillusionieren, die Kuckucksuhren wurden nicht von einsamen Bauern in langen, kalten Wintern geschnitzt.“ Vielmehr seien es „Instrumentenbauer, Drechsler, Schreiner, eben Leute, die mit Holz zu tun hatten“ gewesen.

160 Uhren präsentiert das Klostermuseum. Eine offene Waaguhr anno 1700 mit Kanonenkugel als Gewicht, Lackschilduhren, Glockenspieluhren mit kleinen Walzen, Kuckucksuhren eben und viel mehr. Ein Genuss.

Wie ein Stückchen Torte. Schwarzwälder Kirsch. Logisch. Aber bitte mit Sahne. „Dass die Sahne gut gekühlt wird, ist unwahrscheinlich wichtig“, erklärt Ramona Bizenberger beim alldonnerstäglichen Schaubacken im Café „Zum gscheiten Beck“ in Feldberg-Bärental. Die Konditorin empfiehlt, „zum Lachen nicht, zum Sahneschlagen schon, in den Keller zu gehen“. Kalt aufgeschlagen, „ohne Sahnesteif“, „ohne Gelatine“, wird der Rahm im Zusammenspiel mit Mürbteig, Schokobiskuit, Kirschwasser, Sauerkirschen, abgebundenem Kirschsaft und Schokoladenraspeln zu - köstlich. Bizenberger geht die Schichtarbeit leicht von der Hand.

Vater Erich brennt das 45-prozentige Kirschwasser für die hauseigene Kirschtorte. Sowie 40 weitere Schnäpse und rund 20 Liköre in „Erichs Schnapshäusle“ direkt neben dem Cafè. Angegliedert ist ein Schnapsmuseum mit etlichen Raritäten.

Eine Rarität findet sich auch im Gasthaus „Zum Kreuz“ in St. Märgen. Eine Räucherkammer von 1921 auf dem Dachboden. Seit Generationen räuchert die Inhaberfamilie Schwer Schwarzwälder Schinken nach altem Rezept über Rieswellen, Reisigbündeln aus Fichten- und Weißtannenholz vom eigenen Hof. „Die Weißtanne ist der Urschwarzwälderbaum“, erklärt Juniorchef Matthias Schwer und zeigt auf einen riesigen, alten Holzzuber im Schuppen des Gasthauses: „Darein kommen die Schweinekeulen mit Wacholder, Lorbeer, Pfeffer, ganz klassisch, trocken gesalzen.“ Zwölf Keulen pro Winter. „Mehr Platz ist nicht in der Räucherkammer.“

Ist der Hausschinken fertig, kreiert Schwer damit kulinarische Highlights irgendwo zwischen Molekular und Slowfood. Wie so oft im Hochschwarzwald treffen sich in seiner Küche Tradition und Moderne.

(felt/dpa)
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